Susanne Schröter: Die Schwäche der Kirche in der Auseinandersetzung mit dem politischen Islam

Leander Russ - Sturm der Türken auf die Löwelbastei (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Ethnologin Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI). In einem aktuellen Interview benennt sie eine Reihe von Schwächen, die Kirche in Deutschland in der Auseinandersetzung mit dem politischen Islam zeigten. Sowohl Katholiken als auch Protestanten würden diese Herausforderung nicht richtig erkennen und ihr in Folge dessen auch nicht angemessen begegnen.

  • Bei Vertretern der Kirche erlebe sie „absolute Unkenntnis“, was Fragen des politischen Islam  angehe. Man kooperiere auch mit Akteuren, „denen unsere Sicherheitsorgane Verbindungen zur radikalen Muslimbruderschaft nachsagen.“
  • Die Kirche lasse sich von den entsprechenden Akteuren „die Agenda diktieren“ und blende schwierige Themen aus. Muslime würden tendenziell als „eine unterprivilegierte Gruppe in unserer Gesellschaft“ betrachtet werden, „die eines besonderen Schutzes bedürfe“. Kritik in Fragen, die das christliche und freiheitliche Menschenbild betreffen, würde daher seitens der Kirche „viel zu zurückhaltend“ geübt. Dass man „nur Kaffee trinkt und sich darüber unterhält, dass Muslime diskreditiert werden, das kann nicht die alleinige Agenda sein.“
  • Aussagen von Islamisten über ihre Ziele werde häufig unkritisch Vertrauen entgegen gebracht. Kritik an Islamisten sei in der Kirche „nicht gern gesehen. Schnell heißt es dann, das sei islamophobisch“.
  • Die Kirche würde auch zu wenig zu ihren eigenen Werten stehen, was sich beispielhaft darin geäußert habe, dass der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx bei einem Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Kreuze abgelegt hätten. Es gebe hier „kein Bekenntnis zur eigenen Tradition“ mehr. Von Muslimen sei dies so interpretiert worden, dass von Christen „der eigene Glaube als nicht wirklich vollwertig gesehen“ werde.
  • „Das Schweigen zur Verfolgung der Christen im Orient“ durch die Kirche in Deutschland sei „wirklich dramatisch“. Christen würden „in fast allen islamisch geprägten Ländern massiv verfolgt“, während die Kirche schweige. Sie schweige meist auch zur Verfolgung ehemaliger Muslime in Deutschland, die sich dazu entschieden, Christen zu werden.

Bereits vor einigen Monaten hatte Schröter der Kirche in Deutschland vorgeworfen, den politischen Islam zu verharmlosen und durch Zusammenarbeit mit islamistischen Akteuren gesellschaftlich aufzuwerten.

Sowohl die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als auch die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) wiesen die Kritik zurück.

Hintergrund und Bewertung

Es mangelt beiden großen Konfessionen der Kirche in Deutschland an einer realistischen Analyse des politischen Islam sowie an strategischen Entwürfen zur Auseinandersetzung mit diesem. Zudem mangelt es in der Kirche an Expertise zu damit verbundenen Fragestellungen wie Migration und Sicherheit. In Folge dieser Mängel und Schwächen haben große Teile der Kirche die Herausforderung durch den politischen Islam in Europa bislang entweder nicht erkannt oder unzutreffend bewertet, was Schaden für das Gemeinwohl nach sich zog und die Verwundbarkeit des Gemeinwesens erhöhte.

Vor allem europafreundliche Muslime sowie ehemalige Muslime haben diesbezüglich ähnliche Kritik an der Kirche geübt wie Schröter:

