Papst Franziskus: Der christliche Auftrag zur Bewahrung der Völker und Kulturen

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Im heute veröffentlichten apostolischen Schreiben Querida Amazonia („Geliebtes Amazonien“) betont Papst Franziskus den christlichen Auftrag zur Bewahrung der Völker und Kulturen. Diese würden im Zuge der Globalisierung zunehmend unter dem Druck materialistischer Ideologien stehen, die nach Auflösung aller kulturellen Unterschiede streben. In diesem Zusammenhang warnt er auch vor den Gefahren von Migration, die er als Form der Entwurzelung des Menschen betrachtet. Die „Jahrtausende alte Tradition“ des Christentums sei die Grundlage einer kulturellen Alternative zu den Ideologien der Auflösung.

Hintergrund des Schreibens ist die Amazonas-Synode vom Oktober 2019, die sich mit der Lage der dortigen Völker und Kulturen auseinandergesetzt hatte. Die Aussagen des Schreibens zu Fragen der christlichen Soziallehre sind jedoch universeller Natur und beziehen sich nicht nur auf eine Region der Welt. Das Schreiben ist zudem lehramtlich, weshalb sein Inhalt in der katholischen Kirche besondere Autorität hat.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, einer der führenden katholischen Kritiker des Kurses von Papst Franziskus, bewertete das Schreiben positiv, weil es sich gegen diejenigen positioniert, die unter Berufung auf radikale Ideologien innerkirchliche Konflikte schüren. Es handele sich um ein „pastorales Schreiben von prophetischer Kraft“.

Ganzheitliche Ökologie beinhaltet die Bewahrung der Völker und Kulturen

Franziskus argumentiert vor allem auf der Grundlage des Konzepts der „ganzheitlichen Ökologie“, das Teil der christlichen Soziallehre ist. Dieses Verständnis von Ökologie strebt nach dem umfassenden Schutz sowohl der natürlichen als auch der kulturellen Lebensgrundlagen des Menschen.1 Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Erbe, der „die Ressourcen für die nachfolgenden Generationen bewahrt“, gehöre auch der Schutz kultureller Ressourcen wie der Wertschätzung der Familie oder des Sinns für Solidarität.2

Im Dokument tritt Franziskus für die Bewahrung der Völker und der Kultur ein, „die ihnen Identität und Sinn“ gebe.3 Die „menschliche Vielfalt“ der Völker und Kulturen und ihre kulturelle Identitäten stellten einen „einzigartigen Reichtum“ dar. Dieser müsse ebenso erhalten werden wie die natürliche Umwelt.4 Es sei diese kulturelle „Vielfalt, die unsere Menschheit schön macht“.5 Ihre Träger glichen den „Hütern eines Schatzes“.6

Die Bedrohung der Völker und Kulturen durch materialistische Ideologien

Franziskus kritisiert materialistische Ideologien, die sich im Zuge der Globalisierung entfalteten und dazu neigten, „die Kulturen gleichförmig zu machen“ und „die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen“. Diese Ideologien strebten danach, jegliche „Unterschiede aufzulösen“ und die Menschen „in manipulierbare serienmäßig hergestellte Individuen zu verwandeln“.7 Sie beschädigten „den menschlichen, sozialen und kulturellen Reichtum schamlos“.8 Während „das Herz des Menschen“ in Folge der Ausbreitung dieser Ideologien „immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann“. Die von diesen Ideologien propagierte „Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil“ erzeuge soziale und ökologische Krisen.9

Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von einer „postmodernen Kolonialisierung“10 und davon, dass die Globalisierung zu einer neuen Form des Kolonialismus zu werden drohe.11 Die Gefahr des Verlusts des kulturellen Reichtums der Welt werde in Folge dieser Entwicklung immer größer.12

Die Völker und Kulturen müssen ihre Wurzeln und ihre Identität pflegen

Um die materialistische „Dynamik menschlicher Verarmung zu vermeiden“, müssten die Völker und Kulturen ihre „Wurzeln lieben und pflegen“, aus denen sie wachsen. Für Christen, die in Form des christlichen Erbes über besondere Wurzeln verfügten, habe dies eine spezielle Bedeutung. Sie zu kennen sei „eine Quelle der Freude und vor allem der Hoffnung, die zu mutigen und edlen Taten inspiriert.“13 Es gebe in diesem Zusammenhang „mehr als nur eine ethnische Identität“. Die Menschen müssten sich als „Hüter wertvoller persönlicher, familiärer und kollektiver Erinnerungen“ verstehen. Es sei positiv zu bewerten, wenn „diejenigen, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben, versuchen ihre beeinträchtigte Erinnerung zurückzuerlangen“ und ein größeres Bewusstsein für ihre Identität entwickeln.14

Identität und Offenheit seien keine Gegensätze. Alle Menschen würden einander von ihren Wurzeln her begegnen und einander so bereichern. „Echte Bewahrung“ einer Kultur erfolge immer durch ihre organische Weiterentwicklung aus ihren Wurzeln heraus. Wo eine Kultur eine andere jedoch nicht achte, finde hingegen eine kulturelle „Invasion“ statt. In diesem Fall könne man von den Betroffenen keine Offenheit gegenüber jenen erwarten, die sie nicht achten.15 Verschiedenheit stelle nur dort keine Bedrohung dar, wo die Kulturen einander in Achtung begegnen.16

