Ernst Jünger: Glaube im Angesicht der Krise

Ernst Jünger (Urheber: Hoibo, CC BY 4.0)

Der Schriftsteller und Offizier Ernst Jünger (1895-1998) wäre heute 125 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass greifen wir die Gedanken Jüngers darüber auf, wie der Mensch sich angesichts und innerhalb der Krisen und Katastrophen der modernen Welt verhalten solle. Jüngers Antwort, die auf seiner intimen Erfahrung mit solchen Situationen beruhte, war ein von soldatischer Haltung und mystischer oder esoterischer Weltschau geprägter Glaube.

Hintergrund: Ernst Jünger als soldatisch geprägter Metaphysiker

Jüngers Werk stützt sich auf die Erfahrung mit Extrem- und Krisensituationen, die er unter anderem als Offizier im Ersten Weltkrieg und als Fremdenlegionär aktiv suchte. Nachdem er die Ambivalenz der Technik im Massenzeitalter bereits im Frühwerk durchdacht hatte, wandte er sich prinzipielleren Fragen der Welt-Anschauung und insbesondere auch esoterischer Welt-Entschlüsselung zu. Als philosophischer Schriftsteller gehört er zu den wenigen im 20. Jahrhundert, die außerhalb der Bindungen von Konfessionen, Ideologien oder Schulen die Möglichkeit eines metaphysischen Weltzuganges zeigten. Alexander Pschera bezeichnete Jünger als „mythologisch denkenden Mystiker“.

Unter dem Eindruck des Wirkens antichristlicher totalitärer Ideologien wandte er sich über Jahrzehnte hinweg schrittweise auch dem Christentum zu. Als Mitarbeiter des Widerstandskämpfers General Carl-Heinrich von Stülpnagel verfasste er 1943 eine Denkschrift, in der er das Christentum als Grundlage einer europäischen Friedensordnung beschrieb. 1996 wurde er nach langer, bis zum Ende seines Lebens nicht abgeschlossener religiöser Suche in die katholische Kirche aufgenommen.

In seinem 1951 erschienenen Werk Der Waldgang tritt die für Jünger typische Verbindung zwischen soldatischer Haltung und religiöser Mystik besonders deutlich hervor.1 Gestützt auf seine Erfahrungen unter nationalsozialistischer Herrschaft und angesichts der anhaltenden Bedrohung durch den Kommunismus und der Möglichkeit, dass aus dem Materialismus westlicher Gesellschaften ein dritter Totalitarismus hervorgehen könnte, rechnete Jünger damit, dass Europa und der Welt eines Tages noch größere Krisen und Katastrophen bevorstehen würden. Die Antwort Jüngers darauf war eine kämpferische Form religiöser Mystik.

Der Waldgang: Die Ergreifung des Menschen durch Gott

Mit dem Bild des „Waldgangs“ beschrieb Jünger die geistige Trennung von der modernen Welt auf der Grundlage der Erkenntnis, dass diese dazu verurteilt ist, in einer Katastrophe zu enden. Das Bild beschreibt gleichzeitig die Ergreifung des Menschen durch Gott.

Der Wald ist bei Jünger ein Symbol für den Ort der Begegnung des Menschen mit Gott. Der Wald sei ein „Heiligtum“, der „Ort des Wortes“ (Jünger verwendet hier einen Christusbezug) und der innere Ort, an dem der Mensch „göttlicher Macht“ begegne. An diesem Ort könne „der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden“. Die „Lehre vom Walde“ sei das große Thema der Märchen, der Sagen, der heiligen Texte, der Mysterien“. Das, was Jünger als „Wald“ bezeichnet, somit in großen Teilen identisch mit dem, was die christliche Mystik des Mittelalters den „Seelengrund“ nannte. Dies sei der Ort, an dem Gott in die Seele des Menschen hineinrage und an dem der Mensch daher Gott begegnen könne.

Jünger spricht davon, dass der Waldgänger sich den „Ursitzen der Kraft“ und dem zuwende, was das „sakrale Fundament der Kirchen“ bilde. Von dort ausgehend findet der Waldgänger Zugang zu „kosmischer Macht“, zu den „Quellen des Überflusses“ und zu den „Schatzkammern des Seins“. Theologe sei jener, der um das „Rätsel der ewigen Quellen“ wisse. „die unerschöpflich und immer nahe sind.“ Gelänge es dem Menschen, auch nur für „unmeßbare Augenblicke in sie einzutreten, so wird er Sicherheit gewinnen“, und das Zeitliche verlöre für ihn seinen drohenden Charakter.

