Ivan Krastev: Langfristige politische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Europa

Michiel Sweerts - Die Pest in einer antiken Stadt (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Ivan Krastev leitet das Center for Liberal Strategies in Sofia. In einem aktuellen Aufsatz untersucht er die möglichen langfristigen gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Europa.

Es sei noch zu früh, um endgültige Bewertungen darüber abzugeben, wohin die Krise Europa führen werde. In jedem Fall werde die Krise jedoch „einige Grundannahmen infrage stellen“, auf denen die politische Ordnung Europas gegenwärtig noch aufbaut. Krastev erwartet in diesem Zusammenhang vor allem die folgenden Veränderungen:

  • Wachsende Bedeutung des Staates: Die Pandemie werde „den Staat auf ganzer Linie zurückbringen“, weil nur staatliche Institutionen die kollektive Abwehr der Pandemie organisieren könnten.
  • Ende der Ideologie der offenen Grenzen und Rückkehr der Nation: Die gegenwärtige Lage bringe „einmal mehr den Nimbus der Grenzen zum Vorschein“ und werde „dazu beitragen, die Rolle der Nationen innerhalb der Europäischen Union zu stärken“. Die Lage zwinge Regierungen dazu, sich auf die Sicherstellung des Wohls ihrer Bürger zu konzentrieren. Die Errichtung von Grenzen zwischen Staaten, aber auch zwischen Individuen, werde gegenwärtig zur Überlebensfrage. Es gebe daher „keine europäische Regierung mehr, die sich für die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge einsetzt.“ Da die Bedrohung durch die Pandemie keine ethnische Komponente habe, erwartet Krastev im Zuge dieser Hinwendung zur Nation jedoch kein Erstarken eines ethnischen Nationalismus.
  • Umkehr von Globalisierungsprozessen: Die Krise scheine „die Ängste der Globalisierungsgegnerinnen und -gegner zu legitimieren“ und könne zum „Ground Zero der Globalisierung“ werde. Es sei aber noch fraglich, ob populistische Akteure in Folge dessen stärker würden. Diese hätten „womöglich recht […], aber keine Lösung.“
  • Stärkere Sensibilität gegenüber Bedrohungen: Ob die Pandemie erfolgreich bewältigt werden könne, hänge vor allem davon ab, ob Menschen ihr Verhalten ändern bzw. ob sie die entsprechenden staatlich angeordneten Einschränkungen akzeptieren. Dies werde nicht geschehen, solange die Bedrohung durch die Pandemie von Regierungen nicht hinreichend erkannt und vermittelt werde. In der Krise würden die Regierungen, Staaten und Gesellschaften bestehen, die Bedrohungen nicht kleinreden.

Hintergrund

Krastev steht dem klassischen Liberalismus nahe, dessen Leistungen er durch Fehlentwicklungen im postmodernen Liberalismus bedroht sieht. Zusammen mit dem Politikwissenschaftler Stephen Holmes hatte er die Krise des Liberalismus und der darauf beruhenden politischen Ordnungen in Europa im Buch Das Licht, das erlosch analysiert.

In seinem Buch Europadämmerung hatte er sich außerdem mit den negativen Auswirkungen ungesteuerter Migration auf Europa auseinandergesetzt. Diese habe entscheidend zur wachsenden Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa sowie zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Spannungen in Europa beigetragen. Insbesondere in Osteuropa stehe man aufgrund der eigenen historischen Erfahrungen internationalistischer Ideologie skeptisch gegenüber und lehne utopische Experimente, welche die eigene nationale Souveränität und kulturelle Homogenität gefährdeten, daher tendenziell ab. Nur ein Europa der Nationen könne eine Zukunft haben.

Weitere Beiträge zu Fragen der kulturellen Resilienz im Zusammenhang mit der COVID-19-Krise finden Sie auf der Themenseite unseres diesbezüglichen Projekts.