Amitai Etzioni: Patriotismus, Gemeinwohl und kulturelle Erneuerung

Albrecht Dürer - Kaiser Karl der Große (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Amitai Etzioni lehrt an der George Washington University in den USA und ist einer der Vordenker des Kommunitarismus. In einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel Reclaiming Patriotism setzt er sich mit der Frage auseinander, wie die zerfallenden Gesellschaften der westlichen Welt vor größeren Verwerfungen bewahrt und die zerstörten Bindungen in ihnen wieder hergestellt werden können. Er entwirf dazu auf der Grundlage eines Leitkultur-Ansatzes ein Programm für einen gemeinwohlorientierten Patriotismus.

Der Zerfall westlicher Gesellschaften

Laut Etzioni sind westliche Gesellschaften von zunehmender Auflösung von Bindungen sowie von wachsender politischer, sozialer und auch ethnischer Polarisierung gekennzeichnet. Eine geteilte Vorstellung des Gemeinwohls, die einigend wirken könnte, existiere nicht mehr. Dies sei eine Folge von gesellschaftlicher Modernisierung und Individualisierung, aber auch von Massenzuwanderung und anderen Faktoren.1

Ein funktionierendes Gemeinwesen braucht ein nationales Ethos als Leitkultur

Ein Gemeinwesen könne nicht nur von individuellen Freiheitsrechten zusammengehalten werden, sondern benötige neben der Vorstellung eines Gemeinwohls auch ein Gefühl für soziale Pflichten.2 Damit unterschiedliche Gruppen von Menschen das Gemeinwohl zusammen verfolgen könnten, müssten sie sich zunächst als Teil eines Gemeinwesens wahrnehmen. Es sei prinzipiell möglich, Menschen verschiedener Abstammung hinter einer geteilten Vorstellung von Gemeinwohl zu vereinen. Dies setze jedoch geteilte Werte, das Vorhandensein gemeinsamer Interessen und Herausforderungen sowie die Wahrnehmung einer Schicksalsgemeinschaft voraus.

Ein verloren gegangener kultureller Konsens über das Gemeinwohl könne nicht ohne weiteres erneuert werden. Wo diese Situation eingetreten ist, sei nur eine Erneuerung von Grund auf möglich.3 Ein solches nation building beinhalte vor allem Maßnahmen zur Stärkung der bindenden Kräfte in einer Gesellschaft. Diese Kräfte würden vor allem von einem „nationalen Ethos“, ausgehen, das einen von allen Bürgern idealerweise zu teilenden, für den Bestand des Gemeinwesens erforderlichen Minimalbestand an Werten, Traditionen, Identitätskonzepten und Zielvorstellungen beschreibt.4 Dieses Ethos ähnelt in der Beschreibung Etzionis dem Konzept der „Leitkultur“ des Politikwissenschaftlers Bassam Tibi.

Patriotische Erneuerungsbewegungen können ein nationales Ethos gesellschaftlich verankern

Die Erneuerung der freiheitlichen Gesellschaften des Westens erfordere vor allem Patriotismus, d. h. den freiwilligen Einsatz von Menschen für das Gemeinwohl. Patriotismus sei die Sorge um das Wohl des Nächsten und das Gemeinwesen, das man mit ihm teile, sowie der Einsatz für das Gemeinwohl und für das Wachsen und Gedeihen des Gemeinwesens.5

Um das beschriebene nationale Ethos gesellschaftlich zu verankern, seien patriotische Bewegungen erforderlich, die über den politischen Lagern und sonstigen Interessengruppen stehen müssten.6 Diese Bewegungen müssten außerdem primär in den Kategorien des Gemeinwohls denken7 und „moralische Dialoge“ führen, in denen sie die Frage nach dem Gemeinwohl stellen, Herausforderungen ansprechen und überzeugende Antworten auf sie formulieren.8 Vorhandene Beispiele, etwas das der Umweltbewegung, zeigten, dass die Schaffung neuer Normen und Werte bzw. eines kulturellen Konsenses darüber gelingen kann, wenn sich entschlossene Kräfte über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten dafür einsetzen.9

Etzioni hat selbst eine solche Bewegung in den USA gegründet, die sich unter anderem für die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht, für ein Fach Staatsbürgerkunde an Schulen und für die „Akkulturation“ von Migranten einsetzt. Diese Bewegung strebt zudem Ziele wie die Förderung des Gemeinwohls und nationaler Einheit, die Besetzung öffentlicher Ämter mit dem Gemeinwohl verpflichteten Personen, die Begrenzung der politischen Einflussnahme durch Parteispenden und den Schutz der nationalen Souveränität an. Er lässt den Inhalt des von ihm erwähnten nationalen Ethos ansonsten weitgehend offen.

