Kardinal Sarah: Der Winter des Abendlands – Teil 3: Die Ideologie der Entgrenzung

Kardinal Robert Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als einer der entschlossensten Verteidiger ihrer Tradition. In einem kürzlich erschienenen Buch analysiert er die Krise Europas aus einer christlichen Perspektive und spricht diesbezüglich vom „Winter des Abendlands“. Eine der Ursachen dieser Krise sei eine utopische Ideologie der Entgrenzung, die auf einer sich als Nächstenliebe tarnenden Selbstverleugnung beruhe und nach Auslöschung der christlichen Identität Europas strebe. Diese Ideologie gehöre zu den „Wahnideen“, an denen Europa sterbe.1 Das „Auslöschen von Heimat“ könne jedoch „kein echter Fortschritt“ und „Selbstnegation“ niemals Ausdruck von Nächstenliebe sein.2

Die Vielfalt der Nationen und Kulturen als Teil der Schöpfungsordnung

In der Schöpfungsordnung werde erkennbar, dass Gott „eine vielgestaltige Welt“ und „verwurzelte Menschen“ wolle. Der Mensch sei als Gemeinschaftswesen auf Bindungen angewiesen. Die Ideologie der Entgrenzung hingegen wolle „den Menschen von seinen Wurzeln, seiner Religion, seiner Kultur, seiner Geschichte, seinen Bräuchen und seinen Vorfahren abschneiden und ihm „sein Vaterland, seine Heimat, seine Erde“ nehmen. Das Ziel dieser Ideologie sei „ein fließendes Kontinuum, ein identitätsloser Raum, ein Land ohne Geschichte“.3 Die Lösung des Menschen aus den erwähnten Bindungen sei nicht mit einem geistigen und kulturellen Aufstieg des Menschen verbunden, sondern mit einem Abstieg auf die Ebene des Barbaren.4 In Europa herrsche in Folge dieser Entwicklung „ein demografisches, kulturelles und religiöses Ungleichgewicht“. Es sei „unfruchtbar“ und „sein Haus füllt sich mit Fremden“.5

Alle Beteiligten würden durch offene Grenzen verlieren, auch die Migranten selbst. Es sei daher „schlichtweg Wahnsinn, den Völkern einzureden, dass alle Grenzen abgeschafft werden“ sollten. Für „viele meiner afrikanischen Brüder“ ende die Reise nach Europa laut Sarah „in Tod, Sklaverei und Ausbeutung“. Die „mafiösen Schlepperbanden“ sollten „schonungslos ausgerottet werden“, weil sie für das Elend vieler Menschen verantwortlich wären. Man müsse daher „alles daransetzen, damit die Menschen in ihrem Heimatland bleiben können“.6

Europäische Selbstbejahung als Voraussetzung für die kulturelle Integration von Migranten

Sarah ruft die Menschen Europas dazu auf, Migranten stärker als bisher eine Teilhabe am geistigen Erbe Europas zu ermöglichen. Dies setze voraus, dass Europa zunächst seine eigenen Wurzeln wieder stärker bejahe. Die „zum Selbstmord“ bereiten Teile Europas wollten „sich allen Kulturen öffnen“, liebten aber ihre eigene Kultur nicht mehr.7

Das „wertvollste Geschenk, das Europa den Migranten machen kann“, sei „die Teilhabe an seinen christlichen Wurzeln“. Europa mache sich in den Augen von Migranten verächtlich, wenn es sich für seine christliche Identität schäme. Wenn „Migranten nach Europa kommen und es schließlich verachten, dann liegt das vermutlich daran, dass sie dort nichts Heiliges finden.“8 Islamisten seien häufig in Europa radikalisierte „Kinder der Konsumgesellschaft“. Wirksame Islamismusprävention und -Bekämpfung erfordere es, Muslimen „ein Europa zu präsentieren, das stolz auf sein christliches Erbe ist“ und „ihnen eine Identität anbieten, welche sich auf die christlichen Sitten und Werte stützt“.9 Wenn Europa Muslimen das beste anbiete, was es besitze, nämlich „seine Identität, seine zutiefst vom Christentum durchwirkte Kultur“, dann sei dies ein Ausdruck von Nächstenliebe. Statt dessen biete man Muslimen häufig jedoch nur minderwertige Dinge an, etwa ein „barbarisches Konsumdenken“.10 Ein Europa, dass zu seinem christlichen Erbe stehe, wäre stark genug, um Migranten assimilieren zu können. Durch Assimilation würden diese zu „Adoptiverben“ und nähmen die Pflicht an, „das Land zu lieben und zu ehren, welches sie aufgenommen hat“.11

Hintergrund

Der erste Teil unserer Serie behandelte allgemeine Gedanken Sarahs über die Krise Europas. Der zweite Teil behandelte seine Kritik an der Zurückweisung des christlichen Erbes durch viele Europäer.

Quellen

  1. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 323.
  2. Ebd., S. 272.
  3. Ebd., S. 299.
  4. Ebd., S. 385.
  5. Ebd. S. 272.
  6. Ebd., S. 300 ff.
  7. Ebd., S. 270.
  8. Ebd., S. 273.
  9. Ebd., S. 304.
  10. Ebd., S. 272.
  11. Ebd., S. 385.