Joachim Gauck: Die „neurotische Feindschaft gegen das Eigene“ als kulturelle Herausforderung

Gustave Doré - Dante und Vergil im neunten Kreis der Hölle (Wikimedia Commons/Ausschnitt

Der evangelische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hielt vor einigen Tagen an der Katholischen Akademie Bayern, in dem er eine „neurotische Feindschaft gegen das Eigene“ in Deutschland sowie einen daraus resultierenden Mangel an Willen zur Selbstbehauptung feststellte.

In Deutschland so wie in anderen westlichen Ländern herrsche vor allem in Sicherheitsfragen „eine gewisse Sorglosigkeit, verbunden mit einem weit verbreiteten Wunschdenken“ vor. Es gebe hier das Problem, „nicht mehr zu wissen, was und wie wir uns verteidigen wollen“, sowie eine allgemeine Schwäche des Nationalgefühls:

„Als ich in die gesamtdeutsche Politik eintrat, begegnete ich einer Vorstellung von Deutschland, die sehr defizitär war. Ich traf in Westdeutschland auf Intellektuelle, die den Begriff der Nation gar nicht mehr benutzen wollten. […] Deutschland? Nein. Die deutsche Fahne? Oh, sehr verdächtig. […]

Aber wenn man so weit geht, dass man aus Furcht vor Nationalismus nationale Prägungen nicht mehr akzeptiert oder automatisch verdächtigt, dann ist man einen Schritt zu weit gegangen. So kann aus einer guten pädagogischen Absicht und aus einer positiven Selbstkritik auch so etwas wie eine neurotische Feindschaft gegen das Eigene werden. Und diese neurotische Feindschaft gegen das Eigene hat dann bei vielen zu einer Ferne von jeder Art von Selbstbewusstsein geführt – manchmal sogar zu einer Vernachlässigung nationaler Interessen.“

Der christliche Glaube könne Menschen dabei helfen, zu einem gesunden Verhältnis zum Eigenen zu finden. Gott wolle nicht Menschen, die aus der Verantwortung fliehen.

Hintergrund

Als deutscher Bundespräsident hatte Gauck einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. In diesem Zusammenhang forderte er die Rückbesinnung auf ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht“:

„Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“

In seiner aktuellen Rede bezog er sich unter anderem auf Gedanken des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler, der 2017 das Unvermögen moderner postheroischer Gesellschaften zur Selbstbehauptung angesprochen hatte. Europa würden „Heldenerzählungen“ und ein Konzept des Heldentums fehlen. Man brauche jedoch weiterhin zum Dienst und zum Opfer bereite Menschen, weil auch postheroische Gesellschaften Feinde hätten.