  • In der Kirche würden laut dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi häufig „Wunschdenken“ und „Gesinnungsethik“ vorherrschen. Vor allem progressive Strömungen in der Kirche neigten dazu, islambezogene Herausforderungen nur unzureichend ernst zu nehmen. Christen in Deutschland würden in der Auseinandersetzung mit dem politischen Islam außerdem eher „von ihrer eigenen dunklen Vergangenheit“ reden und sich einem „Ritual einseitiger Schuldzuweisungen“ unterziehen, als sich mit den eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Das Ergebnis sei ein „verlogener Dialog“ mit dem Islam. Nicht nur Islamisten, sondern auch viele orthodoxe Muslime würden dem Christentum auch dann feindselig gegenüberstehen, wenn Christen sich „vor dem Islam anbiedernd verbeugen“. Christen sollten sich im Interesse des Gemeinwohls „mit dieser feindseligen Einstellung offen auseinander setzen, statt sie weiterhin zu verdrängen.“ Tibi kritisierte in diesem Zusammenhang, dass Christen diesbezüglich weniger ihrem Glauben folgen würden als der „gesinnungsethisch verordneten Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden“.
  • Die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ates warf christlichen Kirchen in Deutschland 2018 mangelnde Distanz und unkritische Haltung gegenüber dem politischen Islam vor. Teilweise würden die Kirchen solche Strömungen sogar unterstützen, etwa wenn sie sich zustimmend zu deren Forderungen bzgl. des Umgangs mit islamischer Kleiderordnung in Deutschland äußerten.
  • Auch der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad kritisierte den Umgang der Kirche in Deutschland mit dem politischen Islam. Die Kirche lasse sich durch Islamisten instrumentalisieren, die unter anderem Dialoginitiativen ausnutzen würden, um auch mithilfe der Kirche ihre „Infra- und Machtstrukturen auszubauen“. So habe die evangelische Kirche etwa bei einer Gedenkfeier nach dem Terroranschlag in Berlin Ende 2016 mit von Verfassungsschutz beobachteten Islamisten zusammengearbeitet. Die Kirche mache sich laut Abdel-Samad hier „mitschuldig“, indem sie Islamisten „hoffähig“ mache. Abdel-Samad bezog sich offenbar auf die Aktion „Religionen für ein weltoffenes Berlin“, die von der durch den Verfassungsschutz als islamistisch eingestuften Neuköllner Begegnungsstätte/Dar-Assalam-Moschee zusammen mit der protestantischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde initiiert worden war und der sich neben anderen islamistischen Gruppierungen auch katholische und protestantische Organisationen angeschlossen hatten.

Ansätze der christlichen Soziallehre zur Auseinandersetzung mit dem politischen Islam: Dialog und Bekämpfung

Die Kritik Schröters ist kompatibel zu den Ansätzen der christlichen Soziallehre. Die Grundlagen für einen realistischen Dialog mit dem Islam hatte Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“ im Jahre 2003 formuliert:

  • Dialog mit dem Islam sei wünschenswert, um diesen besser zu verstehen. Solcher Dialog dürfe jedoch nicht durch „religiösen Relativismus geprägt“ sein und zu der Annahme führen, dass „eine Religion gleich viel gilt wie die andere“.
  • Solcher Dialog müsse sich zudem „des beträchtlichen Unterschiedes zwischen der europäischen Kultur, mit ihren tiefen christlichen Wurzeln, und dem muslimischen Denken bewußt sein“.
  • Außerdem müsse es im Dialog mit dem Islam darum gehen, christliche Interessen sicherzustellen, etwa „Gegenseitigkeit bei der Zusicherung der Religionsfreiheit […] in Ländern […] wo die Christen in der Minderheit sind“.1

Johannes Paul II. zufolge sei es notwendig, „die Christen, die in täglichem Kontakt mit den Muslimen leben, entsprechend darauf vorzubereiten, den Islam auf objektive Weise kennenzulernen und sich mit ihm auseinandersetzen zu können.“2 Im Kontext seiner Worte wird deutlich, dass „Auseinandersetzung“ hier vor allem auch Anstrengungen zur Evangelisierung von Muslimen bedeutet. Evangelisierung kann dabei einen Beitrag zu der von Johannes Paul II. geforderten vollständigen bzw. „echten Integration“ von Muslimen in Europa leisten. Darüberhinaus hat das Christentum einen allgemeinen Missionsauftrag, der sich auch auf Muslime erstreckt. Muslimen die christliche Botschaft vorzuenthalten würde bedeuten, ihnen den Dienst der Nächstenliebe zu verweigern.

Gegenüber anderen Formen des politischen Islam sieht die christliche Soziallehre Maßnahmen eine Bekämpfung durch Polizei, Militär und andere Sicherheitsbehörden vor. Im von Papst Johannes Paul II. beauftragten Kompendium der Soziallehre der Kirche wird das Vorgehen militanter Strömungen des politischen Islam bzw. islamistischer Terrorismus  als „Entweihung und Gotteslästerung“ eingestuft. Versuche wie die der Islamisten, ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres christlichen Glaubens auszulöschen, werden als „Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschlichkeit“ verurteilt. Es sei die moralische Pflicht der Angegriffenen, notfalls „die Verteidigung auch mit Waffengewalt zu organisieren“. Zudem bestehe eine moralische Pflicht anderer dazu, zugunsten der Angegriffenen militärisch einzugreifen.3 Entsprechendes Vorgehen muss gezielt erfolgen4 und dazu geeignet sein, der Bedrohung „ein Ende zu machen“.5 Die Neutralisierung der Bedrohung muss zudem das Ziel des Vorgehens sein und nicht Hass, d. h. die Absicht, dem Gegner Böses zuzufügen oder ihm Rechte zu nehmen.6 Gefangene sind dabei „mit Menschlichkeit zu behandeln“.7

Quellen

  1. Ecclesia in Europa 57
  2. Ecclesia in Europa 57
  3. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden (Hrsg.): Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg i. Br. 2006, Nr. 500-515.
  4. KKK 2314
  5. KKK 2309
  6. KKK 2302-2303
  7. KKK 2313