C. S. Lewis: Die heilige Nation

John Martin - The Plains of Heaven (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler C. S. Lewis gehört zu den wichtigsten christlichen Autoren des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit seinem Freund J. R. R. Tolkien war er einer der Pioniere des Literaturgenres der Phantastik. Im 1956 erschienenen abschließenden Band der für jüngere Leser geschriebenen Romanserie „Die Chroniken von Narnia“ beschrieb er auf der Grundlage der Ideenlehre Platons ein christliches Verständnis der Nation. Die Nationen der Welt werden dabei als unvollkommene Abbilder vollkommener Urbilder verstanden, die auf transzendenter Ebene existieren.

Nach ihrem Tod finden sich die Charaktere des Romans sich in der jenseitigen Version des Landes Narnia wieder, dessen Vernichtung sie im Diesseits erlebt hatten. Sie verstehen das Wesen dieses Ortes zunächst nicht vollständig und erkennen nur, dass dieses Land sich von dem, das sie kennen, positiv unterscheidet. Sie befinden sich in einer Welt der Urbilder, welche die eigentliche Wirklichkeit darstellt, weil hier alle Dinge in ihrer vollkommenen, eigentlichen Form existieren, während sie in der Welt, aus der sie kommen, nur als unvollkommene Abbilder vorhanden sind.

Diese Welt der Urbilder ist hierarchisch geordnet. Der Weg durch sie hindurch gleicht einer Prozession mit unbekanntem Ziel, „weiter hinein und weiter hinauf“. Im Zuge ihres Aufstiegs können die Charaktere neben anderen Dingen auch verschiedener Nationen sehen, die im Vergleich zu den ihnen bekannten jedoch als „wirklicher und schöner“ erscheinen. Sie sehen in der Ferne auch ihre alte Heimat England, das ihnen als „das England innerhalb Englands, das wirkliche England“ sowie als „inneres England“ vorgestellt wird.1

Die Charaktere erfahren zudem, dass das diesseitige Narnia „nicht das richtige Narnia“ gewesen sei:

„Das hatte einen Anfang und ein Ende. Es war nur ein Schatten oder ein Abklatsch des wirklichen Narnia, das immer hier gewesen ist und sein wird – genauso wie unsere eigene Welt, unser Land und alles übrige nur ein Schatten ist oder ein Abklatsch von etwas in Aslans wirklicher Welt. Du brauchst um Narnia nicht zu trauern Lucy. Alles, was noch zum alten Narnia gezählt hat, all die lieben Geschöpfe, sind durch die Tür in das wirkliche Narnia gezogen. Natürlich ist es anders, ebenso verschieden wir ein wirkliches Ding von einem Schatten. So verschieden, wie wirkliches Leben sich von einem Traum unterscheidet. […] Ihr findet das alles schon bei dem Philosophen Platon, alles steht schon bei Platon. […]

Man stellt sich einen Raum vor mit nur einem Fenster. Durch das Fenster kann man auf eine liebliche Meeresbucht hinaussehen oder auf ein grünes Tal. An der Wand dieses Raumes, dem Fenster genau gegenüber, hängt ein Spiegel. Wenn man sich vom Fenster abwendet, dann erblickt man plötzlich das Meer oder das Tal in diesem Spiegel.  Das Meer oder das Tal im Spiegel zeigen jedoch das wirkliche Meer oder das wirkliche Tal vor dem Fenster mehr wir Orte in einer Geschichte. Die Wirklichkeit draußen vor dem Fenster ist aber viel tiefer und wunderbarer.

Der Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Narnia war ebenso.2

Die Charaktere erkennen, dass die diesseitigen Nationen nicht ihre eigentliche Heimat gewesen sind, weil die Vollkommenheit des Jenseits der eigentliche Ort ihrer Sehnsucht ist:

„Nun bin ich doch noch nach Hause gekommen! Das ist meine wahre Heimat. Hierher gehöre ich. Nach diesem Land habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt. […] Warum liebten wir das alte Narnia? Weil es manchmal ein bißchen wie dieses Land hier aussah. Kommt weiter, weiter hinein und weiter hinauf!“3

