J. Budziszewski: Die Berufung des Mannes zum Schutz von Familie und Gemeinwesen

Der heilige Georg kämpft gegen den Drachen - Eine Darstellung aus dem 12. Jhd. (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler und Naturrechtsexperte J. Budziszewski lehrt an der University of Texas in Austin in den USA. Vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses der Ideologie der „Gender Studies“ erläuterte er in einem kürzlich erschienenen Aufsatz das auf erprobtem Erfahrungswissen über die Natur des Menschen beruhende Männlichkeitskonzept der abendländischen Philosophie. Dieses Verständnis von Männlichkeit betone die Berufung des Mannes zum Kampf für das Gute und zum entsprechenden Dienst an seiner Familie und am Gemeinwesen.1

Der Aufsatz beruht auf einem Vortrag Budziszewskis auf einer Konferenz, die Möglichkeiten der Erneuerung des Patriarchats erkundete. Das Patriarchat ist im Verständnis der christlichen Soziallehre eine Ordnung von Kultur und Gesellschaft, die auf dem Dienst des Mannes am Gemeinwohl in Ausführung seiner Berufung zur Vaterschaft im erweiterten Sinne beruht.

Der Konflikt zwischen abendländischem Menschenbild und postmodernen Ideologien

Die abendländische Philosophie beruhe auf der Beobachtung des Menschen, Schlussfolgerungen bezüglich seiner Natur, der Frage nach dem Ziel und dem Zweck menschlicher Eigenschaften sowie der Frage, wie vor diesem Hintergrund gelingendes individuelles und gesellschaftliches Leben möglich seien. Die Ideologie der Gender Studies beruht im Gegensatz dazu nicht auf der Beobachtung des Menschen und stellt auch nicht die Frage nach dem gelingenden Leben oder nach dem Gemeinwohl, sondern strebt nach der Auflösung der von ihr vermuteten gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Das von ihr vertretene Geschlechterbild, das die Existenz natürlicher Rollen von Mann und Frau ablehne, sei dysfunktional und füge denen, die ihm anhingen, vor allem aber auch ihren Kindern, enormen Schaden zu. Traditionelle Geschlechterkonzepte seien bereits in einem so hohen Maße verloren gegangen, dass der Rückkehr zu vernünftigen und natürlichen Geschlechterbildern ein langer und schwieriger Weg sein werde.

Die Natur des Mannes und das abendländische Ideal der Maskulinität

Die Beobachtung des Menschen zeige, dass es natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe, die durch gesellschaftliches Handeln nicht aufhebbar seien. Die Geschlechter seien dabei gleichwertig und komplementär aufeinander bezogen bzw. von einander abhängig. Mit der natürlichen Berufung des Mannes zur Vaterschaft sei auch eine Berufung zum Beschützen und zum Verteidigen der ihm überantworteten Dinge, etwa seiner Familie und seinen Mitmenschen, verbunden. Die Frau sei aufgrund ihrer durch Schwangerschaft und Kinder bedingten Verwundbarkeiten und Einschränkungen sowie aufgrund relativer körperlicher Schwäche zudem auf den Schutz des Mannes angewiesen und stärker als der Mann dazu veranlagt, körperlichen Risiken auszuweichen. Gleichzeitig sei bei Männern das Streben nach Aufgaben außerhalb der eigenen Familie häufiger zu finden.

Wo Männer der entsprechenden Berufung nicht folgten, sei Leid für andere Menschen die Folge. Die Entwicklung maskuliner Identität erfolge jedoch nicht automatisch. Sie sei mit harter Arbeit verbunden und erfordere Führung. Das abendländische Ideal des Mannes sei dabei der zu Selbstkontrolle und zum Kampf für das Gute und seine Mitmenschen sowie zur Rücksichtnahme und Achtung gegenüber Schwächeren fähige Mann. Dieses Ideal sei natürlich und vernünftig, weil sich nur auf diese Weise die Natur des Mannes auf gute Weise entfalte.

