Dieter Thomä: Ein freiheitliches Gemeinwesen braucht Helden

Carlo Crivelli - Der heilige Georg tötet den Drachen (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Dieter Thomä lehrt der der Universität St. Gallen. In einem jetzt erschienenen Aufsatz erläutert er die Bedeutung von Helden für freiheitliche Gemeinwesen. Diese müssten sich „mehr denn je“ gegen Feinde behaupten und benötigten daher „Menschen, die heroisch die Fackel der Freiheit hochhalten.“

Westliche Gesellschaften würden dem Konzept des Heldentums distanziert gegenüberstehen. Sie sähen in Helden „zuallererst Krieger und Machos“ und seien froh darüber, dass diese „ausgemustert“ worden seien. Freiheitliche Gemeinwesen befänden sich jedoch „in ihrer schwersten Krise seit 1945“. Sie würden unter anderem durch „fundamentalistische Feinde“ herausfordert und müssten einige „der kostbarsten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte“ gegen diese verteidigen.

  • Die Demokratie sei derzeit „nicht der Favorit auf den Sieg im Kampf der Systeme“. Man lebe in einem „trügerischen, falschen Frieden“ und müsse mit Lagen rechnen, in denen „Ruhe und Ordnung, Frieden und Freude“ sich als Träume erwiesen.
  • Wenn die Demokratie „sich nicht selbst zu Grabe tragen“ wolle, müsse sie die Bewunderung für das Heroische aufrechterhalten. Es werde eine Zeit kommen, in der es Helden brauche, d. h. Menschen, die dazu bereit seien, „Besonderes zu wagen“ und sich Gefahren auszusetzen, um „die gute Ordnung zu verteidigen oder „den falschen Frieden“ in Frage zu stellen. Das „Wort von der wehrhaften Demokratie“ werde dann „einen neuen Sinn“ erhalten.

Hintergrund und Bewertung

Thomä geht in seinem Beitrag nicht auf die kulturellen Voraussetzungen ein, die in einem Gemeinwesen vorhanden sein müssen, damit es in Krisensituationen Menschen hervorbringt, die tapfer und im äußersten Fall auch heroisch handeln, d. h. die extreme Risiken im Einsatz für das Gemeinwohl eingehen.

  • Der Sozialpsychologe Dieter Frey beobachtete, dass das Vorhandensein großer gemeinsamer Ziele in einem Gemeinwesen eine Voraussetzung für Tapferkeit sei. Dies wiederum setzt starke Bindungen und ein hohes Maß an Gemeinsinn voraus. In Gesellschaften, in denen es etwa an nationalen Bindungen mangelt, ist regelmäßig zu beobachten, dass Soldaten bei Angriffen durch militärisch deutlich unterlegenere Kräfte fliehen. Da diese Staaten keine Gemeinwesen darstellen, in denen aufgrund von kulturellen oder anderen Bindungen die Vorstellung eines Gemeinwohls möglich ist, gibt es für deren Soldaten, mit Ausnahme von Faktoren wie der Angst vor Bestrafung, keinen Grund, größere Risiken im Dienst einzugehen (Beispiele siehe etwa hier, hier oder hier).
  • Laut der Historikerin Ute Frevert ist außerdem ein Männlichkeitsideal, das von soldatischen Idealen geprägt ist, eine Voraussetzung dafür, dass Tapferkeit in einer Kultur eine zentrale Rolle spielt. Die Sorge vor dem Verlust der persönlichen Ehre motiviert hier tapferes Verhalten. Thomas von Aquin schrieb in diesem Zusammenhang, dass „nur bei jenen tapfere Männer gefunden werden, bei denen die Tapfersten eine besondere Ehrenstellung einnehmen“.1

Für die Selbstbehauptung freiheitlicher Gemeinwesen sind somit im Zusammenhang mit der Beobachtung Thomäs vor allem kulturelle Faktoren wie intakte Bindungen und ein intaktes Männlichkeitsbild erforderlich. Gesellschaften, in denen sich diese Bindungen auflösen und in denen sich dysfunktionale Geschlechterbilder ausbreiten, könnte es in Krisensituationen an tapferen Verteidigern mangeln.

In westlichen Gesellschaften, in denen die kulturellen Grundlagen für Tapferkeit zunehmend erodieren, kommt dem Handeln von Christen eine wachsende Bedeutung zu. Wie der christliche Philosoph Nikolai Berdjajew beobachtete, ist das Christentum zumindest in seinen traditionellen Formen eine betont heroische Religion. In christlicher Weltanschauung stellt die Tapferkeit im Sinne der Bereitschaft, persönliche Risiken beim Streben nach Gütern wie dem Gemeinwohl einzugehen, eine der vier Kardinaltugenden dar. Diese Weltanschauung bejaht außerdem den Dienst am Gemeinwohl und am Gemeinwesen als Form des Dienstes am Nächsten.

Ein Beispiel dafür ist Arnaud Beltrame, der 2018 als Oberst der französischen Gendarmerie aus christlicher Überzeugung sein Leben opferte, damit eine durch einen Islamisten als Geisel genommene Frau überleben konnte. In einem unserer nächsten Beiträge werden wir mit Edward Byers ein weiteres Beispiel für christliche Tapferkeit im Dienst am Gemeinwesen vorstellen. Der bekennende Christ Byers hatte als Oberstabsbootsmann der amerikanischen Navy SEALs entscheidend zur Rettung eines von Islamisten als Geisel genommenen Arztes beigetragen und dafür die nur äußerst selten verliehene höchste Tapferkeitsauszeichnung der USA, die Medal of Honor, erhalten.

Quellen

  1. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 16.