Bewertung und Folgerungen

Etzioni argumentiert in Teilen seines Buches kompatibel zu den Erkenntnissen und Ansätzen der christlichen Soziallehre. Dies gilt vor allem für seinen Bezug auf das Gemeinwohl und das Solidaritätsprinzip sowie für seine Betonung der Bedeutung von freiwilligen Zusammenschlüssen von Bürgern für die Sicherstellung des Gemeinwohls.

Die historisch gewachsenen, auf dem abendländischen Erbe beruhenden Kulturen Europas hält er jedoch nicht für eine geeignete Quelle gesellschaftlicher Bindungen, da ein Bezug auf sie Muslime ausschließen würde.10 Es bleibt hier offen, warum eine säkulare bzw. laizistische Leitkultur besser dazu geeignet wäre, Muslime zu integrieren. Im laizistischen Frankreich ist dies zum Beispiel nicht zu beobachten. Es gibt zudem kein Beispiel dafür, dass der von Etzioni vorgeschlagene Ansatz des Entwurfs einer Leitkultur durch einen Staat ohne Rückgriff auf eine gewachsene Kultur jemals dauerhaft funktioniert hat, weshalb dieser Aspekt seiner Überlegungen utopische Züge trägt. Solche Versuche waren außerdem häufig von totalitären Tendenzen geprägt und stützten sich auf politische Religionen, die als Identitätsgrundlage dienen sollte.

Zahlreiche Beispiele gibt es hingegen dafür, dass die von Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) als „schöpferische Minderheiten“ bezeichnete Akteure auf Grundlage einer gewachsenen religiösen und kulturellen Tradition Gesellschaften erfolgreich erneuert und dabei Bindungen unter Menschen unterschiedlicher Herkunft geschaffen haben. Eine entsprechende Grundlage wäre daher besser dazu geeignet, um die von Etzioni beschriebenen Ziele zu erreichen.

Allerdings gibt es solche Erfolgsbeispiele nur für Gesellschaften, die einen geringen Grad an kultureller Heterogenität aufwiesen. In den USA, auf die sich Etzioni vorrangig bezieht, gelang es zeitweise, die Nachkommen west- und nordeuropäischer Einwanderer (unter der Ausklammerung katholischer irischstämmiger Amerikaner und anderer Gruppen) auf der Grundlage einer auf einem angelsächsischen Protestantismus beruhenden Leitkultur zu vereinen, während in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg der abendländische Gedanke für eine kurze aber entscheidende Zeit diese Rolle einnahm. Beispiele dafür, dass eine soziale Bewegung gleich welcher Art einer heterogenen Gesellschaft eine neue kulturelle Grundlage gab, ohne dass dies von Verwerfungen und Konflikten begleitet war, gibt es jedoch nicht. Die von Etzioni skizzierte Erneuerung von Gesellschaften durch patriotische Bewegungen würde unter den gegebenen Umständen daher sehr wahrscheinlich auch im günstigsten Fall nicht ohne Konflikte verlaufen. Mit Konflikten wäre jedoch auch die Fortsetzung der gegenwärtig zu beobachtenden Auflösungstendenz verbunden.

Quellen

  1. Amitai Etzioni: Reclaiming patriotism, Charlottesville 2019, S. 1-2, 9, 11, 70.
  2. Ebd. S. 1-2, 10.
  3. Ebd., S. 33.
  4. Ebd., S. 101.
  5. Ebd., S. 7.
  6. Ebd. S. 1-2.
  7. Ebd., S. 36.
  8. Ebd., S. 18.
  9. Ebd., S. 29-30.
  10. Ebd., S. 102.