Maskuline Identität, Männerbünde und Ritterlichkeit

Der Prozess der Entwicklung maskuliner Identität werde am besten von traditionellen Männerbünden reflektiert. Postmoderne westliche Gesellschaften hätten die damit verbundenen Erfahrungen, Erkenntnisse und kulturellen Praktiken jedoch weitgehend verloren. Ungeachtet dessen würden Männer immer noch eine natürliche Hingezogenheit zu Themen wie dem Rittertum und Männerbünden empfinden. Sie würden sich danach sehnen, für das Gute zu kämpfen, große Taten zu vollbringen, für solche Taten tauglich zu werden und junge Männer ihrerseits später dazu auf väterliche Weise anzuleiten und auszubilden. Dies sei Ausdruck einer Berufung zur „erweiterten Vaterschaft“, der auch Männer folgen könnten, die selbst keine Kinder hätten.

Damit sich maskuline Identität vollständig und richtig entfalten könne, brauche es jedoch Vorbilder. Postmoderne Gesellschaften würden aus ihrer Ablehnung kriegerischer Dinge heraus Männern diese Ideale und Vorbilder verweigern bzw. vorhandene historische Beispiele dafür (wie das Rittertum) abwerten. Dadurch würden die kämpferischen Neigungen des Mannes nicht verschwinden, sondern sich auf ungeordnete Weise Ausdruck verleihen. Der kämpferische Geist des Mannes sei jedoch notwendig dafür, dass gerechte Gesetze zustande kommen und das Unrecht, Irrtümern und Lügen in einer Gesellschaft begegnet wird. Es gebe Dinge, für die gekämpft werden müsse, und es sei richtig und gut, gerne für diese Dinge zu kämpfen. Dieser  Kampf sei nicht nur physischer, sondern auch geistiger Art, und er könne sich auf vielfältige Weise äußern, etwa durch die Unterstützung der Schwachen, Korrektur von Fehlern anderer oder die Verweigerung, sich an bösem Handeln zu beteiligen. Eine gewisse Militanz und Wachsamkeit seien in jedem Fall notwendige Bestandteile maskuliner Identität und daher zu bejahen. Diese Impulse sollten nicht bekämpft, sondern gepflegt, geordnet und entwickelt werden.

Hintergrund

Die katholischen Theologen Hugo Rahner (1900-1968), Romano Guardini (1885-1968) und Charles Joseph Chaput hatten das Ideal des Rittertums als das Ideal christlicher Maskulinität beschrieben. Der ebenfalls katholische Theologe Heinrich David hatte in diesem Zusammenhang den christlichen Patriarchatsgedanken beschrieben und verteidigt. Der Philosoph Peter Kwasniewski hatte kritisiert, dass die entsprechenden Ideale im Zuge der Durchsetzung anti-maskuliner Tendenzen in der Kirche  immer weiter in den Hintergrund getreten seien. Kardinal Henri de Lubac (1896-1991) hatte daher schon vor längerer Zeit ein maskulineres Christentum gefordert. Der Schriftsteller Alexander Graf von Schönburg-Glauchau hatte in einem kürzlich erschienenen Buch den zeitlosen Charakter der ritterlichen Idealse und ihre Bedeutung für die kulturelle Erneuerung Europas beschrieben.

Der Psychologe Jordan B. Peterson stößt gegenwärtig im westlichen Kulturraum auf starke Resonanz, vor allem bei jüngeren Männern, weil er seine Arbeit weitestgehend auf die beschriebenen Gedanken und Ideale stützt. Peterson konfrontiert seine Zuhörer mit den Ansprüchen, die sich aus der christlichen Botschaft für deren Leben ergeben. Viele Männer in westlichen Gesellschaften würden erkennen, dass man sie täusche, wenn man sie in ihren Schwächen bestätige und ihnen einen nur auf materielle Dinge und die Befriedigung ihrer Leidenschaften beschränkten Lebenssinn zu vermitteln versuche. Sie sehnten sich stattdessen nach großen Aufgaben und danach, für große Dinge tauglich zu werden.

Quellen

  1. J. Budziszewski: „What Makes Men Men?“, Touchstone, May/June 2019.