Werner Weidenfeld: Deutschland braucht eine „Schule des strategischen Denkens“

Marcus Larson - In der Nacht auf See (gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld lehrte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz schrieb er über die „Strategiekrise der wankenden Republik“ Deutschland und forderte die Schaffung einer „Schule des strategischen Denkens“.

  • Die Bundesrepublik befinde sich seit vielen Jahren in einer Abwärtsspirale. Indikatoren wie die Wahlbeteiligung entwickelten sich kontinuierlich negativ, was von sinkendem Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit der Parteien zeuge, die strategischen Herausforderungen, denen Deutschland gegenüberstehe, zu bewältigen. Diesen Parteien gelänge es selbst im Rahmen immer größer werdender Koalitionen kaum noch, Mehrheiten hinter sich zu vereinen.
  • Fundierte Weltanschauungen und Gesellschaftsbilder, auf die strategische Entwürfe zur Gestaltung der Zukunft Deutschlands gegründet werden könnten, seien aus den Parteien weitgehend verschwunden. Stattdessen reagiere man nur noch auf die Regungen „fluider Stimmungsmilieus“, die durch die Ansprache von Empörung oder Frustration mobilisiert würden.
  • Auf die zentralen strategischen Herausforderungen der Gegenwart, etwa im Bereich Sicherheit oder in den Bereichen Migration, demographischer Wandel und Digitalisierung, hätten die Parteien keine über diese bloße Reaktion auf Stimmungen hinausgehenden Antworten. Es mangele Deutschland an strategischen Perspektiven sowie an Führung und Mut.

In ganz Westeuropa sei eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Die Staaten Westeuropas seien mittlerweile von einem Dauerkrisenmodus in das Stadium einer ernsten Zivilisationsprüfung übergegangen. In dieser Lage sei es notwendig, eine „Schule des strategischen Denkens“ zu schaffen, die eine „strategische Kultur“ entwickele, welche den genannten Herausforderungen gewachsen sei.

Bewertung und Folgerungen

Die strategische Kultur Deutschlands ist im Vergleich zu der von Nationen wie den USA, Großbritannien oder Frankreich nur schwach entwickelt. Die wissenschaftliche Behandlung von strategischen Herausforderungen wird hier weder an Hochschulen noch im außeruniversitären Bereich in relevantem Maße praktiziert. In den genannten Staaten hingegen findet sich eine Vielzahl von Einrichtungen, die eine Kultur des analytischen Denkens und der Auseinandersetzung mit existenziellen strategischen Fragen pflegen. Ihr Ziel ist es, fähige Entscheidungsträger zu entwickeln und sie dabei zu unterstützen, die Lage des Gemeinwesens zu erkennen, zu verstehen und bessere strategische Entscheidungen im Dienst am Gemeinwohl zu treffen.1

Die strategische Kultur Deutschlands ist hingegen von einer allgemeinen Scheu vor der Auseinandersetzung mit Fragestellungen gekennzeichnet, die von Teilen der Öffentlichkeit als kontrovers wahrgenommen werden könnten. Als Experten deutscher Sicherheitsbehörden sich 2015 zu den problematischen Folgen von irregulärer Migration äußerten, mussten sie es in Form eines nicht-offiziellen Dokuments tun, das an die Medien weitergegeben wurde. Symptomatisch für den Zustand der strategischen Kultur Deutschlands ist es, dass ein für die akademische Ausbildung der Mitarbeiter von Nachrichtendiensten verantwortlicher Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung von seiner Behörde öffentlich unter Extremismusverdacht gestellt wurde, nachdem er sich in einer wissenschaftlichen Publikation mit der Frage beschäftigt hatte, wie ein Staat seinem Auftrag zur Sicherung seiner Außengrenzen nachkommen kann. Es entsteht dadurch der Eindruck, dass eine Beschäftigung mit solchen Fragen nicht erwünscht sei.

Damit die von Weidenfeld geforderten Schulen strategischen Denkens Wirkung entfalten könnten, müssten sie daher vorläufig unabhängig von staatlichen Strukturen und Mitteln agieren. Eine geeignete Zielgruppe wären vor allem Studenten oder jüngere Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, die über einen längeren Zeitraum hinweg eine resilientere, den Herausforderungen gewachsene strategische Kultur in Deutschland schaffen könnten.

Ein Beispiel aus den USA zeigt, wie dies gelingen kann. Dort hatte eine traditionell-christliche Denkfabrik unter dem Eindruck der Bedrohung durch totalitäre Ideologien und Staaten in den 1950er Jahren damit begonnen, ein System von Studiengruppen und Bildungsangeboten zu schaffen, das durch die Vermittlung eines klassischen Staatsethos und dessen geistiger Grundlagen einen zum Dienst am Gemeinwohl fähigen und bereiten akademischen Nachwuchs ausbildete. Sie erhielt dabei die Unterstützung von Förderern, die ein Interesse an der langfristigen Stabilität des Landes und dem Vorhandensein leistungsfähiger Institutionen hatten. Dieser Nachwuchs hatte auf dem Höhepunkt der Konfrontation mit dem Kommunismus in den 1980er Jahren Führungspositionen in Politik, Behörden, Denkfabriken und Streitkräften erreicht und trug zusammen mit anderen, weltanschaulich ähnlich ausgerichteten Akteuren dazu bei, dass das Land in dieser kritischen Phase den Herausforderungen gewachsen war, denen es gegenüberstand.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) bezeichnete solche dem Gemeinwohl dienenden Gruppen von Menschen als „schöpferische Minderheiten„. Laut dem Sozialpsychologen Laurent Bègue dauere es nach dem Beginn einer solchen Initiative mindestens 25 Jahre, bevor eine entsprechende  Gruppe relevante Wirkung entfalten könne. Mit einem entsprechenden Zeithorizont müsste daher auch ein solches Vorhaben in Deutschland planen. Einen ähnlichen Zeithorizont gab auch der Historiker David Engels in seiner Prognose bezüglich des Zeitpunkts an, an dem die Zivilisationskrise Europas ihren Höhepunkt erreichen könnte.

Quellen

  1. Joachim Krause: „Strategische Wissenschaft“, in: Carlo Masala/Frank Sauer/Andreas Wilhelm (Hrsg.): Handbuch der Internationalen Politik, Wiesbaden 2010, S. 182-198.