David Engels: Die bevorstehenden Verwerfungen und die Erneuerung des christlichen Europas

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Althistoriker David Engels lehrte zuletzt an der Freien Universität Brüssel. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz analysiert er die Lage der abendländischen Zivilisation und Perspektiven einer Erneuerung Europas im Geist des Christentums. Dabei will er vor allem beschreiben, „welche Weichen kurz- bis mittelfristig gestellt werden müssen […], um das langfristige Überleben des Christentums als eines zentralen Identitätsfaktors der europäischen Gesellschaft zu sichern“.

Die Überlegungen des Autors beruhen auf dem kulturmorphologischen Ansatz Oswald Spenglers, der versuchte, im historischen Geschehen Muster zu erkennen, um sowohl Prognosen des weiteren Verlaufs dieses Geschehens als auch die gezielte Einflussnahme darauf mit dem Ziel kultureller Selbstbehauptung zu ermöglichen.

Europa befindet sich am Beginn des Endstadiums einer Zivilisationskrise

Europa befinde sich laut Engels am möglichen Beginn des Endstadiums einer Zivilisationskrise und stehe in Folge der Durchsetzung liberaler und progressiver Ideologien zunehmend existenziellen Herausforderungen gegenüber. Dazu gehörten der demographische „Selbstmord“ des Kontinents, der „Zerfall der traditionellen Familie zugunsten von hedonistischem Egoismus“, die eskalierende Massenzuwanderung, gesellschaftliche Fragmentierung und Polarisierung, der bevorstehenden Kollaps der Sozialsysteme sowie der Raubbau an der Umwelt.

Die kommenden 20 Jahre würden in Europa voraussichtlich von einer Zuspitzung der beschriebenen Herausforderungen und der damit verbundenen Konflikte geprägt sein. Es gebe gegenwärtig keine Anzeichen dafür, dass die Regierungen Europas und die sie tragenden kulturellen und weltanschaulichen Strömungen diesen Herausforderungen gewachsen wären oder diese überhaupt richtig erkennen würden.

Die bevorstehenden Verwerfungen schaffen Perspektiven kultureller Erneuerung

Engels hat zahlreiche historische Beispiele für ähnliche krisenhafte Entwicklungen von Kulturen untersucht. Auf dem Höhepunkt dieser Krisen seien jeweils die Ideologien, die für sie verantwortlich waren, in der Wahrnehmung vieler Menschen diskreditiert gewesen. Diese Menschen hätten dann nach weltanschaulichen Alternativen zu diesen gescheiterten Ideologien gesucht und eine „autoritäre Reform“ zur Überwindung der Krise unterstützt. In Kulturen, die Krisen dieser Art überlebten, seien dann konservative religiöse Akteure hervorgetreten, die entweder eine spirituelle und damit auch kulturelle Erneuerung bewirkt hätten oder der jeweiligen Kultur zumindest eine „religionspatriotische Atempause“ verschafft hätten.

Der Erfolg solcher Akteure hänge davon ab, wie stark die Ermattungskräfte in einer Kultur bereits ausgeprägt seien. Im ungünstigsten Fall könne eine konservative Erneuerungsbewegung den Untergang einer Kultur nur noch verzögern, so wie „der spätrömische Senatsadel inmitten einer ihm fremd gewordenen Gesellschaft nur noch die Reste vergangener Größe konserviert“ habe.

Der gegenwärtige Auftrag des christlichen Konservatismus

Die sich abzeichnenden Verwerfungen würden ein „rasches, geeintes und weit vorausplanendes Handeln“ der Akteure erfordern, die für die Kontinuität des Christentums in Europa bzw. des christlichen Europas eintreten. Die „christliche Reform, welche der gegenwärtigen Islamisierung und Säkularisierung immer weiterer Teile der abendländischen Gesellschaft Widerstand leisten möchte“, müsse bereits jetzt vorbereitet werden, damit auf dem Höhepunkt der Krise gehandelt werden könne.

Historische Beispiele würden zeigen, dass dieses Vorhaben erfolgreich sein könne. In nahezu allen Hochkulturen sei eine solche Erneuerung einer sterbenden Kultur in Krisenzeiten jedoch „mit einer gewissen kreativen Rückbesinnung auf traditionalistische Glaubensformen verbunden“ gewesen. Progressive Strömungen im Christentum würden daher nicht dazu in der Lage sein, diese Aufgabe zu bewältigen. Es sei vielmehr eine „radikale Rückbesinnung der Kirche auf Form wie Inhalt der kulturell als verbindlich betrachteten religiösen Frühzeit der abendländischen Kultur“ erforderlich. Einem „revolutionären Konservatismus einer jungen traditionalistischen Bewegung“ könne die kulturelle Erneuerung Europas vielleicht gelingen:

„Sollte der Geist kultureller Selbsterhaltung […] noch stark genug sein, nach der kommenden Niedergangsphase den Wiederaufbau wesentlich mitzuprägen, könnte dies weit in die Zukunft wirkende, positive Konsequenzen für den Status des Christentums haben.

Dies erfordert schon heute eine ebenso mutige wie nuancierende Stellungnahme seitens all jener, denen der Geist des Abendlands am Herzen liegt. […] Nur das positive Bekenntnis zur eigenen Kultur mit all ihren Höhen und Tiefen und insbesondere zum historisch begründeten Ehrenvorrang des abendländischen Christentums als des seelischen basso continuo der europäischen Geschichte könnte es vermögen, der Ausbreitung des Fremden nicht etwa sterile Opposition, sondern vielmehr die Vorbildhaftigkeit der eigenen Überzeugung entgegenzusetzen. Selbst wer verneint, definiert sich doch nur durch den Anderen; allein die unbeirrte, positive Pflege des Eigenen und das Denken in selbst geschaffenen und nicht fremdbestimmten Kategorien ermöglichen es, Identität unverfälscht zu bewahren und kreativ weiterzuentwickeln.“1

Der christliche Konservatismus sei jedoch nicht der einzige Akteur in Europa, der über eine Vision für die kulturelle Erneuerung des Kontinents bzw. über Alternativen zu den für die Krise Europas verantwortlichen Ideologien verfüge. Falls es dem christlichen Konservatismus nicht gelinge, diese Aufgabe zu leisten, würden dies vermutlich Akteure des politischen Islam tun.

Hintergrund

Engels hatte vor allem durch sein Werk „Auf dem Weg ins Imperium“ größere Bekanntheit erlangt. Hier zeigte er Parallelen zwischen bestimmten Phasen der römischen Geschichte und der aktuellen Entwicklung der westlichen Welt auf. Die auf Säkularismus und Materialismus beruhende Kultur, welche die USA und die Europäische Union der Gegenwart präge, stehe laut Engels vor ihrem Ende. Was als „Transformation“ dargestellt werde, sei tatsächlich ein Ausdruck von „Niedergang, Selbstaufgabe, Auflösung oder gar Untergang“.

Quellen

  1. David Engels: „Der Untergang des Abendlandes, der Aufstieg des Islams und die Zukunft des Christentums“, in: Felix Dirsch/Volker Münz/Thomas Wawerka (Hg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken, Graz 2018, S. 145-159, hier: S. 154 f.