Der Anschlag von Hanau: Die Frage nach den Ursachen

William Blake - The Number of the Beast is 666 (gemeinfrei)

Die Tat von Hanau wirft die Frage nach den Ursachen solcher Taten, die in den vergangenen Jahren in westlichen Gesellschaften zu beobachten waren. Die Täter agierten dabei wie Amokläufer und stellten ihre Taten in den Kontext extremistischer Ideologien.

Die Ursachen dieses Phänomens sind komplex, wobei neben der psychischen Auffälligkeit der Täter auch verschiedene pathologische kulturelle und soziale Entwicklungen in westlichen Gesellschaften eine wesentliche Rolle spielen. Als bindungslose, narzisstische Individuen, die meist aus defekten Familien stammen und bei der Entwicklung einer intakten männlichen Identität scheiterten, sind die Täter kulturell gesehen Produkte der postmodernen Gesellschaft. Darauf weisen sowohl die Biographien von Tätern wie Tobias Rathjen, Stephan Balliet, Anders Breivik und Brenton Tarrant als auch die von ihnen erstellten Manifeste, Videos und sonstigen Botschaften hin.

Ideologische Faktoren

Ideologische Faktoren stellen offenbar nicht die Ursache des Phänomens dar. Bei keinem der Täter gab es trotz der jeweils vorliegenden Berufung auf entsprechende Ideologien bislang Hinweise darauf, dass er über Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen verfügte, bei seinem Vorgehen einer Strategie folgte oder einen auf ideologischen oder politischen Erwägungen beruhenden Radikalisierungsprozess durchlaufen hat.

  • Laut Ermittlern des Bundeskriminalamts habe man keine Hinweise darauf gefunden, dass der Täter sich mit rechtsextremer Ideologie beschäftigt habe. Weder die Durchsuchung des Rechners des Täters noch die Befragung von Nachbarn und Bekannten hätten entsprechende Hinweise ergeben. Der Täter sei außerdem nicht durch rassistische Äußerungen oder Verhaltensweise aufgefallen, sondern habe nachweislich einem dunkelhäutigen Nachbarn geholfen und in einer Fußballmannschaft gespielt, die überwiegend aus Spielern mit Migrationshintergrund bestand. Auch für einen Radikalisierungsprozess habe man keine Hinweise gefunden.
  • Der Terrorismusforscher Peter R. Neumann sprach von einem „Muster von sozial isolierten Männern, die sich im Internet aus verschiedenen Elementen selbst eine Ideologie zusammenbasteln“ und vor allem in „virtuellen Subkulturen“ lebten. Laut dem Kulturhistoriker Michael Butter seien „Versatzstücke von Verschwörungstheorien“ prägend für die Manifeste von Rathjen, Breivik und Tarrant. In seinem Manifest hatte Rathjen rassenideologische Vorstellungen mit Elementen progressiver Ideologien verbunden. Eine „vollständige Aufklärung“ der Menschheit sei ihm zufolge nur durch die „Totalvernichtung“ der im Zustand „religiöser Verblendung“ befindlichen Völker möglich.
  • Laut einem Verfassungsschutz-Mitarbeiter erfolge bei diesem Typus von Täter die Wahl der Ideologie, mit der das eigene Handeln legitimiert werden soll, vergleichsweise willkürlich.
  • Der Terrorismusforscher Olivier Roy hatte ein ähnliches Phänomen im islamistischen Terrorismus in Europa beschrieben. Die Täter seien oft kulturell entwurzelte, gescheiterte junge Männer, denen der militante Salafismus als geeignete Form erscheine, um ihre allgemeinen Gefühle von Schwäche und Demütigung zu bewältigen und zu kompensieren. Ideologische oder religiöse Motive spielten dabei eine nachrangige Rolle.

Die oben beschriebenen Täter nahmen sich ihren Äußerungen nach als schwach wahr und reagierten auf ihre Lage mit Gewalt. Laut Butter hätten ideologische bzw. verschwörungstheoretische Bezüge dabei eine „Entlastungsfunktion“, weil die Position der eigenen Schwäche in eine Stärke umgedeutet werde.

Durch die Berufung auf eine Ideologie sollte diese Gewalt offenbar aufgewertet werden. Der Radikalisierungsforscher Nils Böckler sprach diesbezüglich von einer „Kollektivierung des Amoklaufs“. Indem die Tat in einen ideologischen Kontext gestellt werde, erhöhe sich die öffentliche Aufmerksamkeit für diese, was den „Grandiositätsfantasien“ der narzisstischen Täter entspreche.

