Heinz Bude: Solidarität als Grundlage krisenfester Gesellschaften

Aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry - Juli (Detail, gemeinfrei)

Der Soziologe Heinz Bude lehrt an der Universität Kassel. In einem kürzlich erschienenen Buch sowie einer Reihe von Gesprächen beschrieb er das Prinzip der Solidarität als eine der Grundlagen eines krisenfesten Gemeinwesens. Familie und Nation würden als krisenfeste Solidargemeinschaften angesichts der COVID-19-Krise künftig wieder größere Bedeutung gewinnen. Westliche Gesellschaften würden zudem konservativer werden, weil der Konservatismus den Wert der solidarischen Bindungen betone, deren Notwendigkeit Menschen schon bald wieder verstärkt erkennen würden.

Die Rückkehr des konservativen Solidaritätsverständnisses in Krisenzeiten

Das mit der gegenwärtigen Krise verbundene „Empfinden von Verwundbarkeit“ werde ein starkes Bedürfnis nach „wechselseitiger Sorge und Verantwortung“1 und somit nach Solidarität erzeugen, weil viele Menschen nun erkennen würden, dass sie aufeinander angewiesen seien, um die Krise und ihre Folgen bewältigen zu können. Auch das stärkste Individuum könne dies nicht alleine leisten.2 In Folge dessen werde es zu einer „Abkehr von einem neoliberalen Selbst- und Gesellschaftsbild“ kommen:

„Die Botschaft des Virus lautet: Der Neoliberalismus ist vorbei! Die Globalisierung ist kein Naturgesetz! Das Individuum ist verletzlich! Daraus folgen eine Hochschätzung der kleinen Lebenskreise, das Bewusstsein von der Notwendigkeit einer nicht rein marktförmigen Fundamentalökonomie und die Wendung von einem normativen zu einem existenziellen Denken.“

Krisen würden konservative Tendenzen stärken, weil der Konservatismus den Wert der Bindungen betone, auf die die Menschen nun wieder angewiesen seien:

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir überall in den westlichen Gesellschaften eine Tendenz zum Konservativen haben. Bindung, Erbe, Gemeinschaft sind die großen Themen, die die Leute packen.“3

Solidarität als konservatives Prinzip

Laut Bude beruhe Solidarität auf auf einem „Denken von einem Erbe her“, das eine Verpflichtung begründe.4 Solidarität sei „nicht das Ergebnis einer Abmachung, sondern ergibt sich aus der Akzeptanz einer Schuld.5 Sie sei somit „nichts anderes als die dankbare Hinnahme“ des Erbes und der Bindungen, in denen der Mensch sich wiederfinde und von denen er abhängig sei:

„Wir alle geben ein Erbe weiter, und wir alle sind auf die Mitmenschen angewiesen, die uns weiterhelfen […]. Solidarität ist nichts anderes als die dankbare Hinnahme dieser sozialen Tatsache. Deshalb besuchen wir Museen, erziehen unsere Kinder und schätzen unsere Freunde und Bekannten. Dadurch praktizieren wir ohne den Zwang von Gesetzen und ohne die Aufsicht von Gouvernanten Solidarität.“6

Der Solidaritätsgedanke beruhe auf einem Menschenbild, das den Einzelnen nicht als „Atom des Ganzen“ betrachte, das „seine Freiheit als Beliebigkeit seiner Wünsche und Bedürfnisse vor allen anderen behauptet“, sondern als Gemeinschaftswesen, das im Rahmen von Bindungen lebe, die  seine Freiheit begrenzen.7

Der Nationalstaat als krisenfeste Solidargemeinschaft

„Schutz und nicht Freiheit“ werde künftig das beherrschende Thema in westlichen Gesellschaften sein. Bereits die Bewegungen der Gelbwesten in Frankreich sowie die für den Brexit seien aus dem Gefühl vieler Menschen heraus entstanden, von der Politik gegenüber den Kräften der Globalisierung „der Schutzlosigkeit preisgegeben worden zu sein“.

Schutz biete in der gegenwärtigen Lage jedoch „nicht Europa, sondern zuerst der Nationalstaat“. Dass die gegenwärtige Pandemie eine Folgeerscheinung der Globalisierung sei, werde diesen Impuls zusätzlich verstärken.8

Viele Menschen würden sich daher künftig wieder zur eigenen Nation hinwenden:

„Der Sozialstaat, das Gesundheitssystem, die landschaftlichen Reservate und regionalen Lebensweisen − das sind die Themen, die die Post-Corona-Politik bestimmen werden. […] Die Menschen lieben ihre Freiheiten, aber der Staat soll für den dazu nötigen Schutz sorgen. Damit sind zuerst der spanische, der finnische, der schwedische und der deutsche Staat angesprochen. Auch wenn die Prinzipien universell, die Vernetzungen global und die Gefahren planetarisch sind.“9

Solidarität setze zudem „immer ein belastbares ‚Wir‘“ und somit starke Institutionen wie einen Staat voraus:

„Es braucht, um füreinander da sein zu können, auch eine gemeinsame Stimme, und das ist die Stimme des Staates. Es wächst das Bedürfnis nach einem Staat, der nicht diktatorisch oder paternalistisch auftritt, sondern den Geist dieser Solidarität bekräftigt. Das ist ein ganz wichtiger Impuls für die Zukunft.“10

Im Nationalstaat verbindet sich die Nation als krisenfeste Solidargemeinschaft mit dem Staat als starker Institution.

