Alexander Grau: Der kulturelle Selbstmord der modernen Zivilisation

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der evangelische Philosoph Alexander Grau beschreibt in einem aktuellen Aufsatz die kulturelle Selbstzerstörung moderner Ideologien und der von ihnen dominierten westlichen Gesellschaften. Kulturoptimismus und Fortschrittsglaube seien Symptome einer kulturellen Erschöpfung, die nicht mehr über die Kraft zur Selbstreflektion und Selbstkorrektur verfüge und daher Verfallserscheinungen zum Ausdruck von Fortschritt zu erklären versuche.

Kultur ist Ausdruck des Kampfes der Ordnung gegen das Chaos

Eine Kultur sei eine Ordnung, die gegen den Widerstand des Chaos und des sie verneinenden Fremden errichtet werden müsse. Sie schaffe Schutzräume in einer chaotischen Welt, in denen der Mensch überleben und sich entfalten könne:

„Kultur sichert Räume und macht Zeit berechenbar. Kultur soll vor Überraschungen schützen. Kurz: Kultur ist Kontingenzbewältigung. […] Sie kennzeichnet den Bereich menschlicher Ordnung gegen das Chaos der Natur. Damit markiert die Kultur zugleich das Eigene gegen das Fremde, den Schutzraum gegen die Bedrohung. […] Zugleich ist Kultur latent bedroht. Durch die Natur, durch das Unberechenbare. Und zu diesem bedrohlichen Chaos gehört das Unbekannte, das Andere. Deshalb ist Kultur permanent zu schützen, zu bewahren und zu erkämpfen. Ohne einen entschlossenen Willen zur Kultur wird Kultur untergehen.“

Jede Kultur folge einem Ordnungsprinzip, von dem „Homogenisierungskraft“ ausgehe. Kultur entfalte ein „normatives Netz, das über alle Handlungen, Entscheidungen und Artefakte gelegt wird und die Welt in gut und schlecht und mehr oder minder wertvoll einteilt“.

Moderne Ideologien führen zur Auflösung der Kultur

Die Moderne stelle einen Versuch des „Umbau[s] menschlicher Kulturen zur nachkulturellen Weltgesellschaft“ dar. Sie dekonstruiere durch die von ihr erzeugten technischen und ökonomischen Bedingungen sowie durch ihre Ablehnung von Absolutheiten und auf Dauer ausgelegten Dingen und ihre Forderung nach Flexibilität, Individualisierung und Pluralisierung das Ordnungsprinzip, das der Kultur zugrundeliege. Sie habe dadurch „Kulturentropie“ freigesetzt sowie einen „Prozess der Dekulturalisierung“ ausgelöst.

In Folge dessen werde es „immer schwerer […] zumindest Restbestände kultureller Homogenität aufrechtzuerhalten“. Massenzuwanderung kulturfremder Gruppen erschwere die „Konstruktion von Sinneinheiten“ zusätzlich:

„Die Moderne verabschiedet die traditionelle Idee von Kultur. Es kommt zu einer Umwertung aller Werte. Nicht das Beständige, das Geordnete, das Überlieferte, das Stabile und Althergebrachte gilt als wertvoll, sondern das Spontane, das Kreative, das Andere, das Befremdliche, Überraschende und Schockierende. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich die westliche Welt von dem verabschiedet, was vormals als Ausweis einer KulturgeseIlschaft gesehen wurde.“

Der moderne, emanzipierte Mensch sei „im Kern kulturunfähig“, weil Emanzipation und der mit ihr verbundene Freiheitsbegriff die Auflösung aller Bindungen und somit auch die Trennung vom überindividuellen Ordnungsprinzip der Kultur fordere. Der moderne Mensch sei ein kulturell steriler Narzisst und ein Hedonist, der in seiner „Selbstverwirklichungsblase“ gefangen sei und weder die alte Kultur fortsetzen noch eine neue hervorbringen könne.