Laut dem forensischen Psychiater Frank Urbaniok seien Rathjens Gedanken „entscheidend durch seine wahnhafte Verarbeitung“ von Sachverhalten und einen „komplett gestörten Wahrnehmungsapparat“ geprägt gewesen, nicht jedoch durch eine „theoretische ideologische Ausrichtung“. Rathjen habe „nicht aus einer politischen Ideologie heraus“ gehandelt und sei „nicht der rechtsextreme Terrorist, der eine politische Bewegung repräsentiert“, gewesen, da bei ihm „die psychiatrische Problematik dominiert.“ Rathjen habe dies selbst betont, indem er sich nicht auf Andere bezog, sondern erklärte, dass er der einzige Mensch sei, der das Weltgeschehen wirklich verstanden habe. Es sei Ausdruck von „Instrumentalisierung, Polarisierung und Emotionalisierung“, wenn in den Fall Rathjen weltanschauliche Bezüge hineininterpretiert würden.1

Psychische Erkrankungen 

Laut Ermittlern des Bundeskriminalamts sei der ausschlaggebende Faktor für die Begehung der Tat  die Paranoia des Täters gewesen. Die rassistischen Elemente seines Manifests habe er vermutlich erst spät in dieses eingefügt und seine Opfer entsprechend ausgewählt, um möglichst große Aufmerksamkeit für seine Tat zu erlangen.

Bei Rathjen, der in seinem Manifest angab, seit seiner Geburt verfolgt worden zu sein und die Stimmen  unsichtbarer Menschen gehört zu haben, lag laut der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh wahrscheinlich eine „sehr komplexe, schwere psychische Erkrankung“ vor. Auch der Kriminologin Britta Bannenberg nach seien die „wahnhaften Vorstellungen“, die das Dokument Rathjens prägen, „recht eindeutig einer paranoiden Schizophrenie zuzuordnen“, die auch die wahrscheinliche Hauptursache der Tat darstelle. Frank Urbaniok sah ebenfalls Anzeichen für eine „klare psychiatrische Erkrankung“ bzw. eine „wahnhafte Störung“. Rathjens Gedanlen seien „entscheidend durch seine wahnhafte Verarbeitung“ von Sachverhalten und einen „komplett gestörten Wahrnehmungsapparat“ geprägt.2 Der Leiter des Bundeskriminalamts, Holger Münch, bestätigte, dass seiner Behörde Erkenntnisse über eine schwere psychotische Krankheit des Täters vorlägen.

Psychologische Untersuchungen von Anders Breivik kamen zu unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen, wobei unter anderem eine paranoide Schizophrenie sowie eine narzisstische und antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurden. Die Ergebnisse der Untersuchungen von Balliet und Tarrant wurden bislang nicht öffentlich gemacht.

Laut dem Neuropsychologen Wolfgang Meins lasse die Tat einer Person, die wie Rathjen „unter dem Einfluss eines wirren Verfolgungswahns, einhergehend mit einem hochgradigen Realitätsverlust“ gehandelt habe, „überhaupt keine Rückschlüsse über dessen eigentliche Gesinnung zu.“ Die „Art des Wahnthemas“ werde erfahrungsmäß „beeinflusst durch die beherrschenden gesellschaftspolitischen Themen“.

Der forensische Gutachter Hans-Ludwig Kröber kritisierte die Tendenz dazu, Tatmotive aus der Identität des Opfers ableiten zu wollen. Außerdem kritisierte er, dass die Bundesregierung bereits am Tag nach der Tat das Tatmotiv „verbindlich festgelegt“ habe. Die vorliegenden Informationen ließen dies nicht zu. Es sei offensichtlich, dass Rathjen unter einer paranoiden Psychose gelitten haben. Seine Taten seien Teil seien in sein „wahnhaftes Erleben und Denken“ eingebunden und nicht politisch oder ideologisch motiviert gewesen. Der soziale Rückzug und die Einstellung jeglicher Erwerbstätigkeit durch Rathjen seit dem mutmaßlichen Ausbruch der Krankheit 2001 seien typisch für solche Fälle, ebenso die Tatsache, dass er sich von geheimnisvollen Mächten verfolgt fühlte. Der Zweck solcher Vorstellungen bei Kranken sei es, das „Rätsel zu lösen der eigenen psychotischen Existenz“. Er habe weder aus politischen noch aus rassistischen Motiven getötet, sondern „weil er sich verfolgt und zerstört fühlte und ein Zeichen setzen wollte, damit die Behörden endlich aktiv werden“.  Das Geschehen sei daher als „eher als ein finaler psychotischer Amoklauf denn als ein ideologisch motivierter Terroranschlag“ zu deuten. Die Tat sei dadurch begünstigt worden, dass Behörden auf seine Briefe an die Polizei nicht reagiert hätten.3

