Dietrich Bonhoeffer: Christlicher Widerstandskämpfer und abendländischer Patriot

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 de)

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war als Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes der Wehrmacht Teil des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Heute vor 75 Jahren wurde er zusammen mit anderen Widerstandskämpfern im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Im Gedenken an ihn und sein Werk wird meist ausgeblendet, dass sein gelebtes Christentum nicht nur von einer kämpferischen Haltung, sondern auch von einem abendländischen Patriotismus sowie von einer konservativen Skepsis gegenüber den Ideologien der Moderne geprägt war.

Bonhoeffers geistige Wurzeln im christlichen Konservatismus

Die evangelische Theologin Sabine Dramm stellte in einem ihrer Werke über Bonhoeffer dessen Verwurzelung im konservativen Denken heraus. Sie kritisierte Versuche, das Werk Bonhoeffers politisch zu instrumentalisieren und dabei dessen Nähe zum nationalkonservativ geprägten Widerstand zu ignorieren oder auszublenden.1 Sie wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Bonhoeffer selbst nicht nationalkonservativ, sondern eher wertkonservativ geprägt gewesen sei.2

Eberhard Bethge, ein enger Vertrauter und späterer Biograph Bonhoeffers, schrieb über dessen politische Weltanschauung, dass sie heute wie ein Ausdruck „eines vergangenen Konservativismus“ erscheine.3 Der Historiker Herbert Ammon sah im Denken Bonhoeffers eine „geschichtsphilosophisch grundierte, theologisch antiliberale, konservativ-christliche Weltsicht“ vorherrschen, die „einherging mit patriotischen, in deutscher Kultur und Geschichte verwurzelten Motiven“, was Bonhoeffer geistig zu einem der „Exponenten des deutschen national-konservativen Widerstands“ gemacht habe.4

Der abendländische Patriotismus Bonhoeffers

Bonhoeffer empfand sich als deutscher Patriot und erklärte 1939, dass er kein Recht haben werde, „am Wiederaufbau christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfungen dieser Zeit nicht mit meinem Volk teile.“ Bonhoeffers Patriotismus war zugleich abendländisch geprägt. Das Überleben der deutschen Nation war für ihn seinen eigenen Worten zufolge nicht vom Überleben der christlichen Zivilisation in Deutschland zu trennen, weshalb er sich um Widerstand gegen den nationalsozialistischen Staat entschloss.5 Die Folgerung aus Krieg und Totalitarismus war für ihn, „daß nur auf dem Boden des Christentums ein Wiederaufbau des Lebens der Völker im Innern und Äußern möglich ist“.6

Nationalismus lehnte Bonhoeffer aus seinem abendländischen Denken heraus ab. Er bejahte, ein Deutschland, dass „durch Arbeit, Wissenschaft, Geist“ eine „Stellung in der Welt“ einnehme. Das deutsche Volk sah er dabei aber als Teil einer abendländischen Völkerfamilie an, deren „besten Kräfte“ um Frieden untereinander ringen müssten.7

Die Symbole dieses abendländischen Deutschlands waren für ihn „die Dome von Naumburg, Bamberg, Nürnberg“. Die Nation war für ihn „eine gemeinsame Aufgabe […], also etwas, was die Kluft der Generationen überwindet.“ Einen jungen Freund rief er 1942 dazu auf, er solle sich an seiner Stelle und mit dem ihm gegebenen Möglichkeiten „als ein Glied in der langen Folge dieser Geschlechter […] sehen, die für ein schönes, echtes und – frommes Deutschland gelebt haben und es noch tun“.8

Moderne Ideologien und die „Auflösung alles Bestehenden“

Bonhoeffer wandte sich entschieden gegen den Fortschrittsoptimismus moderner Ideologien. Diese hätten „die Bedeutung des Vernünftigen und Gerechten auch im Geschichtsablauf immer wieder überschätzt“.9 Er kritisierte die Tendenz gutwilliger Menschen, die sich aufgrund eines säkularen Optimismus nicht der Realität des Bösen stellen wollten, zur Naivität und zum Wunschdenken. Sie würden häufig die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, nicht oder nur unvollständig erkennen, „in bester Absicht und naiver Verkennung der Wirklichkeit“.10

Hinter der Rhetorik von Fortschritt und Gerechtigkeit verberge sich gegenwärtig das Böse:

„Daß das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgrundtiefen Bosheit des Bösen.“11

In Folge der Französischen Revolution sei eine „abendländische Gottlosigkeit“ sowie eine „Religion aus Feindschaft gegen Gott“ entstanden, die den Menschen als Gott verehre. Nationalismus und die Verherrlichung der Masse und somit auch der Nationalsozialismus gehörten zu den geistigen Produkten der Revolution und ihres Nihilismus12

Das Abendland sei christusfeindlich geworden und es drohe „Auflösung alles Bestehenden“, der die christlichen Kirchen als Hüter des Erbes des Mittelalters und der Reformation“ in einer „feindseligen Welt“ gegenüberständen. Neben ihnen stehe „der Aufhaltende“ bzw. „jener Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“.13

Christen als dienende Elite

Bonhoeffer bezeichnete den Dienstgedanken als Kern des Christentums. Der Christ sei so wie Christus für andere Menschen da. Das „Für-andere-dasein“ Christi bis in den Tod hinein sei die eigentliche Transzendenzerfahrung. Glaube bestehe darin, an diesem Sein Christi teilzunehmen „ein neues Leben im ‚Dasein-für-andere‘“ zu beginnen.14

