Gabor Steingart: Das Systemversagen der Medien in Deutschland

Antonio de Pereda - Allegorie der Eitelkeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Journalist Gabor Steingart war Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegel und Herausgeber des Handelsblatts. In einem Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung kritisierte er jetzt das Systemversagen der Medien in Deutschland. Die Ursache dafür sei, dass Journalisten sich zunehmend als politische Aktivisten verstehen würden:

„Viele Journalisten haben Neugier durch Haltung ersetzt. […] Unsere Aufgabe ist Neugier, auf Fehler zu gucken. Aber dass jetzt Haltung zu unserem Hauptanliegen werden soll und wir nicht über Klimaschutz berichten, sondern ihn einfordern und Journalisten sich als Aktivisten verstehen, das halte ich für falsch. […] [D]ass ganze Redaktionen zu NGO werden, die Lobbying für lauter gute Dinge betreiben – eine humane Welt, Tierschutz, weniger CO2, das ist einfach nicht unser Job. […] Rudolf Augstein hat mal gesagt, er kenne keinen guten Journalisten, der nicht auch die Welt verbessern möchte. Aber es geht um die Reihenfolge.“1

Dem von Rudolf Augstein formulierten Leitsatz des journalistischen Ethos, „Schreiben was ist“, würden die Medien in Deutschland immer häufiger nicht gerecht. Dieses Problem sei nicht auf Deutschland beschränkt. Seine zentrale Ursache sei, dass Medienschaffende zunehmend ein geschlossenes Milieu bildeten, das einheitlich progressiven Ideologien folge und sich geistig abschotte.

Die Bedeutung der Medien für die Resilienz des Gemeinwesens

Resilienz ist die Fähigkeit eines Gemeinwesens, krisenhafte Veränderungen bewältigen zu können. Resilienz bedeutet Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen sowie Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit gegenüber Herausforderungen mit dem Ziel, den langfristigen Bestand des Gemeinwesens sicherzustellen.

  • Eine resilientes Gemeinwesen erkennt die Lage, in der sie sich befindet, sowie Herausforderungen und Veränderungen dieser Lage frühzeitig und kann auf dieser Grundlage lagegerecht handeln.2 Medien leisten dazu durch ihre Informationsfunktion einen zentralen Beitrag.
  • Außerdem haben Medien eine Kontrollfunktion. Indem sie Fehler und Mängel im staatlichen Handeln offenlegen, tragen sie zu verantwortlicher Regierungsführung bei, was das Gemeinwesen stärkt.3
  • Vor allem menschliches Versagen, wie es Steingart angesprochen hat, kann zu einem Systemversagen in einem Sektor führen. Ein Systemversagen im Mediensektor liegt dann vor, wenn dieser seine Informations- und Kontrollfunktion nicht mehr hinreichend erfüllen kann. Ein solches Versagen kann gravierende Auswirkungen auf das gesamte Gemeinwesen haben, weil es dessen Fähigkeit zur Bewältigung existenzieller Herausforderungen schwächen kann.4

Die Auswahl und Darstellung von Informationen nach ideologischen Kriterien gehört zu den typischen Merkmalen dysfunktionaler Gemeinwesen und Organisationen. Wo dies geduldet oder gefördert wird, entsteht zudem ein allgemeines kulturelles Klima der Dysfunktionalität, das die Ansprache von Missständen oder Herausforderungen erschwert. Dies erhöht die Verwundbarkeit eines Gemeinwesens.

Freiheitliche Gesellschaftsordnungen haben sich im Vergleich zu anderen als krisenfester erwiesen, weil es in ihnen deutlich schwieriger ist, Missstände zu verbergen oder der Auseinandersetzung mit existenzieller Herausforderungen auszuweichen. Ein freiheitliches Gemeinwesen ist dabei jedoch stets nur so stark wie seine Institutionen. Eine Verfassung oder Gesetze alleine reichen nicht aus, damit sich ein freiheitliches Gemeinwesen gegen kulturelle Auflösungserscheinungen behaupten kann.

Kulturelle Faktoren, die für die angesprochene Entwicklung ursächlich sind, gehören zu den Faktoren, auf die ein Staat nicht wirksam Einfluss nehmen kann. Staatliches Eingreifen könnte diesen kulturellen Problemen nicht entgegenwirken, sondern würde im Gegenteil durch die Schaffung von Abhängigkeiten die Informations- und Kontrollfunktion der Medien weiter schwächen. Das Gemeinwesen ist hier im Sinne des Böckenförde-Diktums von geistigen und kulturellen Beständen abhängig, die der Staat nicht selbst regenerieren kann.

