Julien d’Huy: Der älteste Mythos der Menschheit

Gebhard Fugel - Die Offenbarung des Johannes - Sieger Christus (gemeinfrei)

Der Historiker Julien d’Huy forscht an der Université Paris 1 – Panthéon-Sorbonne. Mittels eines historisch-geographischen Ansatzes der Mythenforschung ist es ihm gelungen, das Alter wesentlicher Mythen der abendländischen Tradition auf mehrere zehntausend Jahre zu datieren und somit die Wurzeln der Kulturen des Abendlandes bis in die Altsteinzeit zurückzuverfolgen. Der mutmaßlich älteste Mythos der Menschheit sei mit einem Alter von mindestens 60.000 Jahren der Drachenkampf-Mythos, der im Christentum eine herausgehobene Rolle spielt.

Der Drachenkampf-Mythos: Die älteste Erzählung der Menschheit

Der historisch-geographische Ansatz der Mythenforschung will Mythen durch die Analyse ihrer Verbreitung erklären. Er untersucht mittels der aus der Biologie stammenden phylogenetischen Analyse als „Mytheme“ bezeichnete Bestandteile von Mythen und untersucht ihre Verbreitung und Veränderung im Zuge mündlicher Überlieferung mittels einer Software, die auch in der Erbgutforschung eingesetzt wird. Dadurch werden stammbaumartige Verwandschaftsbeziehungen zwischen Mythen erkennbar.

Laut dem Sozialanthropologen Jamshid Tehrani sind mündlich tradierte Erzählungen besonders geeignete Objekte für die phylogenetische Analyse, weil sie Abstammungsprodukte seien, die sich im Zuge ihrer Weitergabe verändern. Diese Veränderungen lassen sich durch statistische Verfahren untersuchen, was auch Annahmen darüber ermöglicht, wann und wo sie zum ersten Mal erzählt worden sein könnten.1 Der Ethnologe Christoph Antweiler erklärte, dass dies „ein sehr ernst zu nehmender Ansatz“ sei, „um die verblüffenden Ähnlichkeiten in den Mythen zwischen räumlich entfernten Kulturen zu erklären“.2

Julien d’Huy untersuchte mittels dieser Methode neben dem Drachenkampf auch die Mythenfamilien der kosmischen Jagd sowie den Pygmalion- und den Polyphem-Mythos, bei denen er Wurzeln in der europäischen Altsteinzeit nachweisen konnte.3 Laut d’Huy sei das Motiv des Drachen und des Drachenkampfes nahezu universell verbreitet. Das Motiv des Drachen bzw. der gehörnten Schlange sei unter anderem auf prähistorischen Felszeichnungen Afrikas und Nordamerikas zu finden und auch in den Erzählungen australischer Ureinwohner vorhanden.4

Das Motiv einer den Menschen auf metaphysischer Ebene bedrohenden Schlange sei bereits in der Altsteinzeit in Europa vorhanden gewesen. Diese Schlange sei der Überlieferung nach unsterblich, für den Tod des Menschen verantwortlich, sei gehörnt, horte Schätze, lebe am oder im Wasser sowie in Höhlen oder unter der Erde und sei aggressiv und gefährlich. Sie fordere Menschenopfer oder entführe Frauen. Nur ein Held könne die Schlange besiegen, die dem Menschen den Weg zum Wasser verstelle.

D’Huy bezeichnet dieses Motiv als den „europäischen Protodrachen“ und erklärte, dass es „sehr alt“ sei. Er datiert es nicht genau, weist aber darauf hin, dass die universelle Verbreitung des Mythos voraussetze, dass er mindestens 60.000 Jahre alt sein müsse. Felszeichnungen und Funde legten zudem nahe, dass es in der Altsteinzeit in Europa rituelle Schlangentötungen gegeben habe.5

Das hohe Alter und die universelle Verbreitung dieses Mythos weisen darauf hin, dass in ihm Aussagen über die metaphysische Lage des Menschen von zentraler Bedeutung zum Ausdruck kommen. Falls die von d’Huy angenommenen Mechanismen der Verbreitung von Mythen zutreffen, dann war die Verbreitung dieses besonderen Mythos nur deshalb möglich, weil sein Inhalt über sehr viele aufeinanderfolgende Generationen hinweg kulturübergreifend im Vergleich zu anderen Überlieferungen als wichtiger und bedeutender angesehen wurde.

Drachenkampf und Kampfmythos im Christentum

Das Motiv eines kosmischen Kampfes eines göttlichen Helden gegen einen Drachen ist in vielen Mythen der Menschheit zu finden. Eine herausgehobene Rolle spielt dieser Kampfmythos im Christentum bzw. in der Bibel, wo das Motiv des Drachenkampfes sich sowohl im Buch Genesis als auch in der Offenbarung des Johannes findet und so quasi den Rahmen der Bibel bildet.

