Otfried Höffe: Die fundamentale Bedeutung von Heimat für den Menschen

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Otfried Höffe lehrte Philosophie an der Universität Tübingen und ist Leiter der dort angesiedelten Forschungsstelle Politische Philosophie. In einem jetzt erschienenen Aufsatz setzt er sich mit der fundamentalen Bedeutung der Heimat für den Menschen und das Gemeinwesen auseinander. Als Folge von Globalisierung von Migration entstehe zunehmend die Erfahrung von Heimatverlust, was dazu führen, dass der Wunsch nach Heimat eher zu- als abnehme.

Das Wesen der Heimat

Das Bedürfnis des Menschen nach Heimat sei Teil der Natur des Menschen, der anders als andere Lebewesen über den langen Zeitraum seines Aufwachsens hinweg ein stabiles Umfeld benötige.

  • Heimat sei ein vorwiegend in Kindheit und Jugend entstandenes „dichtes Gewebe des Sichwohlfühlens“, das an Orte sowie an ein typisches Landschaftsbild, Klima und die damit verbundenen sinnlichen Eindrucke sowie an ein „Beziehungsgeflecht von Freundschaften und Nachbarschaften“ und an Erzählungen gebunden sei. Die Wahrnehmung von Heimat sei an einen „kleinen, sowohl vertrauten als auch überschaubaren, dabei relativ homogenen Lebensraum“ gebunden, mit dem „intensive Erlebnisse“ wie „die Erfahrung von Geborgenheit, Weltvertrauen und Verhaltenssicherheit“ verbunden seien.
  • Heimat könne im Sinne konzentrischer Kreise wachsen und sich auf größere Räume beziehen, ohne dass andere Bindungen dadurch aufgehoben würden. Der Grad der Bindung und die emotionale Intensität der Bindung seien dabei in der Regel gegenüber der jeweils kleineren Struktur höher als gegenüber größeren Räumen und Strukturen.
  • Heimat sei „Lebensraum, der mit dem Elternhaus beginnt, der sich bald auf die Nachbarschaft und nähere Umgebung ausdehnt, der mit wachsendem Alter mitwächst, häufig den Berufs- und Freundeskreis, vielfach auch den eigenen Sprach- und Kulturraum, spätestens bei geographischer Ferne sogar das Vaterland einschließt“. Es auch möglich, Europa als Heimat zu empfinden, wobei dadurch weder „kommunale noch regionale oder nationale, weder betriebliche noch berufliche, sprachliche oder religiöse Verbundenheiten“ verschwinden müssten.

Der Begriff der Heimat bedeute von seiner indoeuropäischen Wurzel her den Ort, an dem man sich niederlässt sowie das Haus, in das man gehöre. Heimat sei nicht zwangsläufig Land der Geburt, aber damit Ort zur Heimat werde, seien Identifikation mit diesem bzw. das Aufbauen von Bindung und die Wahrnehmung von Zugehörigkeit erforderlich. Ein Ort werde nicht durch bloßen Aufenthalt zur Heimat. Heimat lasse sich daher „weder politisch erzwingen noch künstlich herstellen“.

Die Notwendigkeit des Schutzes und der Bewahrung von Heimat

Unter den Bedingungen der Globalisierung und der wachsenden freiwilligen und erzwungenen Mobilität bzw. von Migration nehme das Bedürfnis nach Heimat eher zu als ab. Die „vielerorts stattfindende Rückbesinnung auf Besonderheiten“ weise auf innere Bedürfnisse vieler Menschen hin, die „in nationalistische, sogar fremdenfeindliche Bewegungen zu pervertieren“ drohten, solange diese Bedürfnisse „von gewissen politisch und intellektuell herrschenden Kreisen vernachlässigt werden“.

