In eigener Sache: Denkfabrik zur Erforschung kultureller Resilienz gegründet

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das „Renovatio-Institut für kulturelle Resilienz“ hat seine Arbeit aufgenommen. In der Strategieforschung bezeichnet der Begriff der Resilienz die Fähigkeit eines Gemeinwesens, die Herausforderungen, denen es begegnet, zu bewältigen. Das Renovatio-Institut setzt sich auf dieser Grundlage sowie auf der Grundlage der christlichen Soziallehre mit den existenziellen Herausforderungen auseinander, denen Deutschland und Europa gegenüberstehen.

Das Institut ist aus einem seit 2017 aktiven Gesprächskreis hervorgegangen, dessen Veröffentlichungen im Archiv unserer Seite einsehbar sind.

Aufgaben

Das Institut soll die folgenden Aufgaben leisten:

  1. Analyse der Lage europäischer Gesellschaften mit Schwerpunkt auf den Bereichen Religion, Politik, Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Soziales, Integration, Demographie und Innere Sicherheit aus christlicher Perspektive;
  2. Erschließung von geistigen Beständen im christlichen Kulturerbe Europas, die zur Stärkung der kulturellen Resilienz europäischer Gesellschaften beitragen können;
  3. Identifikation von Ansätzen und Strategien zur Bewältigung der erkannten Herausforderungen auf Grundlage der christlichen Soziallehre.

Die christliche Soziallehre definiert die Sicherstellung des Gemeinwohls als das Hauptziel politischen Handelns. Die Kontinuität des eigenen Gemeinwesens ist der wichtigste Aspekt des Gemeinwohls. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang kulturelle Kontinuität, da die Kultur die Identität eines Gemeinwesens ausmacht. Kulturelle Resilienz ist die Eigenschaft einer Kultur, die sie dazu befähigt, Herausforderungen auch unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen und dadurch ihre Kontinuität zu wahren.

  • Das Institut dient dem Gemeinwohl, indem es zur Bewahrung und Erneuerung seiner kulturellen Grundlagen beiträgt und aus dem Reichtum des Erbes christlichen Denkens heraus Antworten auf die Herausforderungen findet, denen dieses Erbe und die auf ihm gründenden Kulturen gegenüberstehen.
  • Das Institut sucht außerdem nach Antworten auf jene existenziellen Fragen, vor deren Ansprache andere Akteure oft zurückscheuen und dadurch den Anhängern utopischer und radikaler Ideologien das Feld der öffentlichen Debatte überlassen. In diesem Zusammenhang geht es dem Institut vor allem darum, christliche Beiträge zu den großen Debatten unserer Zeit zu formulieren, die auch von einer säkularen Gesellschaft verstanden werden.
  • Darüber hinaus sucht das Institut nach Aspekten des christlichen Erbes, die sich in der Vergangenheit gegenüber existenziellen Herausforderungen als resilienzfördernd erwiesen haben, um diese Faktoren in der heutigen Kirche zu stärken.

In einer Zeit, die von zunehmender Polarisierung geprägt ist, will das Institut das kulturtragende Zentrum der Gesellschaft und jene Kräfte stärken, die gesellschaftliche Bindungen und kulturelle Substanz schaffen, erhalten und erneuern. Dazu unterstützt das Institut alle Akteure, die für die Kontinuität des christlichen Erbes sowie für kulturelle Erneuerung im Geist des Christentums eintreten. Schwerpunkt der Aktivitäten des Instituts ist zunächst der deutschsprachige Raum.

Hintergrund

Ein resilientes, krisenfestes Gemeinwesen muss die Lage verstehen, in der es sich befindet, um sachgerecht handeln zu können. Es benötigt außerdem eine intakte kulturelle Grundlage in Form von gemeinsamen Zielen und Werten sowie eine Kultur, die es gegenüber Herausforderungen stärkt und immun macht.

