Hans Joas: Das Problem der Entfremdung der Kirche von der Nation

Philipp Veit - Die Einführung der Künste in Deutschland durch die Religion (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2018 erschien ein Band mit dem Titel „Beten bei Nebel. Hat der Glaube eine Zukunft?“, der ein Gespräch zwischen ihm und Robert Spaemann wiedergibt. Joas äußerte sich hier auch zum Problem der Entfremdung der Kirche von der eigenen Nation in Deutschland.1

Joas sieht in dieser Entfremdung einen Ausdruck einer konfessionsübergreifenden Entfremdung der Kirche vom Menschen, die wesentlich zu Glaubensverlust beitrage. In Staaten wie Polen oder auch den USA, wo die Kirche ein deutlich positiveres Verhältnis zur Nation habe, sei Glaubensverlust daher weniger stark ausgeprägt:

„Meiner Meinung nach sind es nicht einheitliche Modernisierungsphänomene, wie immer diese auch heißen, die zur Säkularisierung im Sinne von Glaubensverlust führen. Für mich ist dafür die Erfahrung der religiösen Vitalität der USA ganz zentral. […] Wenn der Glaubensverlust also nicht an der Modernisierung als solcher liegt, dann muss man genauer hinschauen, woran er liegen kann. Meine Auffassung ist, dass die Haltung von Kirchen und Religionsgemeinschaften zu wenigen Schlüsselfragen entscheidend ist. Etwa die Haltung zur nationalen Frage […]. Das lässt sich auch an der Heterogenität der europäischen Landkarte zeigen, die eben, was die Säkularisierung angeht, nicht einheitlich ist. Polen und Irland sind bekannte Beispiele, die dortige Religiosität hat eben auch mit der Haltung der Kirchen zur nationalen Frage zu tun.“2

Die Entfremdung der Kirche von der Nation in Deutschland habe ihre Wurzeln darin, dass der von der liberalen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert vertretene nationale Gedanke „un- oder antichristlich“ geprägt gewesen sei. Die darauf beruhende Nationsbildung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert sei daher mit einer allgemeinen „Entfremdung der Menschen von den Kirchen und Religionsgemeinschaften“ verbunden gewesen. Vor allem die katholische Kirche habe darauf mit einer negativen Einstellung zur Nation reagiert.3

Als Beispiel für einen gelungeneren Umgang der Kirche mit dem Thema Nation erwähnt Joas auch Frankreich. Dort habe die Kirche dem Nationalismus der Französischen Revolution ein traditionelles, im abendländischen Denken verwurzeltes Konzept der Nation gegenübergestellt.

Hintergrund und Bewertung

Pauschal negative Positionierungen aus der Kirche gegenüber der eigenen Nation stehen im Widerspruch zum Solidaritätsprinzip der christlichen Soziallehre. Die Antwort der Soziallehre auf das Problem des Nationalismus war nie die Ablehnung der Nation oder die Flucht vor der Auseinandersetzung mit diesem kontroversen Thema, sondern im Gegenteil der Versuch, extremen Ideologien ein besseres Verständnis der Nation gegenüberzustellen:

  • Von Anfang an bejahten Christen die Nationen, in denen sie lebten, und strebten danach, sie im Sinne des Christentums zu gestalten. Hugo Rahner sprach in diesem Zusammenhang von „Vaterlandsliebe der Märtyrerkirche“.4
  • Papst Johannes Paul II. formulierte eine Theologie der Nation und einen christlichen Patriotismus, der das Wohl einzelner Menschen, das Gemeinwohl einzelner Nationen und das globale Gemeinwohl gleichermaßen berücksichtigt. Dieser christliche Patriotismus stellt sich sowohl den Extremen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Extremen der nach Auflösung von Nationen strebenden neo-marxistischen, neo-liberalen und postmodernen Ideologien entgegen.5
  • Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) betonte, dass Christen in allen Staaten in denen Patrioten sein müssten, auch in solchen, die ihnen ablehnend gegenüberstehen. In jeder Lage müssten Christen versuchen, Staaten aufzubauen und das Gute in ihnen zu stärken. Der Christ sei „in dem Sinn immer staatserhaltend, dass er das Positive, das Gute tut, das die Staaten zusammenhält.“6

Der frühere Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner unterstrich aufgrund der Entfremdung der Kirche von der Nation die Bejahung des Patriotismus durch die christliche Soziallehre:

„Mir scheint, daß die Zeit gekommen ist, sich bei uns wieder auf die christliche Botschaft vom Verhältnis des Menschen zum Volk, zum Vaterland, zum Staat zu besinnen. Nach christlichem Verständnis gründet die Liebe zum Vaterland in der ehrfürchtigen Hingabe jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Gott, unseren Eltern und dem Land unserer Väter, wo unsere Wiege stand, dem Land, dem wir durch die gemeinsame Heimat, die gemeinsame Abstammung, die gemeinsame Geschichte die gemeinsame Kultur, die gemeinsame Sprache schicksalshaft verbunden sind.“7

Weitere Impulse bezüglich der Bejahung der Nation durch die christliche Soziallehre haben wir hier vorgestellt.

Quellen

  1. Hans Joas/Robert Spaemann: Beten bei Nebel. Hat der Glaube eine Zukunft?, Freiburg i. Br. 2018.
  2. Ebd., S. 30 f.
  3. Ebd., S. 31.
  4. Hugo Rahner: Kirche und Staat im frühen Christentum, München 1961, S. 33.
  5. Johannes Paul. II.: Erinnerung und Identität. Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden, Augsburg 2004.
  6. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 64 f.
  7. Joseph Höffner: In der Kraft des Glaubens, Band 2, Freiburg i. Br. 1986, S. 612.