Der weitere Weg der Charaktere wird als „Prozession hinauf in die Berge“ beschrieben, „in höhere Berge als man sie in dieser Welt je sehen könnte, selbst wenn sie dort zu sehen wären“.4 Die Charaktere stoßen dabei schließlich auf einen Berg, der sich über den Ländern der Menschen erhebt, und auf dem die Helden aller Zeiten und Völker versammelt sind. Von dort aus ziehen sie weiter hinauf, bis Christus ihnen in Gestalt eines Löwen „wie ein lebendiger Wasserfall aus Macht und Schönheit“ von der verborgen bleibenden Spitze dieser hierarchischen Welt entgegenkommt. Hier endet das Buch, dessen Autor noch darauf verweist, dass für die Charaktere nun „das erste Kapitel der großen Geschichte“ begonnen habe, „die noch keiner auf Erden gelesen hat, der Geschichte, die ewig weitergeht und in der jedes Kapitel besser ist als das vorangegangene.“

Hintergrund: Die Erbauer der christlichen Nationen Europas und des tiefen Abendlands

Das von Lewis beschriebene christliche Bild der Nation findet sich in allen Kulturen Europas wieder. Seine geistigen Wurzeln reichen bis zu den Anfängen des abendländischen Denkens zurück und prägen das christliche Denken seit der Antike. Augustinus von Hippo griff auf dieses Bild in seinen Gedanken über den Gottesstaat zurück. Thomas von Aquin sprach davon, dass bei Gott die Urbilder aller Dinge gegenwärtig sind.5

Die Nation wird hier als geistiger Entwurf verstanden und nicht als bloßes biologisches Produkt geteilter Abstammung oder als liberale Zweckgemeinschaft. Die Erbauer von Nationen sind die Menschen, die Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) als „schöpferische Minderheiten“ bezeichnete. Diese sind in den Worten des Aristoteles zur Kontemplation in der Lage bzw. dazu, „die höchsten unter den erkennbaren Dingen“6 in Form der erwähnten Urbilder zu erkennen. Thomas von Aquin knüpfte daran an als er schrieb, dass das höchste Glück des Menschen in der Anschauung Gottes liege.7

  • Laut dem Philosophen Josef Pieper geschehe Kontemplation, wenn bei der bejahenden Betrachtung der Dinge in der Tiefe „ein bislang verborgener, unendlicher Bezug sichtbar wird“. Dies könne „sich an schlechterdings allem entzünden“, dem der Mensch begegne. In allen Dingen gebe es ein „göttliches Ursprungszeichen“, dessen Anschauung identisch mit Kontemplation sei. Die mit Kontemplation verbundenen Eindrücke würden alle Kräfte der Seele des Menschen beanspruchen.8
  • Laut dem Historiker Eric Voegelin bilden die Transzendenzerfahrungen einer sehr kleinen Gruppe von Menschen die Grundlage jeglicher kultureller Entwicklung. Diese Transzendenzerfahrung sei die Folge religiöser Suche. Sie löse eine „Bewegung der Seele“ aus und ermögliche es, die „Struktur der Wirklichkeit“, die Ordnung des Kosmos und die eigene Rolle darin zu erkennen. Platon habe beschrieben, dass der durch die Transzendenzerfahrung innerlich geordnete Mensch zum Modell der Ordnung einer Gesellschaft werde. Dieser Mensch werde durch das göttliche Sein geordnet und seine Seele habe in Folge dessen Teil an der göttlichen Substanz. Ein auf diese Weise innerlich neugeordneter Mensch könne so in der Gesellschaft wirken, dass diese dem „ewigen Sein“ nähergebracht werde.9 Er erhalte die Autorität, „zu zerstören und aufzubauen“10 bzw. sei in den Worten des Propheten Jeremia von Gott gestellt „über Völker und Reiche“ und solle „ausreißen und niederreißen, vernichten und zerstören, aufbauen und einpflanzen“.11 Solche Menschen würden Geschichte in Form der „Verwirklichung ewigen Seins in der Zeit“ bzw. eine „transzendente Struktur der Geschichte“ schaffen.12
  • Dem Religionswissenschaftler Mircea Eliade zufolge hätten zur Kontemplation fähige kulturelle Eliten Zugang zu absoluter Wirklichkeit, was ihnen einen festen Standpunkt in einer ansonsten chaotischen Welt verleihe. In ihrem Leben finde ein „Einbruch des Heiligen“ statt und es zeige sich ihnen etwas, „das nicht von dieser Welt ist“.13 Die entsprechenden „Manifestationen heiliger Realitäten“ seien Gegenstand der Religion, und die Mythen der Menschheit würden die Erfahrung des Erkennens kosmischer Ordnung weitgehend übereinstimmend und mit ähnlichen Bildern beschreiben.14 Das Heilige und die „übernatürliche Realität“, zu der kontemplative Eliten Zugang erhielten, sei „gesättigt an Sein“.  Das Heilige sei „Kraft und letztlich Realität schlechthin“ bzw. „das Reale schlechthin, es ist Macht, Wirkungskraft, Quelle des Lebens“. Der kontemplative Mensch sehne sich danach, „zu sein, an der Realität teilzuhaben, sich zu sättigen mit Kraft“. Das „Verlangen des religiösen Menschen, ein Leben im Heiligen zu Führen“, sei „das Verlangen, in der objektiven Realität zu leben, nicht in der endlosen Relativität subjektiver Erlebnisse gefangen zu bleiben“. Sein Erfahrungshorizont sei grundsätzlich anderer Art als der des Menschen, der in einer entheiligten Welt zu glauben meint, nur über einen verkümmerten Zugang zur Wirklichkeit verfügt und kaum dazu in der Lage ist, die existenziellen Dimensionen der Wirklichkeit zu erkennen und zu verstehen.15
  • Gemäß dem Historiker Christopher Dawson wirke Religion wie eine „Brücke zwischen zwei Welten, durch die der Bereich der Kultur zur transzendenten Wirklichkeit geistigen Seins in bewußte Beziehung tritt“.16 Der zur Kontemplation fähige Mensch könne in religiöser Erfahrung die Ordnung und die Hierarchie des Kosmos wahrnehmen,17 wodurch er „übermenschliche Autorität“ erhalte.18 Als archetypische Gestalten wie Priester, Könige, Propheten, Gelehrte oder Krieger hätten diese Menschen aus göttlicher Inspiration heraus Kulturen und Nationen geschaffen.19 Sie seien „die letzten Urheber eines schöpferischen Wandels in der Geschichte und in der Welt des Menschen“.20