  • Das „Vernachlässigen, nicht selten sogar Verächtlichmachen von gewachsenen kommunalen, regionalen und nationalen Eigenheiten“ stelle ein reales Problem dar. Es gebe in Deutschland eine „von vielen Bürgern empfundene, oft sogar erlittene Identitätskrise“. Diese zu leugnen oder zum Ausdruck einer falschen Gesinnung zu erklären, erzeuge „Entfremdung zwischen den etablierten Eliten und einfachen Bürgern“.
  • Es „sollte niemand befürchten müssen, im eigenen Land sich fremd zu fühlen“. Wo sich „einschlägige Gefahren“ für die eigene Heimat abzeichneten, müsse die Politik „ihnen wirksam entgegentreten“.
  • Es sei falsch, das Konzept der Heimat grundsätzlich abzulehnen. Gerade ein freiheitliches Gemeinwesen müsse ein Lebensraum sein, dem „die freien und gleichen Bürger […] von innen heraus zustimmen“ und dem gegenüber sie „eine emotionale Verbundenheit“ empfinden, also eine Heimat. Einem Gemeinwesen, dass eine abstrakte Idee bleibe, mangele es an Fundierung.

Eine im April 2018 veröffentlichte Umfrage des Allensbach-Instituts belege, dass Heimat „keineswegs ein Begriff des rechten politischen Randes“ sei. Heimatverbundenheit sei allen Befragten mit Ausnahme von Wählern der Grünen ähnlich wichtig. Die Umfrage belege zudem, dass der Begriff überwiegend stark positiv konnotiert sei und mit Kindheit, Familie, Freunden und Geborgenheit verbunden werde. Nur eine kleine Minderheit der Befragten assoziiere mit dem Begriff negative Dinge wie Spießigkeit, Zwang und Enge.1

Hintergrund

Die christliche Soziallehre bejaht die Bindung des Menschen an eine Heimat. Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb, dass es für den Menschen etwas geben müsse, „für das er bereit ist, sich wirklich einzusetzen – jenes, worin seine Wurzeln liegen: Heimat und Lebensgemeinschaft.“2

Neoliberale und progressive Ideologien betrachten im Gegensatz dazu Flexibilität und Mobilität als Ideale und streben danach, eine „moderne Nomadengesellschaft“ zu schaffen, in der Menschen nicht durch Bindungen wie die an eine Heimat oder an eine Familie in ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit bzw. in ihrer Autonomie eingeschränkt werden.3 Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier kritisierte das Welt- und Menschenbild der entsprechenden Ideologien, weil sie die Natur des Menschen ausblendeten:

„Die meisten Menschen fühlen sich stark an einem Ort verwurzelt. […] Aus der Erkenntnis, gemeinsam einem Heimatort verbunden zu sein, entstanden in Gemeinden wie Sheffield Interessengemeinschaften, die daraus große Kraft schöpften. […] Aus dem Überlegenheitsgefühl ihrer neuen, globalen Klassenidentität heraus haben die Technokraten das Gefühl der heimatlichen Verbundenheit aktiv in Verruf gebracht. […] Rückblickend wird man die Jahre der utilitaristischen Dominanz innerhalb der Mitte-links-Parteien als das erkennen, was sie waren: eine destruktive Phase der Arroganz und Selbstüberschätzung. Die Mitte-links-Parteien werden sich dadurch erholen, dass sie zu ihren kommunitaristischen Wurzeln zurückkehren und die Aufgabe annehmen, das auf Gegenseitigkeit und Vertrauen basierende Netz von Verbindungen und Verpflichtungen wiederherzustellen, das die Arbeiterfamilien mit ihren Sorgen auffangen kann.“4

Weitere Impulse zum Thema Heimat aus der Perspektive der christlichen Soziallehre haben wir auf unserer entsprechenden Themenseite zusammengestellt.

Quellen

  1. Otfried Höffe: „Für ein Europa der Bürger!“, fr.de, 12.02.2020.
  2. Romano Guardini: „Europa – Wirklichkeit und Aufgabe”, in Ders.: Sorge um den Menschen, Band 1, Mainz/Paderborn 1988.
  3. Annamaria Rucktäschel: „Jobnomaden – Wunschsubjekte der Wirtschaft“, bpb.de, 24.04.2006.
  4. Paul Collier: „Lokale Zugehörigkeit ist politisch existenziell“, Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2017.