Auf diesem Gedanken beruhte auch Bonhoeffers Idealbild des Christen als Angehörigem einer im Dienst stehenden Elite. Die Bewahrung des Geistes und der Werke des abendländischen Deutschlands sei die Sache „der wenigen, die sie mit ihrem Leben hüten und schützen“. Um „das stille Heiligtum der großen Güter“ werde sich „ein neuer Adel bilden“, der auf „Demut, Glaube und Opfer“ beruhe.15 Dieser neue Adel werde seinen Glauben durch Taten beweisen. Sein Wille zu Handeln komme aus der Verantwortungsbereitschaft bzw. beruhe auf der Bereitschaft, die Konsequenzen einer Handlung auf sich zu nehmen.16

In „anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sei, von der Gleichheit des Menschen Zeugnis zu geben“. In der Gegenwart hingegen hätten Christen „für die Achtung […] menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten“. Die „billige Verdächtigung unsozialer Gesinnung“ als Antwort auf eine praktizierte elitär-christliche Haltung „muß entschlossen in Kauf genommen werden“, denn dies sei Ausdruck der „bleibenden Vorwürfe des Pöbels gegen die Ordnung“. Wer „hier weich und unsicher wird, begreift nicht, worum es geht“.

Man stehe „mitten im Prozeß der Verpöbelung in allen Gesellschaftsschichten und zugleich in der Geburtsstunde einer neuen adligen Haltung, die einen Kreis von Menschen aus allen bisherigen Gesellschaftsschichten verbindet“.17

Unter dem Druck der Verfolgung durch totalitäre Ideologien und zum Schutz der Geheimnisse des christlichen Glaubens vor Profanisierung müssten Christen zudem zur Arkandisziplin des frühen Christentums zurückkehren.18

Den Typus des zu Dienst und Opfer entschlossenen Christen beschrieb Bonhoeffer 1942 so:

„Wer hält Stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Lebens nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Fragen und Ruf.“19

Für Christen gebe es keine aussichtslosen Lagen, da sie erkannt hätten, dass immer die Option bleibe, „unsere Seele aus dem Chaos zu retten und zu bewahren, und in ihr das Einzige zu erkennen, das wir wie eine ‚Beute‘ aus dem brennenden Haus tragen“.20

Stärke und Tapferkeit als christliche Tugenden

Bonhoeffer betonte im Gegensatz zu liberalen Strömungen im Christentum die Bedeutung von Stärke und Tapferkeit als christlichen Tugenden. Ein Mangel an diesen Tugenden sei für Christen in schwierigen Zeiten nicht angemessen, da sie Vorbild für andere sein müssten. Er kritisierte vor diesem Hintergrund einen Mangel an tapferer Haltung bei einigen Mitgefangenen, „von denen der eine den ganzen Tag heult, der andere sich – buchstäblich – während der Alarme […] die Hosen vollmacht“. Er empfinde „Verachtung“ gegenüber jenen, „die anderen gegenüber hart sein konnten und große Reden über ein gefährliches Leben etc. halten und selbst bei der geringsten Belastungsprobe zusammenklappen“ und „winseln“, was „rundweg eine Blamage“ sei. Der Anblick eines solchen Mangels an Haltung gehöre „zum ekelhaftesten […] was ich bisher hier gesehen habe“. Es gebe eine „Schwäche, für die das Christentum nicht zuständig ist und gerade für sie will man es in Anspruch nehmen und beschmutzen“.21

Es sei „der Vorzug und das Wesen der Starken“, dass „sie die großen Entscheidungsfragen stellen und zu ihnen klar Stellung nehmen können“. Die Schwachen müssten „sich immer zwischen Alternativen entscheiden, die nicht die ihren sind.“22 Nicht die Bosheit, „sondern die Schwäche der Menschen ist das, was die Menschenwürde am tiefsten entstellt und herabzieht.“23 Der starke Mensch sei in erster Linie hart gegen sich selbst: „Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.“24 Christliche Keuschheit sei in diesem Zusammenhang „nicht ein Verzicht auf Lust, sondern eine Gesamtausrichtung des Lebens auf ein Ziel“ und die „Voraussetzung für klare und überlegene Gedanken.“25

Quellen

  1. Sabine Dramm: V-Mann Gottes und der Abwehr. Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand, Gütersloh 2005, S. 237 f.
  2. Ebd., S. 289.
  3. Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer, Reinbek 1976, S. 117.
  4. „Dietrich Bonhoeffer – christlicher Abendländer und deutscher Patriot“, globkult.de, 26.04.2010.
  5. Dramm 2005, S. 16.
  6. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 84.
  7. Jörgen Glenthöj, Ulrich Kabitz, Wolf Krötke (Hrsg.): Konspiration und Haft 1940-1945, Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 16, Gütersloh 1996, S. 222.
  8. Ilse Tödt et al. (Hrsg.): Dietrich Bonhoeffer: Ethik, Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 6, Gütersloh 1998, S. 465 f.
  9. Bonhoeffer 2016, S. 155.
  10. Ebd. S. 10.
  11. Ebd. S. 10.
  12. Tödt et al. 1998, S. 113-115.
  13. Ebd., S. 123.
  14. Bonhoeffer 2016, S. 204.
  15. Dietrich Bonhoeffer: Ich habe dieses Volk geliebt. Zeugnisse der Verantwortung, München 1961, S. 51 f.
  16. Bonhoeffer 2016, S. 154 f.
  17. Christian Gremmels/Eberhard Bethge/Renate Bethge (Hrsg.): Widerstand und Ergebung, Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 8, S. 32.
  18. Bonhoeffer 2016., S. 144.
  19. Ebd., S. 12.
  20. Ebd., S. 154.
  21. Ebd., S. 112-113.
  22. Ebd., S. 200.
  23. Ebd., S. 206.
  24. Ebd., S. 208.
  25. Ebd., S. 201.