Aleida Assmann: Die Rückkehr der Nation in Europa

Georg Friedrich Kersting - Die Kranzwinderin (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann lehrt an der Universität Konstanz. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Erforschung des kulturellen Gedächtnisses von Gesellschaften. In einem jetzt erschienenen, noch vor dem Beginn der COVID-19-Krise entstandenen Aufsatz setzt sie sich mit den Ursachen der verstärkten Hinwendung zur Nation auseinander, die vor allem in Osteuropa zu beobachten ist.

Die Neigung zur pauschalen Abwertung der Nation in Deutschland sei paradoxerweise Ausdruck eines nationalistischen Denkens, das die eigenen historischen Erfahrungen verallgemeinere. Gesellschaften müssten sich als Nationen verstehen, wenn sie integrationsfähig und krisenfest sein wollten.

Die Schwächen der Geistes- und Sozialwissenschaften im Umgang mit dem Thema Nation

Assmann widerspricht der in den Geistes- und Sozialwissenschaften verbreiteten Annahme, dass sich „die Nation aus der Geschichte verabschiedet“ habe und „auf dem Weg in eine kosmopolitische ‚Weltgesellschaft‘ früher oder später von selbst auflösen“ werde:

  • Diese Wissenschaften seien in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für tatsächliche Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Thema Nation blind gewesen. Ihre Akteure hätten jede Auseinandersetzung mit dem Thema unter den Verdacht gestellt, Nationalismus zu produzieren, von dem man befürchte, dass er zu Nationalsozialismus führe.
  • Sie selbst habe lange den Ansatz geteilt, der „in der Forschung ein klares Stoppschild gegen die Erforschung nationaler Gedächtnisse“ errichtet habe. Der Grund dafür sei gewesen, dass sie so wie ihre Kollegen „progressiv, links und kosmopolitisch“ eingestellt sei. Man habe die eigene ideologische Position durch Forschung stärken wollen und dabei die Nation vergessen.

Dieses „Desinteresse an der Nation und die Tabuisierung alles Nationalen“ habe die politische Rechte gestärkt, die die Nation nicht ignoriert habe.1

Die pauschale Ablehnung der Nation in Deutschland als Ausdruck nationalistischen Denkens

Die in Deutschland verbreitete pauschale Ablehnung der Nation sei paradoxerweise Ausdruck eines nationalistisch verkürzten Denkens, das die eigene historische Erfahrung verallgemeinere. Während es die deutsche Erfahrung sei, dass exzessiver Nationalismus zu Kriegen und Katastrophen führe, hätten andere Völker die entgegengesetzte Erfahrung gemacht. Das polnische Volk etwa habe die Nation in Folge nationalsozialistischer und kommunistischer Versuche, die polnische Nation auszulöschen, als etwas erfahren, wovon das eigene Überleben abhänge, weshalb man die eigene Nation hier schützen und bewahren wolle.2

Der seit den 1980er Jahren in postmodernen westlichen Gesellschaften verstärkt zu beobachtende Versuch, die eigene Nation negativ darzustellen um „fest etablierte positive nationale Selbstbilder ins Wanken“ zu bringen, habe sich daher in vor allem in Osteuropa nicht durchsetzen können.3

Es gibt keine Alternativen zur Nation

Alternativen zur Nation seien laut Assmann nicht in Sicht. Sie sei als Institution notwendig, da „ein Land ohne klares Selbstbild und ein gewisses Maß an Gemeinsinn“ kaum dazu in der Lage sei, Menschen verschiedener ethnischer, kultureller und sozialer Hintergründe zu integrieren. Niemand könne sich mit einer „Leerstelle“ identifizieren oder etwas zur ihr beitragen, selbst wenn er es wollte. „Bande der Loyalität können sich kaum entwickeln“, wo ein nationales Bewusstsein in einer Gesellschaft fehle.4 Man müsse daher „positive Werte und Ideen mit der Nation verknüpfen“ und sich „in Zeiten der politischen Gefahr auch für sie einsetzen“.5

Die Entstehung und Pflege nationaler Identität

Nationale Identität sei ein Produkt der kollektiven Erinnerung, die einen sozialen Rahmen schaffe, der ein Gemeinwesen festige:

„Erinnert wird, was die Identität der Gruppe stärkt, und die Identität der Gruppe befestigt die Erinnerungen. Mit anderen Worten: das Verhältnis zwischen Erinnerungen und Identität ist also zirkulär.“

Der „Mythos der Nation“ entstehe durch die bewusste Weitergabe der Erinnerungen, die ein Gemeinwesen stützen:

  • Das nationale Gedächtnis fokussiere sich „stets auf einen ruhmreichen, ehrenwerten oder zumindest akzeptablen Ausschnitt“. Helden und Märtyer sowie Siege seien daher wesentliche Bestandteile traditioneller kultureller Erinnerung.
  • Das nationale Gedächtnis könne nur drei Rollen von Akteuren akzeptieren, „die des Siegers, der das Böse überwunden hat, die des Widerstandskämpfers und Märtyrers, der gegen das Böse gekämpft hat, und die des Opfers, das das Böse passiv erlitten hat“. Alles, was außerhalb davon stehe, sei kaum in das kollektive Gedächtnis integrierbar.