Die Verbreitung psychischer Erkrankungen hat in den vergangenen Jahrzehnten nach Angaben von Krankenversicherungen in Deutschland „drastisch“ zugenommen. Diese Tendenz ist auch in anderen westlichen Gesellschaften, etwa in den USA, zu beobachten. Eine wesentliche Ursache dafür stellen kulturelle Faktoren dar, vor allem der Zerfall der Institution der Familie.

Gestörte männliche Identitätsbildung

Allen vier Tätern gelang es nicht, eine intakte Identität als Mann herauszubilden. Sie gehören zu der als „Involuntary Celibates“ („Incels“) bezeichneten wachsenden Gruppe vorwiegend europäisch-stämmiger junger Männer, denen es nicht gelang, ein normales Verhältnis zu Frauen zu entwickeln. Rathjen räumt seinen Schwierigkeiten im Umgang mit Frauen so wie auch Balliet in seinen Äußerungen breiten Raum ein. Auch Breivik und Tarrant entsprachen offenbar dem Incel-Typus.

Solche jungen Männer treten seit einigen Jahren vor allem in den USA als Täter bei Amokläufen in Erscheinung und stammen, so wie auch die oben beschriebenen Täter, oft aus gescheiterten Familien. Auch bei vielen Personen aus der Neonazi-Szene ist zu beobachten, dass sie vaterlos aufwuchsen oder Väter hatten, die in ihrer Rolle versagten. Vor allem Balliets und Breiviks, möglicherweise aber auch Rathjens familiäre Situation entsprechen diesem Muster. Im Fall Rathjens gehen Ermittler davon aus, dass die Rolle des Vaters „tatbegünstigend“ gewesen sein könnte.

Mangels männlicher Rollenvorbilder gelingt es solchen Personen nicht, eine intakte männliche Identität und die damit verbundene Lebenskompetenz zu entwickeln. Sie nehmen sich in Folge dessen als schwach wahr und versuchen diese Schwäche dadurch zu kompensieren, dass sie sich mit Symbolen von Stärke umgeben, übertriebenes Interesse an Waffen zeigen, Stärke durch Gewalttätigkeit beweisen wollen oder Interesse an rechtsextremen Vorstellungen entwickeln. Mit dem Verweis auf die Verbrechen des Nationalsozialismus erreicht man bei solchen Personen keine Abkehr von entsprechenden Ideologien, weil gerade die Tatsache, dass diese Ideologie für beispiellose Gewalttaten verantwortlich war, sie für Personen attraktiv macht, die nach allgemein gefürchteten Symbolen von Stärke suchen.

Eine mangelhaft ausgebildete männliche Identität äußerte sich bei den Tätern auch in einer passiv-aggressiven Einstellung sowie in Verschwörungsdenken, das im Verborgenen handelnde Mächte für die eigene Lage verantwortlich macht und einen Vorwand für sie darstellt, um der Verantwortung für das eigene Leben auszuweichen. Balliet bezeichnete sich selbst als „unfähiger Versager“, als „Verlierer“ sowie als „NEET“, was in der Computerspieler-Szene für „Not in employment, education, or training“ steht. Er habe nach Angaben von Angehörigen „immer allen anderen die Schuld“ für seine Lage gegeben. So machte er etwa den angeblich durch eine jüdische Verschwörung geschaffenen Feminismus für seine Probleme im Umgang mit Frauen verantwortlich.

Kulturelle Entwurzelung und Bindungslosigkeit

Die internationale Subkultur der Computerspieler, in der sich Balliet und Tarrant bewegten, besteht vorwiegend aus kulturell entwurzelten bindungslosen jungen Männern aus westlichen Gesellschaften. Auch Rathjen hat sich möglicherweise als Teil einer virtuellen internationalen Subkultur wahrgenommen. Darauf weist hin, dass er wie Balliet ein Video in englischer Sprache veröffentlichte, das sich offenbar an eine internationale Zielgruppe richtete und die in entsprechenden Internetforen verbreitete Verschwörungstheorien aufgriff.