Kulturoptimismus als Phänomen der Spätmoderne

Die Moderne habe den „Untergang der Kultur in der westlichen Welt“ herbeigeführt und befände sich gegenwärtig in ihrem Endstadium. Westliche Gesellschaften seien in eine „Phase der Postkulturalität“ eingetreten. Diese sei von der „Feier des eigenen Abgesangs“ geprägt:

„Die Sinneliminierung wird ihm zum Sinn, die Selbstaufgabe zur Selbstfindung, die Affirmation des Niedergangs zum Fortschritt. […] Der Verlust an Kultur wird ihm zum sinnstiftenden Normierungssystem und jede Form von Kulturpessimismus zur Häresie. Allein die Bejahung der Kulturentropie und der Diskreditierung von allem, was einmal seine Kultur war, vermag ihm noch ein letztes Gefühl von Sinnhaftigkeit zu vermitteln.“

Der in westlichen Gesellschaften zu beobachtende aggressive Kulturoptimismus, der jegliche Kritik an den zunehmend krisenhaften Begleiterscheinungen kultureller Auflösung ablehne und Verfallserscheinungen aller Art zum Ausdruck von Fortschritt erkläre, stelle den Versuch einer „Flucht nach vorn“ dar, der ins Nichts führe.

Hintergrund und Bewertung

In früheren Aufsätzen hatte Grau u.a. Hypermoral und Humanitarismus als postchristliche säkulare Ersatzreligionen und die Ideologie des Multikulturalismus als Versuch zur Entwurzelung des Menschen kritisiert.

Christlich-konservative Kulturtheorie geht davon aus, dass die von Grau angesprochenen Ordnungsprinzipien, auf denen eine Kultur beruht,nur durch eine Religion gestiftet werden können. Jede Hochkultur beruhe demnach auf einer religiösen Grundlage. Mit der Abwendung der Eliten einer Kultur von dieser Religion zerfalle auch die Kultur, die in der Wahrnehmung der Menschen zunehmend ihren Sinn verliere und aufgegeben werde.

  • Benedikt XVI. hatte die materialistischen modernen Ideologien, die sich gegen die christlichen Grundlagen der Kulturen der westlichen Welt richteten, wegen ihrer destruktiven Wirkung als „Antikultur des Todes“ bezeichnet. Er knüpfte dabei offenbar an den Soziologen Philip Rieff an, der den Komplex moderner Ideologien, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden westlichen Kulturen anstrebe, als „Antikultur“ bezeichnet hatte. Die Akteure der Antikultur seien die ersten wirklichen Barbaren in der Geschichte der Menschheit, da die Barbaren der Antike wenigstens ihre eigene Kultur geachtet hätten.
  • Der katholische Theologe Romano Guardini hatte zuvor von einer “nicht-kulturellen Kultur” der Moderne gesprochen, die einen radikalen Bruch mit dem darstelle, was in den Jahrhunderten zuvor unter Kultur verstanden worden sei. Diese Entwicklung werde im Chaos enden.

Anders als der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler, der Kulturen mit Organismen verglich, die an Altersschwäche zugrunde gehen würden, geht die christliche Geschichts- und Kulturlehre davon aus, dass Kulturen geistige Entwürfe sind, die nicht biologischen Abläufen unterliegen. Zerfallende Kulturen können erneuert werden, indem schöpferische Minderheiten in ihnen als kulturelle Eliten wirken und die Kultur wieder an ihre religiösen Quellen anbinden.

Solche schöpferischen Minderheiten müssen dazu in besonderem Maße über die Kardinaltugend der Klugheit verfügen, d. h. über die Fähigkeit, die Lage, in der sie sich bewegen, richtig zu beurteilen und ihren Erfordernissen entsprechend zu handeln. Voraussetzung dafür ist unter anderem jene ständige Wachsamkeit gegenüber kulturellen Verfalls- und Auflösungserscheinungen, die moderne Ideologien als „Kulturpessimismus“ ablehnen.