Roger Scruton: Oikophobie – Der Hass auf das Eigene

François de Nomé - König Asa zerstört die Götzenbilder (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der kürzlich verstorbene englische Philosoph Sir Roger Scruton schuf den Begriff der Oikophobie, um das Phänomen des in westlichen Gesellschaften immer stärker werdenden kulturellen Selbsthasses zu beschreiben. Dieser Hass richte sich gegen alle tragenden Institutionen des Gemeinwesens, vor allem gegen das eigene, auf dem Christentum beruhende kulturelle Erbe sowie gegen die Familie und die Nation. Ein vergleichbares Phänomen sei aus keiner anderen Kultur und keiner anderen Periode der Geschichte bekannt.

Der kulturelle Selbsthass der Eliten westlicher Gesellschaften

Die kulturellen Eliten westlicher Gesellschaften hätten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen, „sämtliche Formen historischer Zugehörigkeit“ abzulehnen und zu bekämpfen. Jede „normale Art von Patriotismus und lokaler Zugehörigkeit“ sei von ihnen „als Rassismus, Imperialismus oder Xenophobie denunziert“ worden. Er habe den Begriff der Oikophobie „als Analogie zur Xenophobie, zur Fremdenfeindlichkeit“ geprägt, um die dahinter stehende „Ablehnung aller Ansprüche und Bindungen“ zu beschreiben, die Teil der Gemeinschaftsnatur des Menschen seien.1

Nihilistische Ideologien des Selbsthasses und ihr Wirken

Oikophobe Ideologien beruhten laut Scruton auf einem autoaggressiven Impuls, der sich in einer nihilistischen „Kultur der Zurückweisung“ äußere2 und sich in einer „Mentalität des ‚Nieder mit uns!‘“ ausdrücke. Er diese Einstellung mit der „rebellierender, sich vom Elternhaus abnabelnder Teenager“. Oikophobe Ideologen und Aktivisten hätten dieses Stadium nicht überwunden und nicht die geistige Reife des Erwachsenen erlangt, der sich mit den Dingen identifiziert, die ihm überantwortet sind.3

  • Oikophobe Ideologien würden nicht über eine eigene Vorstellung des Guten verfügen, sondern das Gute durch die Zerstörung des historischen Gewachsenen schaffen wollen.4 Sie würden sich dazu gegen „alle vertrauten Formen der Zugehörigkeit“ richten, vor allem „gegen Heim, Familie und Nation.“ Hinter ihrer Verachtung der Bourgeoisie stehe die Verachtung von Lebensweisen, die auf Bindungen beruhten und ein Erbe schaffen, bewahren, pflegen und weitergeben wollten.5  Sie stünden damit im direkten Gegensatz zu traditionellem Denken, das auf einer „Kultur der Bejahung“ beruhe und sich durch die Dinge definiere, die geschützt und bewahrt werden sollten.
  • Diese Ideologien gingen zudem von der Vorstellung aus, dass das abendländische Erbe für die Probleme der Menschheit verantwortlich sei und ein Gemeinwesen dadurch gerechter und inklusiver werde, dass es seine eigenen kulturellen Grundlagen zerstöre. Oikophobie strebe auch die Beseitigung aller kulturellen Standards an, von denen vermutet werde, dass sie „ethnische, sexuelle, religiöse oder verhaltensauffällige Minderheiten“ diskriminieren könnten.6 Damit verbunden sei die Forderung, dass die eigene Kultur Platz zu machen habe, damit andere Kulturen sich innerhalb des eigenen Gemeinwesens frei entfalten könnten.7

Der Nihilismus dieser Ideologien äußere sich auch in Rassismusvorwürfen gegen denjenigen „der den Werten der westlichen Zivilisation beipflichtet, sie unterrichtet und aufrechterhält“ oder der Herausforderungen für westliche Gesellschaften anspreche. Indem oikophobe Ideologen Abstammung und Kultur gleichsetzen und Migranten die Fähigkeit zur kulturellen Integration und Assimilation absprechen, würden sie dabei selbst auf ein biologisches Menschenbild zurückgreifen.8

Hintergrund: Die „Antikultur des Todes“ und die Diskurse der Selbstauslöschung

Scrutons Definition von Oikophobie beruht auf dem christlichen Menschenbild, das den Menschen als Gemeinschaftswesen, als Teil einer Generationenkette und als Träger eines Erbes betrachtet. Laut Scruton sehe die abendländische Tradition den Menschen als „kollektiven Erben von großartigen und seltenen Gütern“. Sein Ziel müsse es sein, „an diesen Gütern festzuhalten, um sie an unsere Kinder zu übergeben“. Diese Haltung sei Ausdruck einer dienenden Nächstenliebe, die den Menschen „als einen Teil der fortlaufenden Kette von Geben und Entgegennehmen“ betrachte. Es stehe dem Menschen nicht zu, dass Gute, dass er erbe, zu verderben.9

