Kardinal Sarah: Der Winter des Abendlands – Teil 1: Die Krise Europas

Kardinal Robert Sarah (François-Régis Salefran, CC BY-SA 4.0)

Kardinal Robert Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart, als einer der entschlossensten Verteidiger ihrer Tradition und als einer der härtesten Kritiker ihrer inneren Missstände. In seinem aktuellen, zusammen mit Nicolas Diat verfassten Gesprächsband mit dem Titel „Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden“ analysiert er die Krise Europas und die damit eng verbundene Krise der Kirche. Er spricht von einem „Winter des Abendlandes“, in dem Christen als „Hüter der heiligen Flamme“ einen besonderen Auftrag zum Dienst an den Völkern Europas hätten. In diesem Dienst würden Christen zu oft versagen.

Wir stellen die Gedanken Sarahs in einer mehrteiligen Serie vor. Der erste Teil dieser Serie behandelt die Krise Europas und ihre geistig-kulturellen Ursachen. Frühere Beiträge, welche die Gedanken Sarahs behandeln, können hier abgerufen werden.

Die Berufung Europas

Kardinal Sarah erklärt, dass er sich um Europa sorge, weil es die historische Berufung Europas sei, das Christentum in die Welt zu tragen. Er habe Europa auch persönlich viel zu verdanken, weil es den Menschen Afrikas geholfen habe, „ihren alten, heidnischen Aberglauben aufzugeben und Christus zu finden“. Er habe als Afrikaner „von den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen zehren“ dürfen. Die „kulturellen, moralischen und religiösen Werte, welche die Franzosen uns brachten, waren für uns eine große Bereicherung“:

„Die Kolonisatoren brachten viele lebendige, durch das Christentum geadelte Traditionen ihrer Vorfahren mit. Ihre Auffassung von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten waren etwas absolut Neues. Frankreich hat mich eine hervorragende Sprache gelehrt. Seine Missionare brachten mir den wahren Gott. Ich bekenne mich gerne dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.“1

Die Krise Europas

Europa befinde sich gegenwärtig jedoch in einer existenzbedrohenden Krise, die über ihre kulturellen Folgen auf die ganze Menschheit auszustrahlen drohe. Das Europa der Gegenwart sei nicht nur unfähig dazu, seiner historischen Berufung nachzukommen, sondern befinde sich in einem Prozess der Selbstzerstörung. Sarah spricht davon dass das „Abendland im Sterben liegt“. Es finde ein “Selbstmord eines ganzen Kulturkreises“ statt, der auch mit physischem „Mord an ungeborenen Kindern“ sowie mit Mord an „behinderten und alten Menschen“ verbunden sei.2

Faktoren wie materieller Überfluss und die „Auflösung jeglicher eigenen Identität“ hätten „das Abendland blind gemacht“ gegenüber den Herausforderungen, denen es gegenüberstehe.3 In dieser Lage sei vor allem auch unter Christen ein stärkeres Krisenbewusstsein erforderlich. Solange „wir uns des Ausmaßes unseres Niedergangs nicht bewusst sind, werden wir nicht reagieren.“4

Die Krise der Kirche und des christlichen Glaubens als Ursache der Krise Europas

Auf Gedanken von Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) gestützt schreibt Sarah, dass die Krise Europas die Folge einer Krise des christlichen Glaubens sei. Der von Gott getrennte Mensch sei geistig auf eine einzige Dimension, nämliche die materielle, reduziert. Er verliere durch seine Blindheit für metaphysische Dinge die Fähigkeit, die Wirklichkeit vollständig wahrzunehmen, trete in einen Zustand der „Verdunkelung“ ein und werde zudem „ein isoliertes Individuum, ohne Ursprung, ohne Ziel“, das nicht mehr über sich selbst hinausblicke und in der Welt umherirre „ohne zu wissen, dass er Sohn und Erbe eines Vaters ist“.5 Europa habe durch seine Abwendung von seinen christlichen Wurzeln „das Fundament der gesamten menschlichen Zivilisation untergraben und der totalitären Barbarei die Tore geöffnet“.6 Seine Völker glichen „Bäumen die zum Sterben verurteilt sind, weil man ihnen erbarmungslos die Wurzeln abgehauen hat. Früher oder später vertrocknen sie und gehen ein.“7

