Kardinal Sarah: Der Winter des Abendlands – Teil 2: Erbe und Identität

Kardinal Robert Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als einer der entschlossensten Verteidiger ihrer Tradition. In einem kürzlich erschienenen Buch analysiert er die Krise Europas aus einer christlichen Perspektive und spricht diesbezüglich vom „Winter des Abendlands“. Eine der Ursachen dieser Krise sei das Menschenbild von Moderne und Postmoderne, das die Identität des Menschen als Träger eines Erbes leugne.

Der erste Teil unserer Serie behandelte allgemeine Gedanken Sarahs über die Krise Europas.

Die Ablehnung von Bindungen führt zur Zurückweisung des eigenen Erbes

Sarah sei besorgt darüber, „wie hasserfüllt manche Westeuropäer“ gegenüber ihrem Erbe und ihrer Identität seien.1 Diese Haltung der Zurückweisung sei vor allem Folge der Ablehnung von Bindungen, die als Einschränkungen der eigenen Freiheit wahrgenommen würden:

„Über die Wurzel wird Nahrung aufgenommen, von ihr geht das Leben aus. Ihr entspringt das Leben in einem fruchtbaren Boden; sie versorgt es mit nährendem Saft. Sie streckt sich nach Wasser aus, damit das Leben in jeder Jahreszeit grünen kann. […] Der moderne Mensch hat Angst, seine Wurzeln könnten zur Fessel werden. Also leugnet er sie lieber. Er wähnt sich frei, dabei macht er sich verwundbarer. Er wird zu einem abgestorbenen Blatt, das abgelöst vom Baum sämtlichen Winden ausgeliefert ist. Dieses Problem ist ein westliches Phänomen.“2

Die Zurückweisung des Erbes als Teil einer Kultur des Todes

Diese Tendenz sei Teil dessen, was die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als „Antikultur des Todes“ bezeichnet hatten. Die Verweigerung, ein Erbe anzunehmen und weiterzugeben, entspringe einer „Todessehnsucht“. Moderne und Postmoderne hätten „den Bruch, die Negation“ zur Grundlage ihrer Vorstellung von Kultur gemacht und seien daher „nicht mehr in der Lage, die Weitergabe ihres kulturellen Erbes und der Erfahrungen der Vergangenheit sicherzustellen“.3

Der postmoderne Mensch wolle im übertragenen Sinne nicht mehr Sohn eines Vaters sein, sondern versuche, seinen Vater durch Zurückweisung seiner Herkunft, Natur und Vergangenheit und der damit verbundenen Dinge symbolisch zu töten:

„Ich glaube, dass wir den ‚Tod des Vaters‘, den eine bestimmte westliche Philosophie fordert, ganz theologisch verstehen dürfen. Es handelt sich eigentlich um ein […] destruktives Verlangen, von niemandem etwas empfangen zu wollen, um niemandem etwas zu schulden. Die Würde des Menschen besteht grundlegend darin, Schuldner und Erbe zu sein. […] Wie schön ist es doch, sich einer Geschichte, einem Land, einer Kultur verpflichtet zu wissen. Ich glaube nicht, dass man als Waise geboren werden muss, um wirklich frei zu sein. […] Erbe zu sein, ist die eigentliche Bedingung für Freiheit. […]

Die Alten garantieren die Überlieferung. Sie sind unsere Archive, unsere Bibliotheken, die Hüter unserer Traditionen. Ohne sie wären die Völker Waisen: ohne Zugehörigkeit, ohne Ursprung, ohne Erinnerung, ohne Geschichte, ohne Kultur, ohne Tradition. Wenn wir unsere Vorfahren nicht ehren, dann können wir auch unser Vaterland nicht lieben, das uns unsere Identität schenkt.“4

Der postmoderne Mensch sei von Stolz getrieben, wenn er versuche, sich an die Stelle Gottes zu setzen und seine Identität in einem Akt der Schöpfung selbst zu konstruieren. Da dies nicht möglich sei, führe diese Auflehnung der Menschen „gegen ihre Bestimmung als Erbe und Geschöpf“5 zwangsläufig zu Zerstörung von Mensch und Gesellschaft. Der demütige Mensch hingegen sei dazu in der Lage, „Unverdientes anzunehmen und umsonst weiterzuverschenken“. Diese Demut beruhe auf Liebe und ermögliche das Leben.6

