Wirtschaftliche Eliten in den USA erwarten eine globale Zivilisationskrise

David Roberts - Die Zerstörung Jerusalems (Wikipedia Commons/gemeinfrei)

Bereits vor dem Beginn der Corona-Krise gab es Anzeichen dafür, dass unter den Angehörigen wirtschaftlicher Eliten in den USA verstärkt die Möglichkeit gravierender gesellschaftlicher Verwerfungen und einer globalen Zivilisationskrise in Erwägung gezogen wird. Unter besonders wohlhabenden Persönlichkeiten sowie Führungskräften von Finanz- und Technologieunternehmen setzte dort um 2015 ein Phänomen ein, das Beobachter als „elite survivalism“ bezeichneten. Der früher dort zu vorherrschende Fortschrittsoptimismus weicht seitdem zunehmend negativen Annahmen, was die Zukunftsfähigkeit globalisierter Gesellschaften angeht.

Als Gründe dafür würden die zunehmende Verwundbarkeit moderner Gesellschaften in Folge ihrer Abhängigkeit von Technologie und globalen Lieferketten, die erwarteten Folgen des Klimawandels sowie die Erwartung einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und die Furcht vor deren sozialen Folgen angegeben. Außerdem würde geäußert, dass erwartet werde, dass die amerikanische Gesellschaft aufgrund ihrer ethnischen, kulturellen und politischen Polarisierung nicht mehr hinreichend resilient sei, um entsprechende Krisen bewältigen zu können. Es herrsche zudem nur geringes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politik und Medien. Viele besonders wohlhabende Persönlichkeiten würden sich auf eine globale Zivilisationskrise vorbereiten und hätten sich Fluchtorte in Staaten wie Neuseeland angelegt:

  • Antonio Garcia Martinez, eine ehemalige höhere Führungskraft von Facebook, erklärte, dass er von vielen anderen Führungskräften in seiner Branche wisse, die entsprechende Vorbereitungen getroffen hätten. Persönlichkeiten, die tiefere Einblicke in gesellschaftliche Abläufe hätten, würden verstehen, dass sich die amerikanische Gesellschaft auf „sehr dünnem kulturellen Eis“ bewege.
  • Tim Chang, der Leiter eines im Bereich Venture Capital tätigen Unternehmens, berichtete, dass Führungskräfte von im Silicon Valley ansässigen Technologieunternehmen bei privaten Zusammenkünften verstärkt über ihre persönlichen Krisenvorbereitungen sprechen würden. Die Einrichtung von Fluchtorten spiele dabei eine besondere Rolle. Er selbst habe sich einen solchen Ort eingerichtet. Steve Huffman, ein Mitbegründer von Reddit, schätzte, dass rund die Hälfte der wohlhabendsten Persönlichkeiten der Technologiebranche in den USA solche pessimistischen Erwartungen teilten.1
  • Peter Thiel, ein Mitbegründer von Paypal und der erste Großinvestor bei Facebook, besitzt einen Fluchtort in einem unzugänglichen Teil Neuseelands.2

Der Medientheoretiker Douglas Rushkoff berät Investoren „aus den Führungsetagen der Hedgefonds-Welt“ zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen von technischen Innovationen. In Beratungsgesprächen sei deutlich geworden, dass dieser Personenkreis davon ausgehe, dass globale Krisen katastrophalen Ausmaßes bevorstehen könnten. Diese globale Krise werde allgemein als „das Ereignis“ bezeichnet, als dessen mögliche Auslöser man einen ökologischen Zusammenbruch, soziale Unruhen, „einen unaufhaltsamen Virenausbruch oder einen vernichtenden Hackerangriff“ annehme. Man reagiere darauf mit der Suche nach einem „Rettungsboot für die Elite“ in Form sicherer Rückzugsräume für sich selbst und das eigene Vermögen.

„Trotz all ihrer Macht und ihres Vermögens“ glaubten die Angehörigen wirtschaftlicher Eliten „nicht daran, dass sie die Zukunft noch beeinflussen können“. Sie würden daher „das düsterste aller Szenarien“ akzeptieren und „jede denkbare Summe Geld, jede denkbare Technologie“ darauf verwenden, „um sich dagegen abzuschirmen“.3

Bewertung und Hintergrund

Im Zuge der Erosion der kulturellen Substanz westlicher Gesellschaften werden diese immer verwundbarer. Es besteht daher die Möglichkeit, dass diese Gesellschaften den Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, an einem Punkt in der Zukunft nicht länger standhalten könnten. Die oben beschriebenen Krisenerwartungen, die eher als Ausdruck einer allgemeinen Ahnung zu verstehen sind und keine Prognose darstellen, beruhen offenbar weitgehend auf der zunehmenden Wahrnehmung dieser Verwundbarkeit.

Der Geograph Jared Diamond, der den Zusammenbruch von Gesellschaften untersuchte, hatte in diesem Zusammenhang gewarnt, dass aufgrund zunehmender globaler Vernetzung und Wechselwirkungen erstmals in der Geschichte der Menschheit das Risiko bestehe, dass die Krise einer Zivilisation zu einer globalen Zivilisationskrise werden könne.4 Solche Zusammenbrüche stellten kein Phänomen dar, das auf die Vergangenheit beschränkt sei. Sie seien außerhalb der westlichen Welt auch in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit zu beobachten gewesen. Man müsse sich angesichts der Entwicklung des westlichen Kulturraums und dessen immer größerer Verwundbarkeit die „quälende Frage“ stellen, ob „ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen“ könne.5

Entsprechende Prognosen und andere Stimmen von Experten haben wir hier zusammengestellt.

Quellen

  1. Osnos Evan: „Survival of the Richest“, New Yorker, 30.01.2017.
  2. Niklas Maak: „Die Stunde der Urbanophobie“, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, 18.04.2020.
  3. Douglas Rushkoff: „Nur die Reichsten überleben“, Süddeutsche Zeitung, 11.07.2018.
  4. Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt a. M. 2005, S. 40.
  5. Ebd., S. 15-18.