Der erste Schöpfungsbericht im Alten Testament beschreibt die Schöpfung als die Schaffung eines Raums der Ordnung im Chaos in Form des Garten Edens, in dem das Leben gedeihen kann. Dieser Raum muss gegen die Mächte des Chaos durch einen König bewahrt werden, der gegen die Kräfte des Chaos kämpft, die diesen Raum ständig bedrohen.6

Die gesamte Geschichte des Menschen wird hier als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt. Der Kampf beginnt spätestens mit der Verführung Evas durch die Schlange, die das Böse und die Mächte des Chaos repräsentiert. Dies ist der Beginn einer ewigen Feindschaft zwischen der Schlange „der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen.“7 Der Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, führt fortan Krieg gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ (je nach Konfession entweder als Symbol für die Kirche oder als Maria interpretiert) sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“. Gegen den Drachen kämpft der Erzengel Michael8, aber auch der als Heerführer beschriebene Christus.9 Dieser Kampf dauert bis zum Ende der Zeit, wenn der Drache noch einmal „die Völker an den vier Ecken der Erde“ verführt und sie zum letzten Kampf gegen „das Lager der Heiligen“ bewegt.10

Der christliche Blick auf den Mythos

Im frühen 20. Jahrhundert begann die Religionswissenschaft damit, Mythen ernster zu nehmen und von der Möglichkeit auszugehen, dass sie sich kultur- und religionsübergreifend auf reale metaphysische Sachverhalte beziehen könnten.

Der Philosoph Kurt Hübner (1921-2013) beschrieb den Mythos unter anderem als einen Ausdruck der Erfahrung des Numinosen bzw. des Heiligen. Er beruhe auf der Wahrnehmung und Erfahrung Gottes oder des Göttlichen bzw. seines Wirkens in der Welt.11 Der Mythos sei ein „Erfahrungssystem“ und „zugleich ein Mittel systematischer Erklärung und Ordnung“, das das Geschehen, in dem sich der Mensch bewegt, mit vom Göttlichen herrührenden Urbildern erkläre.12

Der Mythos beschreibe das, was der Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869-1937) als das „Numinose“ definiert habe, d. h. das „Furchterregende, Schreckliche, Erhabene, Majestätische wie […] das Beglückende, Entzückende und Beseligende“. Die vom Mythos beschriebenen „Numina“ seien eine „Sprache anderer Art“, die mittels Zeichen kommuniziere. Diese Zeichen vermitteln „den Eindruck des Erhabenen und der majestätischen Offenbarung eines Wesens“, das über dem Menschen und über der Natur stehe.13

  • Bereits Thomas von Aquin (1225-1274) sah im Mythos Wahrheiten vorliegen, die „traumhaft in irgendeiner Weise den Heiden vorzuschweben“ scheinen.14
  • Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge spreche der Mythos in „Bildvisionen“ über metaphysische Sachverhalte, die ansonsten nicht zu beschreiben seien. Dies bedeute nicht, dass es sich bei ihnen „nur um einen Traum, um Sagen oder gar Märchen handelt“. Mythische Bilder in der Bibel würden auf „ein wirkliches Hereintreten Gottes in die Geschichte“ verweisen.15
  • Dem katholischen Theologen Leo Scheffcyk (1920-2005) zufolge habe „die moderne Ethnographie, die Religionsgeschichte und selbst die theologische Exegese“ ein hohes Maß „an Übereinstimmungen zwischen den christlichen Offenbarungsurkunden und den Mythen der Völker herausgehoben“. Es sei „nicht zu bestreiten, daß das entstehende Christentum in seinen biblischen Urkunden tatsächlich gewisse religiöse Ausdrucks- und Stilmittel, Bilder und Symbole gebraucht, die der Alten Welt entnommen sind, ja entnommen werden mußten, und die deshalb auch Anklänge an den alten Mythos zeigen.“ Dies gelte etwa für die Offenbarung des Johannes. Die Sachverhalte, von denen die Offenbarung berichte, seien auf anders als in der Sprache des Mythos für Menschen nicht verständlich auszudrücken.16

Der Philosoph und Schriftsteller Ernst Jünger, der später zum Christentum konvertierte, sagte die Rückkehr des Mythos in westlichen Gesellschaften voraus:

„Mythisches wird ohne Zweifel kommen und ist bereits im Anzuge. Es ist ja immer vorhanden und steigt zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor. […] Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr.“17

Quellen

  1. Christian Weber: „Rotkäppchen und der böse Tiger“, Süddeutsche Zeitung, 23.01.2016.
  2. Hilmar Schmundt: „Graffiti der Steinzeit“, Der Spiegel, 12.10.2019.
  3. Julien d’Huy: „The Evolution of Myths“, Scientific American, December 2016, S. 64-69.
  4. Julien d’Huy: „Die Urahnen der großen Mythen“, Spektrum Spezial, Nr. 1/2017, S. 16-23.
  5. Julien d’Huy: „Première reconstruction statistique d’un rituel paléolithique: autour du motif du dragon“, Nouvelle Mythologie Comparée, Nr. 3 (2016), S. 1-33.
  6. Gregor Maria Hanke: „Askese als Förderer der Ordnung und Gesundheit im Leben des Menschen“, in: Jürgen Henkel/Nikolaus Wyrwoll (Hrsg.): Askese versus Konsumgesellschaft, Bonn 2013, S. 64-70, hier: S. 67.
  7. Genesis 3,15
  8. Offb 12
  9. Offb 19, 11 ff.
  10. Offb 20, 7-10.
  11. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 76 ff.
  12. Ebd., S. 257.
  13. Ebd. S. 24.
  14. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 39.
  15. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 178-179.
  16. Leo Scheffczyk: „Entmythologisierung und Glaubenswahrheit in mythenloser Zeit“, Umkehr, Juli 1994.
  17. Ernst Jünger: Der Waldgang, Frankfurt a. M. 1951, S. 41.