  • Die auf den Imageboards und in den Foren dieser Subkulturen (etwa „8chan“ bzw. „8kun“) geteilten Inhalte beziehen sich vor allem auf Computerspiele, Filme und Fernsehserien der globalen Unterhaltungsindustrie sowie auf Pornographie. Mehrere der oben genannten Täter versuchten, ihre Taten gemäß der Ästhetik von Computerspielen und Actionfilmen zu inszenieren.
  • Mangels Bindungen an eine Kultur identifizieren sich einige Personen in diesem Spektrum mit Rassenideologien, von denen sie sich das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft versprechen. Auf eine solche Rassenideologie beriefen sich auch Rathjen und Balliet.
  • Viele Angehörige dieser Subkulturen stammen nicht nur aus gescheiterten Familien, sondern lassen auch kein Interesse erkennen, selbst eine Familie zu gründen. Dies hängt mutmaßlich auch damit zusammen, dass bei ihnen die Kompetenz zu einem normalen Umgang mit Frauen meist nicht vorhanden ist und sie Sexualität im Sinne moderner und postmoderner Vorstellungen vor allem unter dem Aspekt der Befriedigung eigener Bedürfnisse anstatt als Weg zur Weitergabe des Lebens betrachten.

Anders Breivik bewegte sich ebenfalls außerhalb intakter kultureller Bindungen und war Teil der der Sprayer- und Hip-Hop-Subkultur Oslos.

Religiöse Bindungen spielen in diesen Subkulturen keine erkennbare Rolle. Stephan Balliet war laut seinem Manifest betont christenfeindlich eingestellt und hatte die Absicht erklärt, neben anderen Menschen auch Christen töten zu wollen. Auf den Imageboards, die er mutmaßlich verfolgte, machen Nutzer in eigens dafür eingerichteten Foren das Christentum für ihre eigene Schwäche verantwortlich und bezeichnen es als Teil einer jüdischen Verschwörung zur Schwächung der Menschheit. Tarrant und Breivik waren ebenfalls antichristlich eingestellt.

Narzissmus

Laut forensischen Psychiatern gebe es bei Rathjen „Hinweise auf eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Durch seine Tat habe er vor allem „Anerkennung“ und „Bekanntheit“ erlangen wollen, wie er selbst in seinem Manifest sagt. Auch bei Breivik wurde eine entsprechende Störung festgestellt.

Der Narzissmus der Täter wird vor allem in ihrer Einstellung gegenüber Frauen sichtbar, die mit ihrer materialistischen Einstellung sowie mit ihrer gestörten männlichen Identitätsbildung zusammenhängt. In ihren Äußerungen stellten sie Frauen vor allem als Mittel zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse dar. Ratjhen sprach von Frauen als Neutrum und erklärte, dass er „das Beste haben“ wollte „oder gar nichts“. Eine „weniger gut aussehende Frau zu nehmen“ sei für ihn nicht in Frage gekommen.

Zu diesen Bedürfnissen zählt auch das nach Bestätigung, die von beiden Tätern im Sinne materialistischer Vorstellungen an sexuellem Erfolg gemessen wird. Die Verweigerung dieser Bestätigung nahmen beide als narzisstische Kränkung wahr, was ihr Gefühl der Schwäche verstärkte.

In der Szene, in der sich Balliet bewegte, besteht eine latente Sehnsucht nach großen Aufgaben und der damit verbundenen Anerkennung. Die Äußerungen von ihm und anderen Tätern sowie die Art der Inszenierung ihrer Taten deuten darauf hin, dass ihre Taten auch den Versuch darstellten, durch die Übertragung des im Computerspiel und im Actionfilm erlebten virtuellen Tötungshandelns in die reale Welt als Held wahrgenommen zu werden und Bestätigung zu erhalten. Die Erfüllung dieses Bedürfnisses hatte für sie dabei offenbar wesentlich größere Bedeutung als die Erreichung bestimmter politischer oder ideologischer Ziele.

Bewertung

Das oben beschriebene neue Phänomen zwischen Terrorismus und Amoklauf ist besonders schwierig zu bekämpfen, da die prägenden Akteure weder für weltanschauliche Argumente ansprechbar sind noch durch Überwachung erkannt oder durch das Verbot bestimmter Organisationen getroffen werden können. Eine wirksame Bekämpfung würde voraussetzen, die Ursachen des Phänomens zu analysieren und anschließend eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den pathologischen kulturellen Entwicklungen vorzunehmen, die wesentlich zur Entstehung dieses Phänomens beigetragen haben. Dies gilt vor allem für zunehmende Versagen westlicher Gesellschaften dabei, jungen Männern funktionierende Rollenvorbilder zur Verfügung zu stellen und sie bei der Herausbildung einer intakten männlichen Identität zu unterstützen.