In Deutschland und Europa sind diesbezüglich zunehmend Defizite zu beobachten, welche die Gemeinwesen des Kontinents verwundbar gegenüber den Herausforderungen machen, denen sie gegenüberstehen. Zu diesen Defiziten gehört auch, dass eine öffentliche Auseinandersetzung mit den entsprechenden Fragen oft nur unzureichend stattfindet. Polarisierung und Ideologisierung treten zunehmend an die Stelle einer sachlichen Analyse der Lage und der Suche nach Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit im Geist des Gemeinwohls. Während einige Stimmen in der öffentlichen Diskussion auf die zunehmenden Herausforderungen mit unreflektierten Ressentiments, Überspitzungen und bloßer Protesthaltung antworten, blenden andere Stimmen diese Herausforderungen aus oder leugnen ihre Existenz. Der Journalist Robin Alexander schrieb angesichts dieser Entwicklung, dass es in Deutschland ein gefährliches „Vakuum in der Mitte“ entstanden sei.

Die christliche Soziallehre kann in dieser Situation zur Versachlichung der Debatte, zur Überwindung von gesellschaftlicher Spaltung sowie zur Suche nach Lösungen im Sinne des Gemeinwohls beitragen. Christlichen Stimmen ist es jedoch bislang nicht hinreichend gelungen, der oben beschriebenen Entwicklung mit positiven Impulsen zu begegnen. Thomas Arnold, der Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden, sprach von einem Mangel an Analysen und Beiträgen zu gesellschaftlichen Streitthemen aus der Kirche. Es seien „klug gestaltete Foren“ erforderlich, „in denen Wissen statt Meinung zählt“.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) hatte bereits vor einiger Zeit kritisiert, dass es christlichen Stimmen oft am „Mut der Wahrheit“ und an der Bereitschaft mangele, eine „Rolle des prophetischen Widerspruchs“ in der Gesellschaft einzunehmen, der „sich dem, was alle sagen, widersetzt“. Stattdessen strebe die Kirche häufig nach Beliebtheit und passe sich vorherrschenden Meinungstendenzen an. Evangelische Stimmen äußerten ähnliche Kritik und sagten, dass die Kirche sich wieder stärker auf ihr „prophetisches Wächteramt“ besinnen müsse.

Die Herausforderungen der Gegenwart offenbaren gleichzeitig, dass das Christentum und seine bewährten, zeitlos gültigen Antworten auf die Grundfragen von Mensch und Gesellschaft heute dringender benötigt werden denn je. Udo Di Fabio, ein ehemaliger Richter des Bundesverfassungsgerichtes, warnte, dass weder die Identitätsvorstellungen kosmopolitischer Milieus noch die Impulse populistischer Strömungen tragfähige kulturelle Alternativen für die Zukunft Deutschlands und Europas darstellten. Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski erklärte, dass repräsentative Umfragen darauf hindeuteten, dass traditionelle Werte und die Familie sowie Religion in Deutschland künftig eine Renaissance erfahren könnten. Die „Wiederkehr alter Werte“ und die Suche nach Sinn sowie die Rückbesinnung auf die Familie seien „eine Antwort auf die ökonomischen und politischen Krisen unserer Zeit“. Der Soziologe Zygmunt Bauman beobachtete, dass in einer Welt, die von der Auflösung von Familie und Nation, einem sich verstärkenden Drucks zu Flexibilisierung aller Lebensverhältnisse und zunehmender Instabilität geprägt sei, die Sehnsucht nach Kontinuität, Stabilität und dem Bewährten zunehme.

Das Renovatio-Institut wird sich vor diesem Hintergrund ab sofort auf der Grundlage der christlichen Soziallehre mit den großen Fragen unserer Zeit auseinandersetzen. Es wird dazu im Sinne der Soziallehre nach den „Zeichen der Zeit“ forschen um „die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“. Der Aufforderung von Papst Johannes Paul II. folgend wird es  eine „ruhige kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen kulturellen Situation Europas“ betreiben, um im Geist des christlichen Philosophen Robert Spaemann „der gegenwärtigen Realität ins Auge zu sehen, sie mit allen rationalen Mitteln zu analysieren“ und sie zu beurteilen.