Indikatoren für Systemversagen in den Medien bei strategischen Themen

Das angesprochene Systemversagen betrifft vor allem Themen mit strategischer Bedeutung, etwa außen- und sicherheitspolitische Fragen oder das Thema Migration.

Eine unter der Leitung des Kommunikationsforschers Michael Haller erstellte Studie der Hamburg Media School und der Universität Leipzig, die die Otto Brenner Stiftung 2017 veröffentlichte, kam zu dem Ergebnis, dass deutsche Medien während der Migrationskrise 2015 und 2016 überwiegend eine eindeutige politische Tendenz verfolgt hätten:

  • Sie hätten die Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migration weitgehend unterstützt, die damit verbundenen „Losungen der politischen Elite“ unkritisch übernommen und eine „euphemistisch-persuasive Diktion“ verwendet, als sie Begriffe wie den der „Willkommenskultur“ etablierten.
  • Die Masse der Journalisten habe „ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion der Medien vernachlässigt“. Anstatt „als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen“, hätten große Teile der Medien die Perspektive und die politische Rhetorik der Regierung übernommen.5

Einer 2019 veröffentlichten Untersuchung Hallers zufolge seien Medien in Deutschland auch in der Berichterstattung zum UN-Migrationspakt dadurch aufgefallen, dass sie meist der „Agenda der institutionellen Politik und ihrer Elite folgen“. Vor allem Süddeutsche Zeitung und taz sowie die Tagesschau hätten in diesem Zusammenhang eher als „Propagandisten des Pakt-Projekts“ agiert. Sie hätten Gegenargumenten kaum Raum gegeben und nur unzureichend zwischen der Darstellung des Sachverhalts und der Kommentierung getrennt. Insbesondere die Tagesschau sei in ihren Beiträgen „ihrem tradierten Leitbild des moralisierenden Belehrungsjournalismus“ gefolgt.6

Aktivistische Tendenzen schwächen nicht nur die für das Gemeinwesen existenziell wichtige Informationsfunktion der Medien und die Fähigkeit von Akteuren zur angemessenen Beurteilung der Lage, sondern beeinträchtigen in einigen Fällen auch das Funktionieren anderer Institutionen. Die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft „Rückführung“ berichtete in einer ursprünglich internen Bewertung etwa über das Problem der „Skandalisierung behördlichen Handelns“ durch Medien im Fall von gesetzlich vorgeschriebenen Rückführungen von Migranten. Diese Maßnahmen würden dadurch erschwert.7

Narzissmus als kulturelle Ursache

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sah eine Ursache für diese Entwicklung in der narzisstischen Kultur, die unter Medienschaffenden in Deutschland vorherrsche. Diese seien vom Wunsch geprägt, „Teil einer Bewunderungsgemeinschaft“ zu sein. Man lebe in „einer narzisstischen Blase, in der man sich im Rausch eines existenziellen Pathos wechselseitig zu bestätigen vermag, wie herrlich bedeutend man doch ist oder zumindest sein könnte“. Dieser Narzissmus erkläre den Verlust professioneller Standards oder auch die 2018 bekannt gewordenen, oftmals auf Erfindungen beruhenden Beiträge des für den Spiegel tätigen Journalisten Claas Relotius, der dafür zahlreiche Medienpreise erhalten hatte. Pörksen zufolge sei Narzissmus für die Erklärung dieses Geschehens ein wichtigerer Faktor als ideologische Tendenzen. Diese würden oft weniger aus persönlicher Überzeugung verfolgt, sondern in der Hoffnung, dafür öffentliche Anerkennung zu erhalten.8

Quellen

  1. „‚Ich will, dass wir Ungläubige sind!'“, Neue Zürcher Zeitung, 11.01.2020.
  2. „Sicherheit und Resilienz – Resilienz von Organisationen – Grundsätze und Attribute“, ISO 22316:2017-03, März 2017.
  3. „KRITIS-Sektorstudie: Medien und Kultur“, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Berlin 2016, S. 15-16.
  4. „Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Strategie)“, Bundesministerium des Innern, Berlin 2009, S. 7.
  5. Otto Haller: „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien. Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information“, Otto Brenner Stiftung, OBS-Arbeitsheft 93, Frankfurt a. M. 2017.
  6. Otto Haller: „Zwischen ‚Flüchtlingskrise‘ und ‚Migrationspakt‘. Mediale Lernprozesse auf dem Prüfstand“, Otto Brenner Stiftung, OBS-Arbeitspapier 37, Frankfurt a. M. 2019.
  7. „Der gesetzestreue Ausländer ist der Dumme“, welt.de, 2015
  8. Bernhard Pörksen: „Märchen für Erwachsene“, Neue Zürcher Zeitung, 17.09.2019.