Ob Erinnerungen weitergegeben werden, hänge allgemein davon ab, „ob sie gebraucht werden, das heißt: ob sie dem gewünschten Selbstbild der Gruppe und ihren Zielen entsprechen oder nicht“. In Paris gebe es beispielsweise nur U-Bahn-Stationen, die nach den Siegen Napoleons benannt seien. Eine Waterloo Station finde man hingegen in London.6

Die Wurzeln des nationalen Gedankens im maskulin-soldatischen Ethos

Der nationale Gedanke, der den Schutz und die Bewahrung des eigenen Gemeinwesens anstrebe, habe seine Wurzeln in einem maskulin-soldatischen Ethos bzw. im „männlichen kriegerischen Geist einer alten aristokratischen Kultur“. Es stamme „aus einer heroischen Kriegerkultur, die männlichen Mut, Enthusiasmus und Patriotismus hochschätzt, weil sie in einer Kriegergesellschaft die Voraussetzung für herausragende Heldentaten sind“.7 Die „(ur)alten Prinzipien der Kriegergesellschaft“ beruhten auf einem „thymotische“ Impuls, der nach Verteidigung des eigenen Gemeinwesens strebe und mit einem auf Schutz und Bewahrung hin orientierten Verständnis von männlicher Ehre verbunden sei. Auf ihm beruhe der „Mythos des Krieges“ und der „Mythos von heroischer Tat, Männlichkeit sowie einer Polarisierung von Freund und Feind“.8

Die Risiken des nationalen Gedankens

Der nationale Gedanke sei mit Risiken verbunden, die in Europa katastrophale Folgen gehabt hätten. Im 20. Jahrhundert habe der nationale Gedanke die Nation sakralisiert und sich in eine „nationale Religion“ hineingesteigert. Die „Megalo-Thymia“ bzw. das übersteigerte Streben nach kollektiver Ehre dieser Zeit sei mit einer Hoffnung auf eine „Erneuerung durch Gewalt“ verbunden gewesen. Das Streben nach kollektiver Ehre und nach Bejahung des Eigenen könne zudem Revanchegedanken fördern und eine Aussöhnung zwischen Nationen sowie historische Lernprozesse behindern.9 Thymotische Impulse müssten gebändigt werden, damit der nationale Gedanke seine Stärken entfalten könne.

Hintergrund

Die christliche Soziallehre bejaht die Nation als Träger einer spezifischen Kulturidee und den Nationalstaat als Gestaltungsrahmen des Gemeinwohls. Nationalstaaten sind aus der Sicht christlicher Weltanschauung die Grundlage einer die Vielfalt der Völker und Kulturen achtenden internationalen Friedensordnung und haben sich, was die Sicherstellung des Gemeinwohls angeht, als das bislang leistungsfähigste Staatsmodell in der Geschichte der Menschheit erwiesen. Das Nationsverständnis der Soziallehre haben wir hier näher beschrieben.

Das Christentum schuf zudem die kulturellen Grundlagen dafür, dass die Nationen Europas im Mittelalter entstehen konnten. Die Pflege und Bewahrung ihres Erbes ist eine Forderung der christlichen Soziallehre. Der seit dem 19. Jahrhundert in Europa hervorgetretene Nationalismus stellt einen modernen Fremdkörper im europäischen Erbe dar, weil er sich gegen die christlichen Wurzeln der europäischen Nationen und ihre auf dem geteilten abendländischen Erbe beruhende Einheit wendet und sie zu zerstören versucht. Eine Rückbesinnung auf die Nation im Sinne der christlichen Soziallehre könnte daher auch nationalistischen Tendenzen wirksam entgegenwirken, wie sie gegenwärtig unter anderem in der in Deutschland zunehmend zu beobachtenden pauschalen und klischeehaften Abwertung der Nationen Osteuropas zum Ausdruck kommen.

Quellen

  1. Aleida Assmann: „Erinnerung, Identität, Emotionen. Die Nation neu denken“, Blätter für deutsche und internationale Politik, S. 3/2020, S. 73-86, hier: S. 73-74.
  2. Ebd., S. 75.
  3. Ebd., S. 80.
  4. Ebd., S. 75.
  5. Ebd., S. 86.
  6. Ebd., S. 79-81.
  7. Ebd., S. 78.
  8. Ebd., S. 83-84.
  9. Ebd., S. 82-86.