Jared Diamond: Kulturelle Identität und Krisenfestigkeit

Ferdinand Keller - St. Michael und Germania (gemeinfrei)

Der Geograph Jared Diamond lehrt an der University of California in Los Angeles und hat sich vor allem mit den Ursachen des Aufstiegs und des Niedergangs von Gemeinwesen auseinandergesetzt. In seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen Werk „Krise. Wie Nationen sich erneuern können“ untersucht er historische Beispiele dafür, wie Staaten existenzielle Krisen bewältigt haben. Dabei betont er die Bedeutung des Faktors der kulturellen Identität, die wesentlichen Einfluss darauf habe, ob und wie gut ein Gemeinwesen solche Lagen meistern könne.

  • Die kulturelle bzw. die nationale Identität eines Gemeinwesens stelle eine wichtige Ressource für die Bewältigung von Krisen dar. Diese Identität beruhe auf geteilter Sprache, Kultur und Geschichte seiner Mitglieder sowie auf gemeinschaftlich erbrachten Leistungen und der Erinnerung an in der Vergagenheit bewältigte Krisen. Sie beinhalte es, „stolz auf die bewundernswerten Dinge zu sein, die für eine Nation charakteristisch und einzigartig sind“.1
  • Der Faktor der kulturellen Identität habe in allen von ihm in seinem Buch untersuchten Beispielen „in hohem Maße zur Krisenbewältigung beigetragen“. Dieser Faktor habe Gesellschaften in Kriegen etwa den Mut verliehen, „machtvollen Bedrohungen von außen die Stirn zu bieten, und den Bürgern die Kraft, Entbehrungen und Erniedrigungen zu überleben und persönliche Opfer für ihre Nation zu bringen“. Nach Niederlagen habe dieser Faktor es Gemeinwesen ermöglicht, deren Folgen zu überleben.2
  • Ein krisenfestes Gemeinwesen pflege daher seine kulturelle Identität und „nationale Mythen“, d. h. auf historischen Tatsachen beruhende Erzählungen, die den höheren Sinn der Existenz dieses Gemeinwesens sowie seine unter Beweis gestellte Fähigkeit beschrieben, auch größte Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können.3
  • In einem Gemeinwesen geteilte „nationale Grundwerte“ könnten die Bewältigung von Krisen sowohl erleichtern als auch erschweren. Diese Werte beinhalteten vor allem gemeinsame Vorstellungen darüber, welche Ideale und Güter für so bedeutend gehalten würden, dass für ihre Erhaltung und Bewahrung Opfer erbracht werden müssten. Dabei könne es sich um verschiedene Dinge handeln, etwa um nationale Unabhängigkeit, aber auch um den Erhalt der Kultur oder bestimmter Institutionen. Für die Bewältigung von Krisen nachteilig seien Ideale und Werte, deren Sicherstellung die Fähigkeiten eines Gemeinwesen übersteige.4

Zu den wichtigsten kulturellen Resilienzfaktoren gehöre die Tugend der Klugheit. Um Krisen bewältigen zu können, sei es zunächst erforderlich, diese überhaupt als solche zu erkennen. Nicht allen der durch den Autor untersuchten Gemeinwesen sei dies rechtzeitig gelungen, was wesentlich zu deren Scheitern beigetragen habe. Diamond zufolge gebe es eine destruktive Tendenz in der Natur des Menschen zur Überschätzung seiner eigenen Stärke sowie dazu, Krisen zu leugnen und Herausforderungen zu unterschätzen.5 Vor allem den politischen Eliten Deutschlands habe es seit dem Tod Bismarcks bis in die Gegenwart hinein fast durchgängig an Klugheit und Realismus gemangelt.6

Hintergrund

Der Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass kulturelle Identität durch „heilige Geschichten“ gestiftet und weitergegeben werde. Die Identitäten von Völkern würden durch die Gemeinsamkeit der Erinnerung und gemeinsame große Erzählungen begründet.7 Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann sprach in diesem Zusammenhang von einem „kulturellen Gedächtnis“, das einer Gesellschaft „Zeitresistenz“ verleihe und „über die Generationenfolge hinweg eine Identität“ schaffe.8

Dem protestantischen Theologen Adolf von Harnack zufolge sei Geschichte „der begeisternde Antrieb, sich in die Reihe der Helden zu stellen und in ihrer Nachfolge und mit ihnen zu wirken.“9 Der Philosoph José Ortega y Gasset lehnte es ebenfalls ab, im Zusammenhang mit Geschichtsschreibung nur auf die „tote Geschichtszahl“ zu blicken. Geschichte habe immer einen bestimmten Kontext. Ihre Beschreibung müsse „ein begeisterter Versuch der Auferstehung“ sein und das geschichtliche Geschehen zeigen, „wie es aus dem ewigen Born aufsteigt, aus dem alles Menschliche, also das Leben des Menschen, hervorquillt, und in dem es seine Wirklichkeit hat“.10

Laut dem Historiker John Roberts „weben […] Völker und Kulturen an Mythen über das, was sie waren und sind, können und tun sollten“. Viele dieser Mythen hätten mit der Geschichte zu tun. Es läge im Wesen der Kultur, dass sie versuche, „in ihrer Vergangenheit Sinn zu finden“. Mythen seien „unerläßlich, wenn man der Geschichte zu Leibe rückt; ohne sie wäre die ganze Angelegenheit unerträglich“. Gleichzeitig seien solche Mythen zwangsläufig mit Vereinfachungen, Zuspitzungen und Verfälschungen des tatsächlichen Geschehens verbunden. Der Blick auf die Geschichte sei nur „durch die verzerrende Optik unserer eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte“ möglich.11

Der protestantische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte in diesem Zusammenhang einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. Europa brauche ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“12

Quellen

  1. Jared Diamond: Krise. Wie Nationen sich erneuern können, Frankfurt am Main 2019, S. 406.
  2. Ebd., S. 407.
  3. Ebd. S. 408.
  4. Ebd., S. 416-417.
  5. Ebd., S. 399-401.
  6. Ebd., S. 409-410.
  7. Robert Spaemann: Meditationen eines Christen. Eine Auswahl aus den Psalmen 52-150, Stuttgart 2016, S. 73-74.
  8. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, München 2000, S. 18.
  9. Adolf von Harnack: Erforschtes und Erlebtes, Giessen 1923, S. 195.
  10. José Ortega y Gasset: Das Wesen geschichtlicher Krisen, Stuttgart 1951, S. 12.
  11. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 44 f.
  12. Joachim Gauck: „‚Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken'“, faz.net, 22.03.2013.