Die Kulturen der Menschheit seien unbedeutend im Vergleich zu der Urkraft, die sie hervorbrachte. Sie seien wie Muscheln, die ein großer Strom hinterlassen habe. Dieser Strom sei nicht versiegt, sondern fließe in der modernen Welt unterirdisch weiter. Der Mensch werde ihn entdecken, wenn er in sich gehe:

„Überall residiert ein gewaltiges Leben für den, der seine Symbole errät. Moses klopft mit dem Stab an die Felswand, aus der das Wasser des Lebens springt. Ein solcher Augenblick reicht dann für Tausende von Jahren aus.“

Der Mensch sei dem „Überfluß ganz nahe“ und könne vom ihm ergriffen werden, wenn er danach suche. Der Waldgang sei eine religiöse Erfahrung, und wem sie zuteil wurde, der „überschritt die Säume, an denen Worte, Begriffe, Schulen, Konfessionen noch wichtig sind“. Auch heute gehe „Heilung vom Numinosen aus“, und es sei „wichtig, daß der Mensch, zum mindesten ahnend, sich von ihm bestimmen läßt“. Verloren sei hingegen derjenige, der „den Zugang zu diesen Quellen verliert“ und die Suche nach ihnen aufgibt.

Materialistische Ideologien als Ursache der kommenden Katastrophen

Jüngers Werk ist von einer tiefen Skepsis gegenüber allen modernen Ideologien geprägt. Die Unterschiede zwischen ihnen seien „politisch-technische Vordergründe“ und sie seien sich so ähnlich, „daß man sie unschwer als Verkleidungen ein und derselben Macht errät“.

Modernes Denken sei materialistisch, leugne alles Geistige und betrachte den Menschen nur als ein „zoologisches Wesen“. Dieser Materialismus führe letztlich zu Barbarei und Tyrannei bzw. „in die Bereiche zunächst des puren Nutzens, sodann der Bestialität.“ Die Moderne beschreibt Jünger als „die große Leere“ und spricht von einer „wachsenden Wüste“.  Die moderne Welt gleiche der Titanic auf dem Weg zu ihrer Begegnung mit dem Eisberg. An Bord des Schiffes könne es keine Rettung vor der Katastrophe geben. Man müsse darauf vorbereitet sein, „daß man einige Stunden im Eiswasser übersteht“.

Die Herrschaft materialistischer Ideologien beruhe auf der Lüge, dass der Mensch nur eine materielle Natur habe und „daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei“. Der von diesem Denken beeinflusste Mensch werde zu einem jederzeit gefügig zu machenden Sklaven, weil es für ihn nichts geben könne, das den Einsatz des eigenen Lebens rechtfertigen könne. Der Angriff dieser Ideologien auf die Seele des Menschen finde aus „dem finstersten Abgrund“ statt. Es seien „Anschläge im Gange, die auf anderes als auf bloße Enteignungen oder Liquidierungen abzielen“, und es solle „keine Bastionen mehr geben, auf denen der Mensch sich unangreifbar und damit furchtlos fühlt.“

Der Glaube als uneinnehmbare Festung

Der Glaube habe größere Kraft als selbst die stärkste totalitäre Weltanschauung, denn er befähige den Menschen dazu, zu sterben. Totalitäre Ideologien wüssten um die Kraft des Glaubens und würden daher „selbst so harmlose Wesen wie die Ernsten Bibelforscher mit Ingrimm verfolgen“.

Wo es Unsterblichkeit gebe, „ja wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen, an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann.“ Der Mensch, der um die Unsterblichkeit seiner Seele wisse, erkenne, „daß ein ewiges Leben in ihm ist, unerforschtes und doch bewohntes Land, das er selbst leugnen mag, doch das keine zeitliche Macht ihm rauben kann“.

Es gelte, den Zugang zu dieser Erkenntnis wieder freizulegen. Bei „vielen, ja bei den meisten“ gliche dieser Zugang einem Brunnen “in welchen seit Jahrhunderten Trümmer und Schutt geworfen sind“. Beseitige man diese, „so findet man am Grunde nicht nur die Quelle, sondern auch die alten Bilder vor“. Der Reichtum des Menschen sei „unendlich größer, als er ahnt“. Es sei „ein Reichtum, den niemand rauben kann und der im Lauf der Zeiten auch immer wieder sichtbar anflutet, vor allem wenn der Schmerz die Tiefen aufgegraben hat.“

Die Konfrontation mit der Katastrophe als Weg zu Gott

Man befinde sich „hart am Abgrunde“. Sich dies bewusst zu machen, stelle ein heilsames „geistiges Exerzitium“ dar, weil es in „die Nähe großer, rettender Mächte“ führe. „Die Schrecken“ seien „ja Weckrufe“ und ein „Hinweis auf Überwelten, zu denen der Anschluß verloren ging“. Auch „die scharfe Umschreibung dessen, was verloren gegangen ist“, könne dem Menschen helfen, sich aus der Niedrigkeit des Materialismus heraus zu begeben und nach größeren Dingen zu suchen, bis Gott ihn finde. Je stärker den Menschen bewusst werde, was ihnen bevorstehe und was der Grund dafür sei, „desto brennender wird der Durst nach den ihr überlegenen Ordnungen.“

