Niccolò Machiavelli: Christentum und staatliche Selbstbehauptung

Santi di Tito - Niccolò Machiavelli (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Niccolò Machiavelli (1469-1527) gilt als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. In seinem Werk Discorsi untersuchte er auf der Grundlage des Staatsdenkens der römischen Antike die Frage, was Staaten Dauer verleiht und wie ein Gemeinwesen existenzielle Herausforderungen bewältigen kann. Dabei setzte er sich unter anderem mit gesinnungsethnischen Tendenzen im Christentum kritisch auseinander, die dieses als Träger des Gemeinwesens schwächten.

Machiavelli entwickelte seine Gedanken während der Italienischen Kriege bzw. zu einer Zeit ständiger Konflikte, auf die er mit seinem Werk antwortete. Laut dem Politikwissenschaftler Maurizio Viroli war Machiavellis Denken von einem kompromisslosen verantwortungsethischen Streben nach dem Gemeinwohl geprägt. Alle seine Gedanken hätten die Erhaltung des Gemeinwesens zum Ziel und Ausgangspunkt gehabt. Er sei ein abendländisch denkender Bewunderer des antiken Roms gewesen, in dessen Kultur und Weltanschauung er einen Impuls für die Erneuerung christlicher Gesellschaften sah.1

Kritik an gesinnungsethischen Tendenzen und Mangel an Realismus im Christentum

Machiavelli kritisierte gesinnungsethische Tendenzen im Christentum, die Schwäche auf eine sentimentale Weise idealisierten und die zudem von einem Mangel an Realismus bzw. an Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten und Erfordernisse politischen Handelns gekennzeichnet seien.

Der laut Machiavelli durch diese Tendenzen im Christentum verursachten „Kraftlosigkeit der jetzigen Menschen“, der den Konflikten Italiens wehrlos gegenüberstehe und unfähig zur Schaffung von Ordnung sei, stellte er die Elitenkultur der Hochphase Roms gegenüber, die alles gefördert habe, „was den Menschen kraftvoll machte“, etwa die eigentlich auch vom Christentum geschätzte Kardinaltugend der Tapferkeit.2 Christen in politischer Verantwortung, die im Gegensatz dazu Schwäche verklärten, lieferten die Menschen, für die sie Verantwortung tragen, Bedrohungen aus:

„Diese Lebensweise scheint also die Welt schwach gemacht und sie den Verbrechern zur Beute gegeben zu haben. Die können ungefährdet über sie schalten, denn sie sehen ja, daß die große Mehrzahl der Menschen, ums ins Paradies einzugehen, mehr darauf bedacht ist, Beleidigungen zu ertragen als zu rächen. Scheint aber die Welt auch weibisch geworden und der Himmel keine Blitze mehr zu haben, so kommt dies doch zweifellos mehr von der Erbärmlichkeit derer, die unsre Religion mehr zum Vorteil des Müßiggangs als der Tatkraft ausgelegt haben. Denn bedächten sie, daß die Religion den Kampf für die Größe und Verteidigung des Vaterlandes zuläßt, so sähen sie auch ein, daß wir die Pflicht haben, es zu lieben und uns zu seiner Verteidigung tüchtig zu machen.“3

Machiavelli betonte zugleich, dass er nicht das Christentum ablehne, sondern nur dessen gesinnungsethische Interpretation.

Religion als Grundlage von Kultur und Gesellschaft

An Religion interessierte Machiavelli vor allem ihre Rolle für Kultur und Gesellschaft und weniger die Frage nach metaphysischer Wahrheit. Aus dieser säkularen Perspektive heraus erkannte Machiavelli die Notwendigkeit von Religion. Eine gute Religion führe „zu guten Einrichtungen, diese aber bringen Glück, und aus dem Glück entsprangen die guten Erfolge aller Unternehmungen“:

„Wie aber die Gottesfurcht die Ursache für die Größe der Staaten ist, so ist ihr Schwinden die Ursache ihres Verfalls. Denn wo die Gottesfurcht fehlt, da muß ein Reich in Verfall geraten, oder die Furcht vor dem Fürsten muß den Mangel an Religion ersetzen.“4

Staaten, „die sich unverdorben erhalten wollen“, müssten „vor allem die religiösen Bräuche rein und in Ehrfurcht erhalten“. Es gebe „kein schlimmeres Zeichen für den Verfall eines Landes als die Mißachtung des Gottesdienstes“. Herrscher und Regierungen müssten aufgrund ihrer Pflicht zur Erhalten des Gemeinwohls aus politischer Klugheit heraus unabhängig von der Frage, ob sie selbst gläubig seien, „die Grundlagen ihrer Religion erhalten“ und alles unterstützen was die Religion stärke; „dann wird es ihnen leicht sein, ihren Staat in Gottesfurcht und somit gut und einträchtig zu erhalten“.