Eine destruktive Überhöhung der eigenen Nation, wie sie in einigen modernen Ideologien zu beobachten ist, ist in dieser Tradition des Denkens praktisch unmöglich, da die diesseitig existierende Nation in der Konfrontation mit dem Absoluten, wie sie in der Kontemplation stattfindet, zwangsläufig als unvollkommen erscheinen muss. Die entsprechende Erfahrung erzeugt nicht den Wunsch, die eigene Nation über andere zu erheben, sondern den Wunsch danach, dass sie dem geschauten Urbild ähnlicher werde. Der Begriff des „heiligen Deutschlands“ spielte dementsprechend im christlich-abendländischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine zentrale Rolle.

Diese Tradition hat über die Jahrhunderte das geschaffen, was der Autor Charles Coulombe als „tiefes Europa“ bezeichnete. Dieses beruhe auf dem Erbe des Christentums und der klassischen Kulturen Europas. Der Deutsche nenne es „Abendland“, der Franzose „l’Occident“ und der Brite „Christendom“. Dieses tiefe Europa umfasse die Idealgestalt seiner Nationen, darunter das „Deep England“, das „heilige Deutschland“ und „la France profonde“, die nicht mit ihren gegenwärtigen Erscheinungsformen zu verwechseln seien.21

Quellen

  1. C. S. Lewis: Der letzte Kampf, Moers 2001, S. 158.
  2. Ebd., S. 148 f.
  3. Ebd., S. 149.
  4. Ebd., S. 158.
  5. Zit. Nach Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 91.
  6. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 328.
  7. Zit nach Christopher Dawson: Religion und Kultur, Düsseldorf 1951, S. 257.
  8. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 164 ff.
  9. Eric Voegelin: Was ist Geschichte?, Berlin 2015, S. 62-64.
  10. Ebd., S. 113.
  11. Jer 1,9-10
  12. Voegelin 2015, S. 89-90.
  13. Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, Hamburg 1957, S. 13-17.
  14. Ebd., S. 8-9, 21-24.
  15. Ebd., S. 9.
  16. Christopher Dawson: Religion und Kultur, Düsseldorf 1951, S. 259.
  17. Ebd., S. 44.
  18. Ebd., S. 82.
  19. Ebd., S. 93 f.
  20. Ebd., S. 102.
  21. Charles A. Coulombe: „Deep Europe, Real Europe“, The European Conservative, Summer/Fall 2019, S. 33-37.

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