COVID-19, Kapitän Arma und die Rückkehr des traditionellen Dienstethos

Kapitän Gennaro Arma (Urheber: First Officer Vincenzo Guardascione/Princess Cruises)

Gennaro Arma ist der Kapitän des Kreuzfahrtschiffs Diamond Princess, das zeitweise unter Quarantäne stand, nachdem dort Fälle von COVID-19 festgestellt worden waren. Insgesamt infizierten sich mehrere hundert der Passagiere des Schiffes, von denen einige starben. Kapitän Arma gelang es in dieser Situation, eine Panik zu verhindern. Er wurde dadurch in Italien zu einer Symbolfigur für das traditionelle Dienstethos, das zur Bewältigung von Lagen wie der gegenwärtigen Corona-Krise erforderlich ist.

Kapitän Gennaro Arma und das traditionelle Dienstethos

Das traditionelle, christlich-abendländische Dienstethos betont die Pflicht des Mannes, im Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen Risiken für das eigene Wohlergehen in Kauf zu nehmen. Es beruht auf dem Gedanken, dass es die Berufung des Mannes ist, in Erweiterung seiner Rolle als Vater Verantwortung für andere Menschen und für das Gemeinwohl zu übernehmen. Der Vater, der Soldat oder eben auch der Kapitän eines Schiffes sind Beispiele für die archetypischen Rollenbilder, die mit diesem Ethos verbunden sind.

Darstellungen des Wirkens von Kapitän Arma an Bord der Diamond Princess zeichnen das Bild einer Persönlichkeit, die von diesem Ethos geprägt ist. Er habe laut einer Darstellung etwa „einen alten Ehrenkodex befolgt, der eng verknüpft ist mit der Regel ‚Frauen und Kinder zuerst‘, und das Schiff demonstrativ erst dann verlassen, nachdem alle Passagiere und Besatzungsmitglieder versorgt waren. Er selbst erklärte, dass es seine „einzige Aufgabe“ sei, sich „um die Passagiere und die Crew zu kümmern“.

In seinen Botschaften an Passagiere und Besatzung stützte er sich durchgängig auf traditionelle, archetypische Bilder und Motive, wobei er auch aus der Bibel zitierte, und appellierte an einen traditionellen Ehrbegriff, etwa mit dieser Aussage:

„Wenn wir als Familie zusammenstehen, bin ich zuversichtlich, dass wir diese Reise gemeinsam erfolgreich zu Ende bringen werden. Die Welt schaut auf uns. Das ist ein weiterer Grund für uns alle, unsere Stärke zu zeigen“.1

An seine Mannschaft richtete er bei einem gemeinsamen abschließenden Mahl diese Botschaft:

„Wir alle befinden uns auf der letzten Etappe unserer Reise. Bleibt stark, passt auf euch auf. Wir werden sie so beenden, wie wir begonnen haben: gemeinsam. Danke, meine Gladiatoren, und buon appetito.“

Der Publizist Stefan Kruecken schrieb über Arma, dass dessen Handeln zeige, dass die Seefahrt „noch immer eine Domäne der Männer“ sei, unter denen ein „Anspruch von Ritterlichkeit gepflegt“ werde. Laut der Journalistin Isabella Ceccari sei Arma zum Symbol eines Italiens geworden sei, das niemals aufgibt. Sein Dienst an den Menschen, für die er Verantwortung trug, sei ein Beispiel für „Strenge, Hingabe und Menschlichkeit“. Auch traditionelle Begriffe wie „Ehre“ und „Heldentum“ waren in diesem Zusammenhang wieder zu hören. Ein Passagier wurde mit den Worten zitiert, dass er sich wünsche, „dass solche Männer unser Land führen.“

Das beschriebene Ethos wurde zwar nur im christlich-abendländischen Erbe umfassend als Ideal beschrieben, ist jedoch universeller Art. Seine Träger müssen weder Männer sein, noch einer europäischen Kultur angehören oder herausgehobene Positionen einnehmen, wie unter vielen anderen das Beispiel der südkoreanischen Stewardess Park Ji-young zeigt, die 2014 beim Untergang der Fähre Sewol zahlreichen Schulkindern das Leben rettete, wobei sie selbst den Tod fand.