Machiavelli lehnte zugleich politischen Zynismus ab, dem der Inhalt einer Religion gleichgültig ist. Eine auf politischen Nutzenerwägungen beruhende Religion, deren einziger Zweck es sei, den „Willen der Machthaber“ zu erfüllen, könne nicht glaubwürdig sein.5

Gesellschaftliche Folgen von Dekadenz in der Kirche

Machiavelli kritisierte auch dekadente Tendenzen in der Kirche in Person der Päpste der Renaissance, die er für die Lage Italiens zu seiner Zeit verantwortlich machte. Die Schwäche der Kirche sei die „Ursache unsres Verfalls“:

„Wäre die Frömmigkeit von den Häuptern der Christenheit so rein erhalten worden, wie der Stifter des Christentums es gewollt hatte, so herrschte mehr Eintracht und Glück in den christlichen Staaten und Ländern als jetzt. Nichts zeigt mehr den Verfall des Glaubens als die Tatsache, daß die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche, dem Haupt unsres Glaubens, am nächsten sind. Wer die Grundlagen der Religion betrachtet und dann sieht, wie sehr der jetzige Brauch davon abweicht, der muß glauben, daß ihr Untergang oder ihr Strafgericht nahe ist.“6

Diese Dekadenz habe nicht nur Kirche und Christentum geschwächt, sondern auch die Gemeinwesen, die darauf beruhen. Das Land habe „durch das schlimme Beispiel des päpstlichen Hofes alle Frömmigkeit und Religion verloren“ und sei „gottlos und schlecht geworden“.7

Der Aufstieg und Verfall von Staaten

Machiavelli beschreibt in seinem Werk Zyklen des Aufstiegs und Verfalls von Gemeinwesen. Diese würden von tapferen Männern in schwierigen Zeiten geschaffen. Solche Männer würden Monarchien begründen, die unter der Führung kluger und gerechter Nachfolger zu Größe gelangten. Dadurch würden Bedingungen geschaffen, in denen Herrscher zur Dekadenz neigten und vor allem danach streben würden, „als die andern in Pracht, Zügellosigkeit und jeder Art von Üppigkeit zu übertreffen“. Monarchien würden daher durch das Bürgertum gestürzt, dessen Elite zunächst im Sinne des Gemeinwohls herrsche, sich aber zu einer von Gier getriebenen Oligarchie entwickeln könne. Deren Herrschaft werde schließlich durch die „Volksherrschaft“ abgelöst, die jedoch im Chaos ende, so dass „unter dem Einfluß eines redlichen Mannes oder um der Zügellosigkeit zu entgehen“ erneut eine Monarchie entstehe.8

Die Erneuerung von Religion und Gemeinwesen durch Krisen und Heilige

Die Entfaltung des Lebens erfordere es, dass Lebewesen „ihren Körper nicht in Unordnung bringen, sondern ihn in Ordnung halten“. Dies gelte auch für Staaten und Religionen. Hier sei es so, „daß ihnen nur die Veränderungen zum Heil gereichen, die sie zu ihrem Ursprung zurückführen“. Es befänden sich daher diejenigen unter ihnen im besten Zustand, „die sich vermöge ihrer Einrichtungen häufig erneuern können“. Erneuerung bedeute aber das „Zurückführen auf ihren Ursprung“, denn „zu Anfang müssen alle Religionen, Republiken und Königreiche notwendig etwas Gutes gehabt haben. Alles Gute sei jedoch den Kräften der Auflösung des Verfalls ausgesetzt und verderbe mit der Zeit.9

Erneuerung könne entweder „durch ein äußeres Unglück oder durch innere Klugheit“ erfolgen. Krisen würden Schwächen und Fehlentwicklungen als solche erkennen lassen und die für sie verantwortlichen Akteure diskreditieren, was das Handeln von Erneuerern begünstige. Das Christentum sei immer wieder durch Heilige zu seinem Ursprung zurückgeführt und erneuert worden. Den Heiligen und den von ihnen gegründeten Orden verdanke es die Kirche, dass das Verhalten der korrumpierten Elemente in ihr sie nicht zugrunde richten könne.10

Quellen

  1. Maurizio Viroli: Machiavelli’s God, Princeton 2010.
  2. Niccolo Machiavelli: Discorsi, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, S. 184.
  3. Ebd., S. 185.
  4. Ebd., S. 54.
  5. Ebd., S. 56.
  6. Ebd., S. 57.
  7. Ebd., S. 57-58.
  8. Ebd., S. 21 ff.
  9. Ebd., S. 291.
  10. Ebd., S. 295.