Bischof Voderholzer: Das christliche Abendland und die Verteidigung der Identität Europas

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, hat in einer Rede den Begriff des christlichen Abendlandes gegen Kritik verteidigt.

In der gegenwärtigen politischen Lage stelle sich die Frage nach den Wurzeln und der Identität Europas, „an der jede Gestaltung seiner Zukunft wird anknüpfen müssen“. Bei Europa handele es sich nicht um „eine geographische oder wirtschaftliche Größe […] sondern um eine geistige Größe“:

„Die Seele Europas ist das Christentum, und deshalb ist es auch historisch exakt und verantwortbar, vom „christlichen Abendland“ zu sprechen. […] Europa hat eine Seele. Unsere Heimat hat eine Seele. Sie hat unsere Heimat so lebens- und so liebenswert gemacht. Es ist der christliche Glaube.“

Die Begegnung zwischen dem griechischen und römischen Erbe der Antike und dem Christentum „hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann“. Alle großen Werke, die das christliche Abendland ausmachen, würden im Christentum wurzeln. Über ein Jahrtausend lang sei das Erbe Europas aus dem christlichen Glauben heraus gewachsen, der die Seele des europäischen Menschen geprägt und ihm eine geistige und physische Heimat geschaffen habe.

  • Das Christentum habe Europa geprägt, aber Europa habe umgekehrt auch das Christentum geprägt, weshalb beide untrennbar miteinander verbunden seien. Es habe „trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden“.
  • Das Christentum stelle „gelebte Identität“ dar, welche die Völker Europas zu einer Einheit verbunden habe. Diese Einheit sei erst im 19. und 20. Jahrhundert durch einen säkularen und „zutiefst unchristlichen Nationalismus“ in Frage gestellt worden. Neben diesem Nationalismus bedrohe aber auch der „Zynismus einer säkularistischen Kultur, die ihre eigenen Grundlagen verleugnet“, das christliche Erbe Europas.
  • Die freiheitlichen Gesellschaften Europas lebten von kulturellen Voraussetzungen, die das Christentum geschaffen habe. Ihre Zukunft hänge davon ab, dass diese Grundlage intakt blieben. Ihre Verteidigung sei gegenwärtig wichtiger als je zuvor, weil sie einen Schutz gegen die totalitäre „Selbstvergötzung des Staates mit den bekannten verheerenden Folgen für Europa und die ganze Welt“ darstelle.

Eine „Gefährdung des christlichen Abendlandes“ sei „nicht einfach von der Hand [zu] weisen“. Die größte Gefahr stelle seine innere Schwäche dar, die es deshalb überwinden müsse.

Hintergrund

Der katholische Publizist Marco Gallina hat in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ die in Deutschland betriebenen Versuche beschrieben, den Begriff des christlichen Abendlandes zu diskreditieren. Die selbstbewusste Definition eines Kulturraums und die Identifikation mit diesem werde von Anhängern radikaler säkular-relativistischer Ideologien bereits seit längerem als Provokation wahrgenommen.

  • Seit 2016 sei zu beobachten, dass auch Akteure innerhalb der katholischen Kirche diese radikale Position übernähmen und sich der Ablehnung des Begriffs anschlössen. Der Theologe Manfred Becker-Huberti habe etwa auf dem offiziellen Internetauftritt der katholischen Kirche in Deutschland von einem „Kampf- und Ausgrenzungsbegriff“ gesprochen.
  • Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, habe sich dieser radikalen Positionen ebenfalls angeschlossen und vor einigen Tagen den Begriff des christlichen Abendlandes zurückgewiesen, weil dieser „ausgrenzend“ sei und potenziell verhindere, dass „verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“.

Gallina wirft Kardinal Marx vor, dass er das „Erbrecht der katholischen Kirche“ und das Erbe von anderthalb Jahrtausenden aus opportunistischen Gründen an den Zeitgeist verkaufe. Dass „katholische Prälaten die Häresie der eigentlichen Lehre vorziehen“, zeuge von einem „erschütternden Relativismus“, der aus nichtigen Gründen das eigene Selbstbild entwerte. Kardinal Marx habe in seinem Auftrag versagt:

„In einem Europa, das droht, als dahinsiechender Leib von den säkularen, atheistischen, neo-paganen Kräften und fremden Religionen zerrissen zu werden, hilft es nichts, diesem christlichen Abendland einen Tritt zu erteilen.

Unserer Zeit fehlen beherzte Laien und mutige Hirten, die sich gerade für dieses christliche Abendland einsetzen, die es lieben, es verteidigen, Stolz empfinden auf diese alte res publica christiana, die diesen Kontinent in seiner kulturellen Dimension erst geschaffen hat, die sich in einer Kontinuität sehen mit […] – so politisch-inkorrekt es heute anmutet – Kämpfern wie den Gefallenen von Otranto. Abendland bedeutet Tradition, Abendland bedeutet Kontinuität, Abendland bedeutet Bekenntnis […].

Dass Kardinal Marx nicht bereit ist, dieses Kreuz zu tragen, hat er – bedauerlicherweise – bereits zu anderen Anlässen gezeigt.“1

Der katholische Priesterkreis „Communio veritatis“ hatte Marx wegen seiner Äußerungen zum Rücktritt aufgefordert. Marx würde „die Sakramente der Kirche […] beliebig auf dem Altar des Zeitgeistes opfern“ und den Glauben „in verfälschter Verweltlichung zur Verbreitung der linksliberalen politischen Ideologie des Mainstreams“ missbrauchen. Die Kardinalsfarbe Rot beziehe sich nicht auf neomarxistische Ideologie, „sondern die Verteidigung des katholischen Glaubens bis zum Blutvergießen“. Außerdem habe Marx während eines Besuches am Jerusalemer Tempelberg im Oktober 2016 „das Kreuz des Herrn in skandalösem Verrat abgelegt“.

Quellen

  1. Marco Gallina: „Verkauf des kulturellen Erbes“, Die Tagespost, 17.01.2019.