Byung-Chul Han: Die Krisenblindheit des Neoliberalismus und ihre Folgen

Lawrence Alma-Tadema - Die Rosen des Heliogabalus (gemeinfrei)

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han lehrte zuletzt an der Universität der Künste Berlin. In einem jetzt erschienenen Aufsatz setzt er sich vor dem Hintergrund der COVID-19-Krise mit der Krisenblindheit des Neoliberalismus auseinander. Die Globalisierung und die Ideologie, auf der sie beruhe, hätten die geistigen, kulturellen und politischen Widerstandskräfte westlicher Gesellschaften gegenüber Krisen geschwächt. Der mit der Krise verbundene Schock führe gegenwärtig zu Überreaktionen, die den Bestand freiheitlicher Gesellschaften gefährden könnten.

  • Laut Han habe die Globalisierung durch die Auflösung von physischen, politischen und kulturellen Grenzen die „Immunschwellen“ abgebaut, die Gesellschaften vor Krisen geschützt hätten, „um dem Kapital freie Bahn zu ebnen“.
  • Der der Globalisierung weltanschaulich und kulturell zugrundeliegende Neoliberalismus bringe eine „allgemeine Promiskuität und Permissivität“ in allen Lebensbereichen mit sich, welche die „Negativität des Fremden oder des Feindes“ ausblende.
  • Vom „Übermaß an Positivität“, das die neoliberale Weltanschauung kennzeichne, gehe eine Bedrohung aus, weil es Gesellschaften für die „Negativität des Feindes“ und für die Möglichkeit von Krisen blind mache.
  • Gleichzeitig gebe es in zunehmend vom Virtuellem geprägten westlichen Gesellschaften eine „Wirklichkeitsapathie“. Die Krise sei mit einem Schock verbunden: „Die Wirklichkeit, der Widerstand, meldet sich zurück in Form eines feindlichen Virus. Die heftige, übertriebene Panikreaktion auf das Virus geht auf diesen Wirklichkeitsschock zurück.“

Das Virus sei „mitten in die wegen des globalen Kapitalismus immunologisch stark geschwächte Gesellschaft“ eingebrochen. Die anschließend eingetretene „maßlose Panik angesichts des Virus“ stelle eine „gesellschaftliche, ja globale Immunreaktion“ dar, die „deshalb so heftig“ ausfalle, „weil wir sehr lange in einer Gesellschaft ohne Feind, in einer Gesellschaft der Positivität gelebt haben“.

Westliche Gesellschaften würden in ihrer Panik nun unangemessene Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise treffen, welche die Krise verschärfen könnte Dies sei wiederum mit der Gefahr verbunden, dass freiheitliche Ordnungen im Wettbewerb der politischen Systeme gegenüber dem totalen Überwachungssystem Chinas geschwächt würden. Ein Beispiel für entsprechende Tendenzen seien die Gedanken des Philosophen Slavoj Žižek, der für eine globale kommunistische Ordnung als Konsequenz aus der Krise eintritt.1

Hintergrund

Weitere Beiträge, die sich mit der Krisenfestigkeit von Gesellschaften vor dem Hintergrund der aktuellen COVID-19-Krise auseinandersetzen, können auf unserer entsprechenden Themenseite abgerufen werden.

Quellen

  1. Byung-Chul Han: „Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“, Die Welt, 23.03.2020.