Christen würden dafür eine wesentliche Mitverantwortung tragen:

  • Die Kirche befinde sich „in einer dunklen Nacht“ und das Böse sei in sie eingedrungen. Die Kirche „sollte ein Ort des Lichtes sein; doch ist sie zu einem dunklen Loch geworden. Sie sollte ein sicheres und friedliches Heim sein; doch was für eine Räuberhöhle ist sie geworden!“ Es hätten sich „Raubtiere in unsere Reihen eingeschlichen“.8 Er wiederholt diesen Vorwurf mehrfach und spricht an anderer Stelle von Priestern und Bischöfen, „die zu Raubtieren geworden sind, die um sich herum Verwüstungen anrichten und geistigen Tod verbreiten“.9 Die Krise des Glaubens in der Kirche gleiche „einem Krebsgeschwür, das den Leib im Inneren zerfrisst“.10 Teile der Kirche in Europa seien innerlich mittlerweile so weit korrumpiert. dass sie eine „faktisch atheistisch geprägte Existenz“ pflegten, „die vom Heiligen ins Weltliche, ja ins Schändliche abgeglitten ist“, wie unter anderem die Missbrauchskrise zeige.11
  • Die Kirche in Europa sei ihrem Auftrag, „defensor civitatis“ bzw. „Verteidiger der Gesellschaft und der Zivilisation“ gegen materialistische Ideologien zu sein, in Folge ihrer inneren Krise nur unzureichend nachgekommen. Statt dessen habe man zu sehr danach gestrebt, sich bei den entsprechenden Ideologen beliebt zu machen.12 Er zitiert einen Vorwurf des Schriftstellers Paul Claudel (1868-1955) an die Kirche: „Das Evangelium ist Salz und und ihr habt Zucker daraus gemacht.“.13 „Falsche Propheten“ wirkten in der Kirche, die „Brüche und Revolutionen“ verkünden und vom „Streben nach Ansehen in den Medien auf Kosten der Wahrheit“ getrieben seien.14 Einige „Männer Gottes sind zu Agenten des Bösen geworden“, und zu Verrätern, die „zu sämtlichen Kompromissen mit der Welt bereit“ seien. Sie folgten wie Judas dem „Wort der Revolte“: „Non serviam – ich werde nicht dienen“. Der Feind stehe „in den eigenen Reihen“.15

Was sich in der oben beschriebenen Form als Kirche präsentiere, müsse man von der eigentlichen Kirche unterscheiden. Diese sei die „Fortführung und Weiterführung Christi in der Welt“. Sie befinde sich nicht in der Krise, denn sie habe „ewiges Leben“, und gemäß der Worte Christi werden die „Pforten der Unterwelt […] sie niemals überwältigen“.16

Europas innere und äußere Feinde

Europa werde in Folge der durch den inneren Verfall der Kirche begünstigten Krise von innen durch materialistische Ideologien und von außen durch den Islamismus bedroht. „Zwei Barbareien“ würden aufeinander stoßen, Materialismus und Islamismus. Angesichts der inneren Schwäche materialistischer Ideologie befürchte er, dass „die Lehre von Mohammed das letzte Wort haben wird.“17

