Ross Douthat: Die Dekadenz westlicher Gesellschaften und ihre Überwindung

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der christliche Publizist Ross Douthat schreibt für die New York Times und hatte zuletzt ein Buch über die Lage der katholischen Kirche verfasst. In einem jetzt erschienenen Buch mit dem Titel „The Decadent Society“ setzt er sich mit der Dekadenz westlicher Gesellschaften auseinander. Er stützt sich dabei auf den analytischen Dekadenzbegriff des Kulturhistorikers Jacques Barzun (1907-2012).

Dekadenz als analytischer Begriff

Der Begriff der Dekadenz werde häufig als Kampfbegriff verwendet, der wenig mehr aussage, als dass dem Verwendenden ein Zustand oder ein Phänomen missfalle. Barzun hingegen habe versucht, diesen Begriff inhaltlich zu definieren und in einem analytischen Sinne zu verwenden. Ihm zufolge sei Dekadenz ein Zustand der Stagnation eines Gemeinwesens, der von einem hohen Niveau an materiellem Wohlstand bei gleichzeitigem Zerfall seiner Institutionen und kultureller und geistiger Erschöpfung gekennzeichnet sei.1

Indikatoren für Dekadenz

Laut Douthat beschreibe die Definition Barzuns den Zustand der westlichen Gesellschaften der Gegenwart. In ihnen herrschten (anders als von vielen Beobachtern vermutet) gegenwärtig keine vorrevolutionären Bedingungen wie in den 1920er Jahren, sondern Lähmung und Stagnation. Die geistige und kulturelle Kreativität dieser Gesellschaften, die Dynamik ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit ihrer politischen Institutionen seien im langfristigen Vergleich an einen vorläufigen Tiefpunkt gelangt.

  • Die Gegenwart sei entgegen dem allgemeinen Eindruck keinesfalls von besonderer wirtschaftlicher und technologischer Dynamik geprägt. Das Wachstum der Wirtschaft verlangsame sich in allen westlichen Gesellschaften sein langem. Die Innovationen der Gegenwart, etwa die Digitalisierung der Wirtschaft oder Elektromobilität, seien hinsichtlich ihrer Bedeutung nicht mit den Innovationen des Industriezeitalters zu vergleichen.
  • Die amerikanische Gesellschaft habe den symbolischen Höhepunkt ihrer Innovationsfähigkeit mit der Mondlandung 1969 erreicht und sei gegenwärtig nicht mehr zu vergleichbaren Leistungen in der Lage. Auch der hinter solchen Taten stehende Drang zu Forschen, zu Entdecken und die Grenzen der eigenen Kultur zu erweitern, sei weitgehend zum Erliegen gekommen. Douthat betont an mehreren Stellen seines Buches die kulturelle Bedeutung technologischer Leistungen. Seit den Kathedralen des Mittelalters hätten abendländische Kulturen technische und wissenschaftliche Innovation dazu genutzt, Werke zu schaffen, die das Erhabene erfahrbar machen.2 Die westlichen Kulturen der Gegenwart seien dazu seit der Mondlandung nicht mehr in der Lage gewesen.
  • Auch die politische Dynamik westlicher Gesellschaften sei schwächer ausgeprägt, als es oft scheine. Ausbrüche politischer Leidenschaften blieben auf das Internet beschränkt und seien weitgehend folgenlos. Die zunehmend das öffentliche Leben bestimmende politische Korrektheit und der Aktivismus, auf dem sie beruhe, setzten sich vor allem mit banalen Themen auseinander, wobei durch Hysterie Bedeutung suggeriert werde.
  • Weitere Indikatoren für Dekadenz im Sinne von Stagnation seien sinkende Durchschnittseinkommen von Familien (bei gleichzeitig wachsenden Vermögen des reichsten Bevölkerungsteils), die zunehmende digitale Sedierung bzw. Zerstreuung der Menschen, die allgemeine Verlagerung des Lebens (auch des sexuellen Lebens) ins Virtuelle, zunehmende Kinderlosigkeit, der zunehmende Konsum sedierender Psychopharmaka sowie sinkende Alphabetisierungsraten und ein Rückgang des durchschnittlichen Intelligenzquotienten.

Dekadenz sei nicht der einzige Verfallszustand, den eine Kultur einnehmen könne, und stelle eine vergleichsweise „komfortable Krankheit“ dar, die zunächst nicht zu Katastrophen führen müsse. Noch lebe man nicht in einem dystopischen Zustand. Beispiele aus der römischen, chinesischen und osmanischen Geschichte zeigten, dass ein Gemeinwesen einen dekadenten Zustand in Form eines „endlosen Herbstes“ mehrere Jahrhunderte lang aufrechterhalten könne.

Mögliche Ausgänge aus der gegenwärtigen Dekadenz

Je länger die Phase der Dekadenz jedoch anhalte, desto enger werde der Spielraum für kulturerneuernde Kräfte. Die Wahrscheinlichkeit eines dystopischen Verlaufs der beschriebenen Entwicklung nehme daher immer weiter zu. Der Übergang könne schleichend erfolgen und vielen Menschen nicht bewusst werden. Da Dekadenz ihr eigenes Gegengift in sich trage, würden parallel zu ihrer Zunahme Gegenbewegungen entstehen, die nach kultureller Erneuerung strebten. Eine Zeit, in der sich die Kurve menschlicher Kultur abwärts zu neigen beginne, wende den Blick des Menschen automatisch aufwärts.

Altes und Neues Testament beschrieben zahlreiche Situationen, in denen das Handeln des Menschen ein Eingreifen Gottes provoziert habe, etwa in Form von Strafe, aber auch von Offenbarung. Als Christ müsse man damit rechnen, dass die gegenwärtige Phase der Dekadenz durch einen externen Eingriff dieser Art beendet werden könnte.3 Douthat beschreibt in diesem Zusammenhang eine Reihe von möglichen künftigen disruptiven Ereignissen, darunter Kriege und Konflikte, aber auch das Auftauchen religiöser Erneuerungsbewegungen sowie exotische naturwissenschaftliche Entdeckungen, die materialistische Weltbilder in Frage stellen und grundsätzliche Frage über den Menschen und das Universum aufwerfen könnten.

Quellen

  1. Ross Douthat: The Decadent Society. How We Became the Victims of Our Own Success, New York 2020, S. 8-9.
  2. Ebd., S. 36.
  3. Ebd., S. 237 ff.