Roger Scruton: Die Verteidigung der abendländischen Zivilisation

Thomas Gray Hart - Netley Abbey, East Window (gemeinfrei)

Der englische Philosoph Sir Roger Scruton ist am 12. Januar 2020 verstorben. Er galt als einer der wichtigsten konservativen Denker der Gegenwart. Unsere aktuelle Publikation über die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie stützt sich wesentlich auf Impulse Scrutons. In seinem letzten Vortrag, den er im September 2019 gehalten hatte, verteidigte er das Konzept der abendländischen Zivilisation.

Das universelle Wesen der abendländischen Zivilisation

Dieses Konzept stoße zunehmend auf Ablehnung und gelte als engstirnig und überholt. Die Aktivisten, die dies behaupteten, hätten sich jedoch nie die Mühe gemacht zu verstehen, womit sie es zu tun haben. Ihr Handeln sei von Ressentiments gegen die gewachsene Ordnung und das vorgefundene Erbe geprägt, von deren Zerstörung sie sich die Erlösung von ihren inneren Problemen erhofften. Sie müssten mit ihren Versuchen, die geistige Welt von diesem Erbe zu reinigen, jedoch nicht das letzte Wort behalten. Es handele sich bei ihnen um desorientierte Seelen, von denen einige zu ahnen begonnen hätten, dass angesichts der Säuberungswellen und des Fanatismus, mit denen derzeit vor allem die Universitäten der westlichen Welt überzogen würden, etwas nicht stimmen könne.

Die Träger des abendländischen Erbes seien durch es in der Lage, die gegenwärtige Lage zu verstehen und den Orientierungslosen Orientierung zu geben. Dieses Erbe sei weder engstirnig, noch überholt. Es habe wie kein anderes in der Geschichte der Menschheit wertvolle Dinge unabhängig von ihrer Herkunft aufgenommen und dadurch die menschenwürdigsten Gesellschaften hervorgebracht, die bislang existiert hätten. Dieses Erbe habe die Welt so verwandelt, dass der Mensch sich in ihr heimischer fühlen könne. Keine andere Hochkultur habe Ähnliches hervorgebracht oder verfüge auch nur annähernd über das Maß an geistiger Offenheit, das die abendländische Zivilisation kennzeichne. Ihr Erbe sei universell und beinhalte Impulse aus allen Kulturen, mit denen es Berührung kam, angefangen bei den Kulturen des antiken Mittleren Ostens, Griechenlands und Roms. Der damals begonnene Weg müsse noch nicht zu Ende sein.

Geheime Universitäten als künftige Träger des abendländischen Erbes

In einem seiner letzten Aufsätze hatte der 2016 durch Königin Elisabeth II. in den Ritterstand erhobene Scruton erklärt, dass die Träger des abendländischen Erbes  angesichts der radikalen kulturellen und politischen Veränderungen, die in der westlichen Welt zu beobachten seien, dazu bereit sein müssten, künftig als Dissidenten außerhalb der Sphäre des gesellschaftlich Akzeptierten zu wirken.

Diese Prognose beruht wahrscheinlich auch darauf, dass Scruton 2019 Ziel einer Diffamierungskampagne linksradikaler Akteure war, die versucht hatten, ihn mithilfe von manipulierten Zitaten, in denen er sich angeblich „islamophob“ und „homophob“ geäußert habe, aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Scruton schrieb danach, dass es für ihn einen schweren Schlag dargestellt habe, dass die auf unplausiblen, leicht zu entkräftenden falschen Unterstellungen gegen ihn beruhende Kampagne zunächst kaum auf Widerspruch oder öffentlich geäußerte Zweifel gestoßen sei. Die FAZ-Journalistin Gina Thomas hatte angesichts dieses Vorgangs von „Denkpolizisten“ gesprochen, „die den zivilisierten Diskurs unterbinden, weil sie abweichende Meinungen nicht tolerieren können.“

Sorge bereitete Scruton vor allem die laufende innere Zerstörung der Universitäten und anderer Institutionen des geistigen Lebens durch einen hysterischen politischen Aktivismus, der zunehmend mächtiger werde und immer intoleranter gegenüber anderen Weltanschauungen agiere. Die Soziologin Sandra Kostner hatte kürzlich entsprechende Tendenzen in den Geistes- und Sozialwissenschaften an deutschen Universitäten analysiert.

Wenn diese Entwicklung nicht aufgehalten und umgekehrt werde, dann werde sich das abendländische Erbe langfristig möglicherweise auf Strukturen ähnlich jener geheimen Universitäten stützen müssen, die dieses Erbe während der Zeit der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa aufrechterhalten hatten. Scruton hatte sich unter erheblichen persönlichen Risiken am Aufbau solcher Universitäten in der Tschechoslowakei beteiligt.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*