Natürliche Bindungen und geteilte kulturelle Identität als Voraussetzungen von Solidarität

Laut Bude benötige ein Gemeinwesen in Krisenzeiten „Solidaritätsressourcen“ in Form von natürlichen Bindungen.11 Solidarität werde faktisch meist in Form von exklusiver Solidarität praktiziert, die sich auf die eigene Gemeinschaft beziehe, etwa die eigene Nation.12

Damit ein Mensch sich solidarisch verhalte, benötige er die Gewissheit, dass sein Altruismus nicht ausgenutzt werde. Dies erfordere das Vertrauen, dass derjenige, dem gegenüber er sich altruistisch verhält, diesen Altruismus mit hoher Wahrscheinlichkeit erwidern wird. Dieses Vertrauen sei zwischen Menschen, die sich in wesentlichen Aspekten ihrer Identität ähnelten, am größten.

Solidarität beweise sich Bude zufolge in Form von Opfern, die für eine Gemeinschaft erbracht werden. Je größer das erforderliche Opfer, desto stärker müssten laut Bude auch die Bindungen sein, die den Einzelnen mit einer Gemeinschaft verbinden.13

Gemeinsame Identität könne dabei auch in der Krise entstehen oder durch diese gestärkt werden. Der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg habe etwa auch auf der gemeinsamen Erfahrung von Not sowie der Erfahrung des Krieges beruht, in dem Menschen sich „jenseits von Stand und Klasse“ als Kameraden erfahren hätten. Außerdem hätten die Folgen des Krieges die Wahrnehmung dessen in den Vordergrund gestellt, was die Völker Europas miteinander verbinde.14

Hintergrund und Bewertung

In der abendländischen politischen Philosophie, die auf dem über Jahrhunderte hinweg in vielen Krisen und Katastrophen gewonnenen Erfahrungswissen beruht, spielt das Solidaritätsprinzip eine zentrale Rolle. Eine Zusammenstellung von Impulsen zu diesem Thema findet sich auf unserer entsprechenden Themenseite, in die auch die oben beschriebenen Gedanken Budes mit eingeflossen sind.

Nur in einem Punkt neigt Bude dazu, sich gedanklich in den Bereich des Utopischen zu begeben. Er hofft auf die Möglichkeit einer „inklusiven Solidarität“, die sich nicht auf eine eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen, sondern auf die gesamte Menschheit beziehen solle. Er nimmt an, dass auch fremde Menschen auf im Voraus gewährte Solidarität positiv reagieren und von dem gezeigten Vertrauen so überwältigt sein würden, dass sie darauf ihrerseits mit Solidarität reagieren würden.15 Alle Beobachtungen des Verhaltens von Menschen in Krisen legen jedoch das Gegenteil nahe. Wer krisenbedingt über knappe Ressourcen verfügt und die Wahl hat, damit ihm nahe oder fremde Menschen zu unterstützen, wird praktisch immer näherstehende Menschen bevorzugen, gegenüber denen er größere Verantwortung trägt und von denen er mit größerer Wahrscheinlichkeit die Erwiderung solidarischen Handelns erwarten kann. Es wäre daher unangemessen, in Krisensituationen mit der von Bude beschriebenen „inklusiven Solidarität“ zu planen.

Weitere Beiträge, die sich mit der Krisenfestigkeit von Gesellschaften vor dem Hintergrund der aktuellen COVID-19-Krise auseinandersetzen, können auf unserer entsprechenden Themenseite abgerufen werden.

Quellen

  1. „‚Als hätten viele noch nicht kapiert, worum es geht'“, zeit.de, 21.03.2020.
  2. „Corona-Krise. ‚Die Angst macht uns zu wilden Egoisten‘“, sueddeutsche.de, 19.03.2020.
  3. „‚Als hätten viele noch nicht kapiert, worum es geht'“, zeit.de, 21.03.2020.
  4. Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee, München 2019, S. 127.
  5. Ebd., S. 25.
  6. Ebd., S. 28.
  7. Ebd., S. 30.
  8. „Soziologe zu Merkel-Rede. ‚Die Kanzlerin hat sich gegen chinesische Lösungen positioniert’“, welt.de, 20.03.2020.
  9. „Zeit für Zusammenhalt“, Berliner Zeitung, 18.03.2020.
  10. „‚Als hätten viele noch nicht kapiert, worum es geht'“, zeit.de, 21.03.2020.
  11. „‚Konservative denken kein Wir mehr‘“, Die Welt, 09.03.2019.
  12. „Corona-Krise. ‚Die Angst macht uns zu wilden Egoisten‘“, sueddeutsche.de, 19.03.2020.
  13. Bude 2019, S. 30.
  14. Ebd., S. 81 f.
  15. Heinz Bude: ‚Es gibt eine Sehnsucht nach Solidarität'“, Südwest Presse, 04.01.2020.