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) hatte einen „Ekel am Bestehenden“ identifiziert, der im Gegensatz zu diesem Menschenbild stehe und auf utopischem Denken beruhe, das die Unvollkommenheit aller Werke des Menschen leugne, von einer irrealen Welt träume und „Zuflucht zu Scheinhoffnungen“ nehme. Zu diesen Scheinhoffnungen gehöre auch die, dass durch eine Trennung vom christlichen Erbe eine menschenwürdigere Welt geschaffen werden könne. Die Ideologien, die diesen Weg gegangen seien, etwa der Kommunismus, seien jedoch katastrophal gescheitert.10 Es sei eine „Antikultur des Todes“ entstanden, die alles verneine, worauf das Leben von Mensch und Gemeinwesen beruhe.11

  • Kardinal Robert Sarah warnte vor diesem Hintergrund vor einem drohenden kulturellen Selbstmord Europas. Die Trennung europäischer Gesellschaften von ihren religiösen Wurzeln führe dazu, dass sie ihre Seele verlieren würden, was sie nicht dauerhaft überleben könnten. Ein Baum, der seine Wurzeln verliere, müsse sterben.12
  • Der Historiker Eric Voegelin sah die Möglichkeit einer „Apokalypse der Zivilisation“ als Folge der Durchsetzung oikophober Ideologien. Die Gesellschaften des Westens seien in immer größerem Maße von der „unheimlichen, geisterhaften Atmosphäre eines Irrenhauses“ geprägt. Die dafür verantwortlichen Utopien beruhten auf der systematischen Missdeutung der Wirklichkeit und würden sich und die von ihnen beeinflussten Gesellschaften zerstören. Sie agierten als Konsumenten kultureller Bestände, deren Quellen sie nicht verstünden und deren Abbau sie als Gewinn an Freiheit wahrnähmen.13
  • Der Philosoph Pascal Bruckner bewertete das Phänomen des Selbsthasses in westlichen Selbsthass als eine Folge des Wirkens eines korrumpierten christlichen Impulses. Man wolle sich durch die Verleugnung der eigenen Identität, die Öffnung schützender Grenzen und die Aufgabe eigener Interessen opfern, um von historischer Schuld erlöst zu werden. Gleichzeitig gehe man davon aus, dass durch das eigene Verschwinden auch das Böse aus der Welt verschwinde. Was als Diskurs der Schuld begonnen habe, sei zu einem Diskurs der Selbstauslöschung geworden. Dieses wahnhafte Denken erzeuge Unfähigkeit zu politischer oder historischer Analyse sowie Unfähigkeit zum Handeln im Sinne des Gemeinwohls.14

Der evangelische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte in diesem Zusammenhang, dass der deutsche Umgang mit der eigenen Vergangenheit „neurotisch“ sei. Die „Fokussierung auf die eigene Schuld“ habe „viele Deutsche dazu geführt, sich selbst grundsätzlich zu misstrauen“ und bewirkt, dass „zu viele Deutsche basale Fähigkeiten des Selbstvertrauens eingebüßt haben.“ In Folge dessen gebe es eine falsche Zurückhaltung dabei, das eigene Gemeinwesen „zu schützen und zu verteidigen“.15

Quellen

  1. Roger Scruton: Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz, München 2013, S. 255-256.
  2. Roger Scruton: Von der Idee, konservativ zu sein. Eine Anleitung für Gegenwart und Zukunft, München 2019, S. 76.
  3. Ebd.
  4. Ebd., S. 148.
  5. Scruton 2013, S. 255-256.
  6. Scruton 2019, S. 138-139.
  7. Ebd., S. 151.
  8. Ebd., S. 148-149.
  9. Scruton 2019, S 43-47.
  10. Joseph Kardinal Ratzinger: „Christliche Orientierung in der pluralistischen Demokratie? Über die Unverzichtbarkeit des Christentums in der modernen Gesellschaft“, in: Nikolaus Lobkowicz (Hrsg.): Das europäische Erbe und seine christliche Zukunft, Köln 1985, S. 20-35.
  11. „Begegnung mit den Priestern der Diözese Rom. Ansprache von Benedikt XVI.“, 02.03.2006.
  12. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 251.
  13. Eric Voegelin: Die Neue Wissenschaft der Politik, München 2004.
  14. Pascal Bruckner: „Europe’s Virtues Will Be Its Undoing“, quillette.com, 14.09.2019.
  15. „‚Wir müssen lernen, mutiger intolerant zu sein‘“, Der Spiegel, 15.06.2019, S. 32-38.