Jünger betonte, dass der von ihm beschriebene Glaube „in den großen Treibjagden, Kesseln und Schinderhütten unserer Welt“ gefunden werde. Das „Mythische“ steige „zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor“. Man begegne ihm „im Bannkreis der höchsten Gefahr“. Dort „wird das Rettende tiefer gesucht werden“. Jünger vergleicht diese Erfahrung mit der einer Wiedergeburt. Im tiefsten Abgrund könne der Mensch an einen Punkt gelangen, an dem die „gewaltige Macht des Zweifels bricht“. Dem folge „der Verlust der Angst“ und es werde eine Urkraft im Menschen freigesetzt, der die „reinen Zeitmächte nicht standhalten“ könnten.

Die bevorstehenden Katastrophen würden auch eine „Reifeprüfung“ darstellen, weil sie prüfen, „in welchem Maße Menschen und Völker noch original gegründet sind“ und ob „wenigstens noch ein Wurzelstrang unmittelbar das Erdreich aufschließt“. An „diesen Grenzen“ trete der „Mensch in seine theologische Prüfung“ ein. Hier zeige sich, ob „Elemente in ihm leben, die keine Zeit verstört“. Ist dies der Fall, „kann der Gang gewagt werden“ und der Mensch sei bereit, das erforderliche Opfer zu bringen.

Der Waldgang sei in erster Linie ein Todesgang, der zumindest „hart an den Tod heran“ führe, „ja, wenn es sein muß, durch ihn hindurch“. Christus habe dies vorgemacht und mit seinem „Blute Substanz in die Geschichte eingeführt“. Ihm sei das Heer der Märtyrer gefolgt, die stärker gewesen seien „als die Cäsaren, stärker als jene Hunderttausend, die sie in die Arena einschlossen.“ Immer bliebe „ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis“ zwischen dem „Weg in hohe Reiche, zum Opfertode“ oder „in die Niederungen der Sklavenlager und Schlachthäuser“.

Der Waldgänger als Kämpfer

In der Krise habe der Mensch die Wahl, „ob er die Partie verloren geben oder sie aus innerster und eigener Kraft fortsetzen will“. Der ungebrochene, durch den Glauben befreite Mensch erkenne hier seine Berufung zur Tat und entschließe sich zum Waldgang. Er sei ein Kämpfer, der sich den mächtigen Fiktionen der Zeit“ entgegenstelle zum „vielleicht aussichtslosen Kampf“ im „Widerstand gegen die Zeit“. Er „gedenkt sich zu verteidigen, indem er nicht nur Mittel und Ideen der Zeit verwendet, sondern zugleich den Zugang offen hält zu Mächten, die den zeitlichen überlegen“ seien.

Der Waldgänger schaffe Oasen in der Wüste der modernen Welt. Er sei kein bloßer politischer Oppositioneller und auch kein innerer Emigrant, der sich in sein Inneres zurückziehe und sich damit begnüge, seine Ruhe zu haben. Man könne sich nicht „darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird.“

Der durch den Glauben zum Opfer seins Lebens befreite Mensch sei frei und könne ohne Rücksicht auf sein zeitliches Leben handeln:

„Dann sinken Diktaturen in den Staub. Hier liegen die kaum angeschürften Reserven unserer Zeit, und nicht nur der unseren. […] [I]mmer erscheinen die Riesen und Titanen in gleicher Übermacht. Der Freie fällt sie, er braucht nicht immer ein Fürst und Herakles zu sein. Der Stein aus einer Hirtenschleuder, die Fahne, die eine Jungfrau aufnahm, und eine Armbrust haben schon genügt.“

Jene, die auf dem Weg der Erfahrung mit der Katastrophe bereits zum Glauben gefunden hätten, müssten zugleich denen helfen, die noch gefangen seien „in der Einöde rationalistischer und materialistischer Systeme“. Alle Menschen seien von Gott mit der nötigen Freiheit und Entscheidungsfähigkeit ausgestattet worden, um Waldgänger werden zu können. Bei „dem Stande, zu dem die Dinge vorgeschritten sind“, seien „vielleicht nur einer unter hundert zum Waldgang fähig“, aber auf die Zahlenverhältnisse komme es nicht an, sondern auf die Qualität.

Ein noch zu gründender Orden solle Menschen dabei unterstützen, den Weg des Waldgängers zu gehen und zudem die Auseinandersetzung mit materialistischen Ideologien als geistige Bewegung führen, „die sich den Nihilismus als Feld sucht und mit ihm anlegt, als Spiegelbild im Sein.“

Quellen

  1. Ernst Jünger: Der Waldgang, Frankfurt am Main 1951.