Alain Finkielkraut: Radikale progressive Akteure und Islamisten als Gegner der europäischen Zivilisation

Hubert Robert - Der Louvre als Ruine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut ist Mitglied der Académie française. In einem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ warnt er vor einem in Europa erstarkenden neuen Antisemitismus. Dieser würde von radikalen progressiven Akteuren und Islamisten ausgehen, die ihre gemeinsame Ablehnung der europäischen Zivilisation vereine.

Der wachsende Anteil radikaler Muslime an den Bevölkerungen westeuropäischer Staaten habe zahlreiche negative Folgen. Durch „die massive Immigration in Frankreich und anderswo“ habe sich „in Europa etwas radikal verändert.“ Juden würden zu den ersten Opfern dieser Entwicklung gehören. Städte wie das schwedische Malmö, dessen Bevölkerung einen besonders hohen Anteil von Muslimen aufweist, seien mittlerweile „judenrein“. Juden würden solche Orte verlassen, „weil das Leben für sie dort zur Hölle geworden ist.“ Diese Entwicklung werde sowohl von radikalen Linken als auch von radikalen Muslimen gefördert:

„Die Landschaft Frankreichs hat sich verändert, die Gesellschaft hat es. Und es scheint mir, als entstünde zwischen der Jugend der Vorstädte und einer radikalen Linken eine Verbindung, die ich beängstigend finde.“

Auch von populistischen Strömungen gehe eine potenzielle Bedrohung aus, weil sie auf diese Herausforderungen unangemessen reagierten. Diese Strömungen seien die Folge davon, dass europäische Gesellschaften „gegen ihren Willen in multikulturelle Gesellschaften umgeformt worden“ seien:

„Der beängstigende Populismus ist eine pathologische Reaktion auf dieses Phänomen der demografischen Veränderung. Europa wollte das nicht. Die Regierungen haben nicht ernst genommen, was die Gesellschaften dachten und empfanden, und müssen das heute teuer bezahlen.“

In der gegenwärtigen Lage komme es darauf an, Antworten auf die Frage zu finden, wie Europa angesichts der von radikalen Muslimen, Linken und Populisten ausgehenden Herausforderungen und angesichts des Unvermögens europäischer Regierungen, diesen Herausforderungen zu begegnen, eine Zukunft haben könne:

„Aber die europäische Zivilisation will ihr Wesen bewahren. Die Nationen wollen das auch. Es stellt sich heraus, dass es schwieriger wird. Europa ist auch dazu da, die Europäer zu schützen. Wenn Europa nur noch eine Anhäufung von Regeln und Prozeduren ist, dann wird es ein leeres Gebilde, genau das, was Jürgen Habermas vorschwebt. Mit Herrn Habermas werden wir nicht Europa retten.“

In diesem Zusammenhang kritisiert Finkielkraut auch den „extremen Moralismus“, der die deutsche Politik präge. Die Deutschen wollten „sich damit freikaufen und endlich ein moralisch tadelloses Volk werden“, täten dies aber „auf Kosten der Juden, die die ersten Opfer sind, wenn immer mehr Einwanderer hineingelassen werden“.

Hintergrund und Bewertung

Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, der als einer der führenden Islamismusexperten weltweit gilt, hatte das Phänomen des Zusammenwirkens von radikalen islamischen Akteuren und progressiven politischen Kräften als „Islamo-gauchisme” bezeichnet. Es gebe ein symbiotisches Verhältnis zwischen diesen Akteuren. Progressive Kräfte würden versuchen, ihre politischen Forderungen im Namen der von ihnen zur Opfergruppe erklärten Muslime durchzusetzen. Gleichzeitig würden islamische Akteure die durch die Linke bereitgestellten Rassismus- und Antidiskriminierungsdiskurse nutzen, um Anhänger zu mobilisieren und ihre Ablehnung europäischer Gesellschaften zu legitimieren.

  • Sowohl Antisemitismus als auch Christenfeindlichkeit sind dem Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi zufolge zentrale Merkmale radikal-islamischer Ideologie.
  • In linksradikalen Ideologien wird die Selbstbehauptung des Staates Israel verbreitet abgelehnt, der als westlich-europäischer Staat wahrgenommen wird, der in Form der Palästinenser ein Volk der „Dritten Welt“ unterdrücke. Diese Ablehnung äußert sich zunehmend in Form von Antisemitismus, da in diesem Zusammenhang ein aufgrund seiner historischen Erfahrungen auf Selbstbehauptung bedachtes Judentum pauschal abgelehnt wird.

Das von Finkielkraut beschriebene Zusammenwirken radikaler linker und islamischer Akteure stellt auch eine Bedrohung für das Christentum in Europa und die auf ihm beruhenden Gesellschaften dar, weil diese von ihnen ebenso abgelehnt und bekämpft wird wie das Judentum und der Staat Israel.

Linksradikale Strömungen bekämpfen das Christentum, weil es als Grundlage der abgelehnten europäischen Kulturen und Gesellschaftsordnungen sowie als Hindernis auf dem Weg zu deren geplanter Umgestaltung betrachtet wird. Linksradikale Christenfeindlichkeit weist in diesem Zusammenhang strukturelle Ähnlichkeiten zu linksradikalem Antisemitismus auf. In beiden Fällen ist das Motiv die Ablehnung der Selbstbehauptung der Religionen, welche die kulturelle Grundlage des abendländischen Kulturkreises bilden.

Der jüdische Soziologe Philip Rieff beschrieb in diesem Zusammenhang, dass der allen modernen Ideologien innewohnende utopische Impuls sowie deren Streben nach der revolutionären Umgestaltung des Bestehenden und dem vollständigen Bruch mit der dem historisch Gewachsenen Ausdruck eines kollektiven Todestriebes bzw. eines Wunsches nach Selbstauslöschung seien, der seine radikalste Verwirklichung in der Ideologie des Nationalsozialismus gefunden habe. Auch andere moderne Ideologien seien jedoch von diesem Todestrieb bestimmt, der sie zu autoaggressivem Handeln bzw. zum Kampf gegen ihre eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln bewege.