Da es bislang in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Geschehen über die politischen Lager hinweg vor allem darum ging, diesen und andere Vorfälle zur Delegitimierung des jeweils anderen Lagers zu nutzen, ist eine konstruktive Diskussion mittelfristig jedoch kaum zu erwarten. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, dessen Analysen zum Thema Islamismus wir hier bereits aufgegriffen hatten, kritisierte diese Tendenz und die damit verbundene „Rhetorik der Schuldzuweisungen“ sowie jegliche Form der politischen Instrumentalisierung des Geschehens, die von der Auseinandersetzung mit dessen eigentlichen Ursachen ablenken.

Der forensische Psychiater Frank Urbaniok kritisierte, dass es Ausdruck von „Instrumentalisierung, Polarisierung und Emotionalisierung“ sei, wenn in den Fall Rathjen weltanschauliche Bezüge hineininterpretiert würden. Es handele sich dabei um das gleiche populistische Muster, das auch im Fall eines psychisch kranken Eritreers zu beobachten gewesen sei, der am Frankfurter Hauptbahnhof 2019 ein Kind getötet hatte, und für dessen Tat einige Beobachter die Asylpolitik der Bundesregierung verantwortlich gemacht hätten, die in diesem Fall ebenso keine Rolle gespielt habe wie die ideologische Dimension im Fall Rathjen. Wer „falsch über den Fall Hanau redet“, der komme zudem „zu falschen Lösungen“. Die richtige Antwort auf den Vorfall seien verbesserte Maßnahmen zur „Früherkennung psychiatrisch schwergestörter Menschen“.4

Der Philosoph Alexander Grau kritisierte die nach der Tat sichtbar gewordene Tendenz, den Vorfall zu nutzen, um ihn dem eigenen politischen Gegnern anzulasten. Es sei „enorm verlockend, den weltanschaulichen Gegner mithilfe von Straftätern zu diskreditieren, die sich Anliehen beim jeweiligen Vokabular nehmen: Die Linke mittels des Linksterrorismus, die Rechte mittels des Rechtsterrorismus oder den Islam mittels des Islamismus. In einer Demokratie jedoch sollte man diesen dummen und ordinären Verlockungen widerstehen.“5

Unabhängig davon wären die kulturellen Faktoren, die offenbar zur Zunahme solcher Störungen beitragen, allenfalls mit hohem Aufwand und über längere Zeiträume hinweg beeinflussbar. Mit weiteren Vorfällen nach dem Muster von Halle und Hanau muss daher ebenso gerechnet werden wie mit islamistischen Anschlägen und anderen Folgeerscheinungen der kulturellen Auflösung westlicher Gesellschaften.

Dieser Beitrag wurde am 23.02., 27.02., 27.03. und 23.04.2020 aktualisiert. Dabei wurden neue Informationen über den Hintergrund des Täters, seine Motive sowie über Parallelen zu ähnlichen Taten ergänzt. Die Bewertung blieb unverändert.

Quellen

  1. „‚Psychiatrische Eigenlogik‘“, Die Weltwoche, 26.02.2020.
  2. Ebd.
  3. Hans-Ludwig Kröber: „Terrorist oder Psychopath?“, Die Zeit, 23.04.2020.
  4. Ebd.
  5. Alexander Grau: „Das ist Verleumdung“, cicero.de, 29.02.2020.

2 Kommentare

  1. Das glaube ich nicht, denn seine Psychose war, soweit ich weiß, niemandem bekannt, noch befand er sich in ärztlicher Behandlung oder war jemals in der Psychiatrie. Außerdem gehe ich davon aus, dass er, falls er denn Medikamente bekommen hätte, diese eher Antipsychotika als Antidepressiva gewesen wären. Und eigentlich ist es meist auch genau andersherum, wenn Schizophrene ihre Medikamente absetzen, kommen psychotische Symptome zurück, die durch Medikamente wirksam unterdrückt werden und dann kommt es zu unvorhersehbaren Taten. Ich denke, die richtigen
    Medikamente hätten evtl sogar diese Tat verhindern können.

  2. Jenseits der dargelegten Punkte: Ein Aspekt, der so gut wie nie beleuchtet wird, ist die Frage nach dem Einfluss von Medikamenten im Tatszusammenhang. Applizierte Antidepressiva und andere Psychopharmaka zeitigen mitunter härteste Persönlichkeitseffekte. Stand der „Amokläufer“ von Hanau unter dem Einfluss derartiger Substanzen?

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