Identität als objektive Wirklichkeit

Postmodernes Denken beruhe zudem auf einem Verlust des Kontakts zur Wirklichkeit, der besonders deutlich in der Vorstellung zum Ausdruck käme, dass der Mensch sein Geschlecht selbst wählen könne. Nur wenn der Mensch die Bindungen annehme, deren Teil er von Natur aus sei, trete er „in die Wahrheit ein“. Andernfalls falle er „der Lüge anheim“ und zerstöre sich „am Ende in ihr“.7 Sarah zitiert Papst Franziskus, der diesbezüglich bemerkt hatte, dass Identität kein künstlich geschaffenes Konstrukt sei, wie postmoderne Ideologien meinen:

„Identität entsteht nicht im Labor. Jede Identität ist bestimmt durch eine eigene Geschichte und somit auch durch eine Zugehörigkeit. Meine Identität ist verbunden mit einer Familie, einem Dorf, einer Gemeinschaft. […] Lasst Euch nicht hinters Licht führen. Denkt an Eure Zugehörigkeit. Wenn ihr dann jemanden unter Euch seht, dem nichts heilig ist, […] soll sich jeder von Euch fragen: Verkaufe ich meine Zugehörigkeit? Verkaufe ich die Geschichte meines Volkes? Verkaufe ich die Kultur, die ich von meiner Familie empfangen habe? […] Verkauft nicht Euer Innerstes – Eure Zugehörigkeit, Eure Identität.“8

Hintergrund und Bewertung

Kardinal Sarahs Vorfahren gehörten dem Volk der Coniaguis an, das in Guinea und Senegal lebt. Seine Eltern folgten einer animistischen Naturreligion, bevor sie sich dazu entschieden, Christen zu werden. In seinen Schriften hat Sarah wiederholt seine Dankbarkeit dafür betont, dass französische Missionare ihm das christliche Erbe in seiner europäischen Form vermittelten. Wenn er von der Bedeutung des Erbes spricht, meint er also nicht, dass Menschen nur dann richtig handeln, wenn sie die Kultur und Religion ihres Umfelds unverändert fortsetzen.

  • Ein Erbe erscheint im Werk Sarahs vor allem als etwas, das aufgrund seines erkannten Wertes bewusst angenommen wird. Gleichzeitig gibt es aber auch Aspekte des Erbes, an die der Mensch durch natürliche Tatsachen gebunden ist.
  • Kardinal Sarah identifiziert sich in diesem Sinne mit dem christlichen Erbe, das ihm, weist aber das Erbe seiner Vorfahren nicht zurück. Er bezeichnet sich selbst in seinem Buch als ein „Kind Afrikas“. Seine Identität als Angehöriger eines afrikanischen Volkes und als Sohn seiner Eltern wird durch seine christliche Identität also nicht aufgehoben, was sich im Werk Sarahs dadurch ausdrückt, dass er sich positiv auf alle Elemente dieses Erbes bezieht, die er aus christlicher Sicht als wertvoll erkannt hat.
  • Das christliche Identitätsverständnis vermeidet somit die Extreme des modernen und postmodernen Denkens, das die Bedeutung der natürlichen Herkunft entweder (im Fall rechter Ideologien) verabsolutiert oder (im Fall linker Ideologien) leugnet.

Ähnliches war im Europa des frühen Mittelalters zu beobachten, wo das Christentum das vorgefundene Erbe nicht auslöschte, sondern sich mit diesem verband und es dadurch stärkte. Christlicher Glaube ermöglichte es dabei, wertvolle Dinge von weniger wertvollen zu unterscheiden und eine entsprechende Auswahl zu treffen. Dieser Glaube ist in seinem Wesenskern bejahend, während der von Sarah kritisierte moderne und postmoderne Impuls auf Negation beruht.

Der dritte Teil unserer Serie wird die Gedanken Kardinal Sarahs über postmoderne Ideologien der Entgrenzung behandeln.

Quellen

  1. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 186 ff.
  2. Ebd., S. 251.
  3. Ebd., S. 256.
  4. Ebd., S. 384.
  5. Ebd., S. 186 ff.
  6. Ebd., S. 113.
  7. Ebd., S. 188.
  8. Zit. nach Ebd., S. 384.