  • Eine „falsche Gnosis“, die auf materialistischer Ideologie beruhe, sei in Europa entstanden. Sie wolle „Mythos wie Gotteswort […] übersteigen“ und stütze sich dabei „auf einen in sich selbst verschlossenen Mythos“, der davon ausgehe, dass der Mensch sich selbst ohne Rückgriff auf Gott vergöttlichen könne.18 Diese Ideologie wolle „einen neuen Menschen fabrizieren“.19 Sarah zitiert den Schriftsteller Charles Péguy (1873-1914) der dieser Ideologie vorwarf, den Menschen und alle seine Existenz tragenden kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen zu entwürdigen: „Sie entwürdigt die Gesellschaft, sie entwürdigt den Mann. Sie entwürdigt die Liebe, sie entwürdigt die Frau. Sie entwürdigt die Abstammung, sie entwürdigt das Kind. Sie entwürdigt die Nation, sie entwürdigt die Familie. Sie hat es sogar geschafft, zu entwürdigen, was in dieser Welt wohl am schwersten zu entwürdigen scheint: Sie entwürdigt den Tod.“20
  • Sarah kritisiert moderne, vor allem liberale Ideologien, weil sie sich gegen die transzendenten Wurzeln der Kultur wenden würden und von einem falschen Freiheitsbegriff ausgingen. Echte Freiheit bedeute, „Herr über sich selbst zu sein“. Sie zu erlangen sei „ein eiserner Kampf, der Selbstüberwindung, Disziplin und Anstrengung kostet“. Moderne Ideologien hingegen definierten Freiheit als die Lösung des Menschen aus Bindungen und als das ungehemmte Ausleben von Leidenschaften. Dieser Freiheitsbegriff schwäche nicht nur die Menschen Europas, sondern auch seine Gesellschaften.21
  • Akteure, die mit der christlichen Tradition Europas gebrochen hätten, würden die kulturellen und politischen Institutionen Europas prägen. Die „Feinde stehen nicht mehr vor den Toren und Mauern unserer Städte; sie sitzen in der Regierung und haben Einfluss. Sie schaffen Gesetze und bilden die Meinung […].“22 Die entsprechenden Akteure würden zudem versuchen, ihre Ideologien den Völkern der Welt aufzuzwingen: „Skrupellos üben sie Druck auf Regierung und Bevölkerung aus. Gestützt auf ihre weltanschauliche Überzeugungen und ihre finanzielle Macht, entfesseln sie eine neue Kolonisation, welche dieses Mal ideologischer Art ist. Mit rabiatem Eifer und ohne jeden Respekt gehen ihre Protagonisten auf die einheimischen Völker los.“

Islamistische Ideologie würde nicht den Illusionen der Moderne anhängen und verfüge daher über „eine unerschütterliche Macht im Kampf“ gegen Europa. In diesem Kampf hätten „Materialismus und Hedonismus nicht die geringste Chance“. Es sei offen, wie sich ein „Abendland, dem es an jeglicher inneren Kraft fehlt“, langfristig gegen islamistische Akteure behaupten wolle.23 Die „materialistische Zivilisation“ sei möglicherweise „zu einem baldigen Tod verurteilt“.24

Der zweite Teil unserer Serie wird die Gedanken Kardinal Sarahs über die Identität des Menschen als Träger eines Erbes behandeln.

Quellen

  1. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 298.
  2. Ebd., S. 271.
  3. Ebd., S. 269.
  4. Ebd., S. 132.
  5. Ebd., S. 36-38.
  6. Ebd., S. 36 ff.
  7. Ebd., S. 27.
  8. Ebd., S. 11 ff.
  9. Ebd., S. 165.
  10. Ebd., S. 105.
  11. Ebd., S. 132.
  12. Ebd.,S. 193.
  13. Zit. nach Ebd., S. 145.
  14. Ebd. S. 19.
  15. Ebd., S. 11 ff.
  16. Ebd., S. 108.
  17. Ebd., S. 276.
  18. Ebd., S. 80.
  19. Ebd., S. 197.
  20. Zit. nach Ebd., S. 183.
  21. Ebd. S. 286.
  22. Ebd., S. 193.
  23. Ebd., S. 276-277.
  24. Ebd., S. 259.