Migration: Die Entwurzelung des Menschen

Franziskus kritisiert Migration als „Entwurzelung“ des Menschen.17 Sie beruhe oft auf falschen Vorstellungen der Migranten über das, was sie durch Auswanderung zu gewinnen hätten. Migranten erlebten meist „keine echte Befreiung von ihren Dramen, sondern die schlimmsten Formen an Versklavung, Unterdrückung und Elend“.18 Migration sei außerdem mit Verbrechen wie Menschenhandel verbunden, der „die aus ihrem kulturellen Umfeld Vertriebenen ausnutzt“.19 Eine Folge von erzwungener Migration sei die „Auflösung der Familien“, was die Institution zerstöre, „die am meisten dazu beigetragen hat, unsere Kulturen am Leben zu erhalten“.20

Viele Migranten „enden darin, die Peripherien oder die Gehwege der Städte zu bevölkern, zuweilen in äußerstem Elend, aber auch in einer inneren Zersplitterung aufgrund des Verlustes der Werte, die sie stützten.“ Sie verlören „die kulturellen Wurzeln, die ihnen eine Identität und ein Gefühl der Würde gaben, und vergrößern die Reihen der Ausgegrenzten“. Durch Migration und die mit ihr verbundene Entwurzelung und Verwahrlosung würde auch „die kulturelle Weitergabe einer über Jahrhunderte von Generation zu Generation vermittelten Weisheit unterbrochen.“ Die Hoffnung einer „gegenseitigen Bereicherung und der Befruchtung zwischen verschiedenen Kulturen“ durch Migration erfülle sich in der Realität oft nicht.21 Außerdem könnten Menschen nur dann Verantwortung für ihre Heimat übernehmen, wenn sie diese nicht verließen.22

Christliche Alternativen zu den Ideologien der Auflösung

Laut Franziskus müssten Christen der auf materialistischen Ideologien beruhenden Globalisierung mit christlichen Alternativen begegnen, die Entwurzelung, Homogenisierung, Verelendung und Materialismus entgegenwirkten. Diese christlichen Alternativen müssten eine „Globalisierung in Solidarität“ hervorbringen, anstatt Völker und Kulturen aufzulösen.23 Die christlichen Missionare der vergangenen Jahrhunderte würden, soweit sie dem Evangelium treu waren, ein Vorbild dieser guten Form von Globalisierung darstellen.24

  • Den Menschen einer Kultur Christus nahezubringen zerstöre eine Kultur nicht, sondern vollende sie und führe sie zu sich selbst. Die Völker hätten daher „ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums“. Eine Kirche, die nicht primär das Evangelium verkünde, würde „nur zu einer weiteren NGO werden“ und dem Auftrag Christi an die Kirche widersprechen. Das Evangelium vermittele den Gedanken der Nächstenliebe, was ein Streben nach Gerechtigkeit und Solidarität auslöse und eine Kultur aufwärts führe.25
  • Eine nachhaltige Entwicklung in christlichem Sinne verbinde „die Weisheit der Vorfahren mit den heutigen technischen Kenntnissen […], wobei immer ein nachhaltiger Umgang mit dem Gebiet zu gewährleisten ist, der zugleich den Lebensstil und die Wertesysteme der Bewohner bewahrt“.26 Entwicklung bedeute nicht, ein Land „kulturell zu kolonisieren, sondern ihm dabei zu helfen, das Beste aus sich zu machen“. Die Vermittlung christlicher Bildung an nichtchristliche Völker bedeute „erziehen ohne zu entwurzeln; wachsen lassen, ohne die Identität zu schwächen; fördern ohne zu vereinnahmen“.27
  • Die Inkulturation des Christentums achte alle in einer Kultur vorgefundenen wertvollen Dinge und nehme sie auf, um sie „im Lichte des Evangeliums zur Vollendung“ zu führen. Christen könnten dazu auf den Reichtum „der über die Jahrhunderte überlieferten christlichen Weisheit“ und die „Jahrtausende alte Tradition“ zurückgreifen, die der „Wurzel eines wachsenden Baumes“ gleiche.28

Auf dieser Grundlage sei es möglich, in nichtchristlichen Kulturen und ihren Werken, „die manchmal unvollkommen und bruchstückhaft sind oder Irrtümer enthalten“, den „Weizen zu erkennen, der inmitten des Unkrautes wächst“. Dadurch könnten den Menschen dieser Kulturen mit den ihnen vertrauten Symbolen Wege zum Christentum eröffnet werden und gleichzeitig wertvolle Dinge zu Tage gefördert werden, die das Christentum stärkten.29 Der christliche Glaube habe sich in seinen Anfängen „in bewundernswerter Weise dank dieser Logik“ verbreitet und sich „in den griechisch-römischen Kulturen zu inkarnieren“ vermocht.30

Quellen

  1. Querida Amazonia 8.
  2. Ebd., 70-71.
  3. Ebd. 13.
  4. Ebd., 31-32.
  5. Ebd., 37.
  6. Ebd., 29.
  7. Ebd., 33.
  8. Ebd., 39.
  9. Ebd., 59.
  10. Ebd., 29.
  11. Ebd., 14.
  12. Ebd., 35.
  13. Ebd., 33.
  14. Ebd., 35.
  15. Ebd., 37.
  16. Ebd., 38.
  17. Ebd., 21.
  18. Ebd., 10.
  19. Ebd., 14.
  20. Ebd., 39.
  21. Ebd., 30.
  22. Ebd., 42.
  23. Ebd., 17.
  24. Ebd., 18.
  25. Ebd. 22, 62 ff.
  26. Ebd., 51.
  27. Ebd., 28.
  28. Ebd., 66.
  29. Ebd., 78-79.
  30. Ebd., 105

1 Kommentar

  1. Ein hochinteressanter Lehrbrief, der noch viel weiter verbreitet werden müsste und dessen Konsequenzen ich m.E. noch gar nicht voll umfassend überblicke. In jedem Fall ein beachtenswertes Schriftstück, das hoffentlich auch in der Politik in aller Breite und Tiefe ohne ideologische Scheuklappen diskutiert werden wird.

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