Russell Berman: Die Corona-Krise und die Rückkehr des Nationalstaats

Carl Blechen - Stürmische See mit Leuchtturm (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Kulturwissenschaftler Russell A. Berman lehrt an der Stanford University und war Mitglied des Planungsstabs des Außenministeriums der USA. Ihm zufolge offenbart die gegenwärtige Krise, dass es sich wesentlichen Grundannahmen liberaler und progressiver Ideologien um Illusionen handele. Dazu gehöre vor allem die „Illusion des Postnationalismus“.

Die Vorstellung, dass der Staat, insbesondere der Nationalstaat, eine überholte Institution darstelle, die immer schwächer werden und schließlich aus der Geschichte verschwinden müsse, habe sich in der Krise als Irrtum erwiesen:

  • Die Krise erinnere daran, dass „die Welt voller Bedrohungen steckt“ und „dass es der eigentliche Zweck des Staates ist, auf alle Gefahren zu reagieren, die das Leben der politischen Gemeinschaft aufs Spiel setzen.“
  • Die Fähigkeit, in „selbstgeschaffenen Institutionen zu leben, die unseren Traditionen und Hoffnungen entsprechen“, beruhe auf dem kollektiven Willen zur Verteidigung gegen äußere Bedrohungen. Der Staat  habe sich in der Krise als geeignetes „Instrument zur Selbsterhaltung der politischen Gemeinschaft“ gegen existenzielle Bedrohungen erwiesen. Die „Rede gegen den Staat“ sei daher eine Rede zugunsten von Kapitulation und Machtlosigkeit.“
  • Souveränität sei „die Fähigkeit nationaler Gemeinschaften, über ihr Schicksal zu entscheiden.“ Freiheit werde nicht durch „globale Illusionen“ verteidigt, sondern durch „Einsatz für den Staat“ und somit durch „Patriotismus“. Dies hätten insbesondere die Staaten Osteuropas erkannt, die „aus guten Gründen“ an ihrer Souveränität festhalten würden.

Auch die Globalisierung habe sich in Teilen als strategischer Fehler erwiesen. Die gegenwärtige Krise offenbare, dass die Globalisierung von Lieferketten Gesellschaften verwundbarer gemacht habe, weil dadurch Abhängigkeiten entstanden seien. Eine „Ent-Globalisierung“ sei die geeignete Antwort darauf.1

Hintergrund

Der Soziologe Armin Nassehi verwies ebenfalls darauf, dass sich der Nationalstaat in der Krise als der fähigste Akteur der Krisenbewältigung erwiesen habe:

„Wer glaubt, der Staat sei nicht so wichtig, erlebt gerade, dass in Zeiten grundlegender Krisen eine Gesellschaft ohne Staat und ohne staatlich garantierte Infrastrukturen nicht überlebensfähig ist. Es ist interessanterweise aber eine Rückkehr des Nationalstaats – nicht etwa die Europas. Europa ist in dieser Krise bislang ein ziemlicher Ausfall. Ich sehe nicht, dass Europa den Italienern groß geholfen hätte in diesen harten Zeiten. Nationalstaatliche Strukturen scheinen im Augenblick stärker zu sein als die supranationalen.“2

Der Soziologe Heinz Bude betonte, dass im Angesicht der Krise „nicht Europa, sondern zuerst der Nationalstaat“ Schutz biete. Der Nationalstaat werde als krisenfeste Solidargemeinschaft aufgrund dieser Erfahrung künftig wahrscheinlich wieder größere Bedeutung gewinnen.3

Quellen

  1. Russell Berman: „Der Corona-Moment. Die Welt ist voller Bedrohungen. Nur der Nationalstaat kann die Freiheit verteidigen“, Neue Zürcher Zeitung, 02.04.2020.
  2. „Es passiert gerade etwas, von dem wir immer gesagt haben: Das geht nicht“, spiegel.de, 01.04.2020.
  3. „Soziologe zu Merkel-Rede. ‚Die Kanzlerin hat sich gegen chinesische Lösungen positioniert’“, welt.de, 20.03.2020.