Die Rückkehr des traditionellen Dienstethos in Krisensituationen

Das traditionelle, christlich-abendländische Dienstethos beruht auf kollektivem Erfahrungswissen bezüglich der Bewältigung existenzieller Herausforderungen und schwieriger Lagen. Seine europäische Form geht auf das militärische und aristokratische Ethos des antiken Griechenlands sowie auf römische Impulse zurück. An diese knüpfte die christlich-abendländische Kultur Europas im Mittelalter an, die zugleich den Dienstgedanken als eigenen Impuls betonte.

Der Träger dieses Ethos nimmt Krisen vor allem als Gelegenheiten zum Dienst und zur Entfaltung seiner Berufung wahr. Johanna von Orleans, die große katholische Soldatenheilige, brachte dies mit dem von ihr häufig wiederholten Satz zum Ausdruck: „Dafür bin ich geboren“.2 Der Prophet Jesaja drückte diese Haltung in einem kurzen Gebet aus: „Hier bin ich. Sende mich, Herr“.3

  • Je mehr Männer von Typus eines Kapitän Arma einem Gemeinwesen in einer Krise zur Verfügung stehen, desto besser kann es diese bewältigen. Kritik an den vermeintlichen Übeln des Patriarchats wurde vermutlich deshalb im Zusammenhang mit dem betont patriarchalen Auftreten Armas bislang nicht laut.
  • Ein resilientes Gemeinwesen verankert in seinem kollektiven Gedächtnis die Erinnerung daran, dass bislang jede Zeit der Stabilität und des Friedens ein Ende hatte, und trägt Sorge dafür, dass seine Kultur und seine Institutionen ausreichend Männer wie Kapitän Arma hervorbringen.
  • Der Archetyp des Helden, den Arma repräsentiert, ist in Krisensituationen für ein Gemeinwesen von hoher Bedeutung. Der Held beweist durch seine Bereitschaft zum Opfer, dass ihm das Gemeinwesen oder dessen Menschen wichtiger sind als seine eigenen Interessen. Dies belegt auf glaubwürdige Weise, dass diese Dinge es wert sind, dass man für sie Opfer bringt. Dadurch entsteht Zuversicht bei Beobachtern sowie der Wunsch zur Nachahmung, was die Resilienz des Gemeinwesens insgesamt stärkt.
  • Krisen können ein Gemeinwesen trotz der mit ihnen verbundenen Opfer und Verluste allgemein stärken, weil sie von vielen Menschen rückblickend als Quelle sinnstiftender Erfahrungen betrachtet werden. Ein Grund dafür ist, dass existenzielle Fragen in solchen Situationen wieder in den Vordergrund treten. Außerdem setzen Krisen die Angehörigen eines Gemeinwesens unter Druck, die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und im Sinne des Gemeinwohls zusammenzuarbeiten, was soziale Bindungen erneuern kann. Zudem machen in solchen Situationen viele Menschen erstmals in ihrem Leben die Erfahrung, dass sie gebraucht werden.

Im Zuge von Krisen gewinnt zudem Religion als Quelle des traditionellen Ethos an Bedeutung. Ein Grund dafür ist, dass Krisen auf besondere Weise Transzendenzerfahrungen ermöglichen. In militärischen Einsätzen ist dieses Phänomen zu beobachten, wenn Soldaten Risiken auf sich nehmen, um andere zu schützen, und dabei den Tod finden. Einigen von denen, die dies miterleben, erscheint die Botschaft des Christentums anschließend nicht mehr als bloße theologische Abstraktion. Von solchen Erfahrungen kann enorme Wirkung ausgehen, die in manchen Fällen sogar bis zu diesem Zeitpunkt vollständig nichtreligiöse Menschen dafür öffnet, selbst zum Dienst berufen zu werden.

Wir danken der Reederei Princess Cruises für die freundliche Genehmigung zur Verwendung des Beitragsbildes.

Quellen

  1. Zit. nach Karen Krüger: „Der Kapitän geht von Bord“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2020.
  2. Guido Görres: Die Jungfrau von Orleans, Regensburg 1834, S. 31.
  3. Jes 6, 8.