Tilman Nagel: Es wird keine erfolgreiche Integration des Islam in Europa geben

Gentile Bellini - Sultan Mehmed der Eroberer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Islamwissenschaftler Tilman Nagel zufolge sei der Islam in seinen wesentlichen Ausprägungen nicht in Europa integrierbar. Diese mangelnde Integrierbarkeit ergebe sich vor allem aus der kulturellen Fremdheit des Islam, dessen Anhänger in vielen Fällen in europäischen Gesellschaften, die auf dem Islam fremden kulturellen Grundlagen beruhen würden, sozioökonomisch nicht erfolgreich sein könnten. Sie würden daher ethnisch-religiöse Unterschichten bilden und sich zunehmend auf die eigene Religion und Kultur besinnen, anstatt sich zu integrieren. Parallel dazu würden Ressentiments gegen die Gesellschaften und Kulturen Europas unter Muslimen zunehmen.

Außerdem wären postmoderne europäische Gesellschaften auch unter günstigeren kulturellen Voraussetzungen auf Seiten der Muslime nicht dazu in der Lage, diese zu integrieren. Es gebe eine Asymmetrie zwischen der zunehmenden Besinnung auf das Eigene unter Muslimen und einer zunehmenden Ablehnung des Eigenen in den postmodernen politischen Eliten Europas, aus der sich für Europa destruktive Wechselwirkungen ergäben:

„Die starke muslimische Einwanderung nach Europa erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem die wortführenden europäischen Eliten es als schick ansehen, im Gestus der – für sie folgenlosen – Selbstbezichtigung die eigene Kultur geringzuschätzen, ja, zu verdammen und alles ‚Exotische‘ zu preisen, obwohl man es allenfalls ganz oberflächlich kennt. In der islamischen Welt hingegen ist seit Langem eine Rückbesinnung auf das Eigene zu beobachten. Dessen Höherwertigkeit und die ihm zugeschriebene Kraft, die Welt von ihren durch den Westen verschuldeten Leiden zu erlösen, gelten den muslimischen Einwanderern als ausgemacht. […]

Die nach westlichem Maßstab erschreckenden zivilisatorischen und intellektuellen Defizite, die eine erdrückende Mehrheit der Bevölkerung in den islamischen Ländern aufweist und die in zahlreichen statistischen Erhebungen von neutraler Seite dokumentiert sind, fallen mit der beschriebenen muslimischen Selbstüberhebung zusammen, was schwerlich ein Zufall ist. […]

Je häufiger Einwanderer an der Einfügung in die ihnen fremden Lebensverhältnisse scheitern, desto größer die Versuchung, sich gegen sie abzukapseln und eine Kompensation im skizzierten islamischen Selbst- und Weltverständnis zu erhoffen.

Eine Gesellschaft, die unkritisch den Islam rühmt und die europäische Zivilisation wenn nicht verwirft, so doch wenigstens mit anmaßendem Hohn ironisiert, bietet den Muslimen keinen Anreiz, sich auf ihre neue Lebenswelt ernsthaft einzulassen.“1

Die Mehrheit der Muslime erhoffe sich von der Migration nach Europa eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und habe daher nicht die Absicht, die Gesellschaften Europas zu zerstören. Aus den tiefgreifenden Unterschieden zwischen islamischer und europäischer Kultur ergebe sich jedoch eine nicht aufhebbare Spannung.

Alle relevanten Strömungen des Islam würden auf der Ansicht beruhen, dass die Religion bzw. der Islam Kultur und Gesellschaftsordnung prägen solle. Ein vorbehaltloses Einfügen in die nichtislamischen Kulturen und Gesellschaftsordnungen Europas sei für den Großteil der Muslime daher nicht möglich bzw. würde eine Abwendung vom Islam voraussetzen.

Hintergrund

Die Beobachtungen und Warnungen Nagels decken sich mit denen anderer Beobachter der Entwicklung.

  • Der Historiker Bernard Lewis, der als einer der weltweit führenden Experten für die Geschichte des Islam galt, hatte den Begriff des „Clash of Civilizations“ geprägt, der später durch den Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington aufgegriffen wurde. Der weltweit erstarkende politische Islam betrachte das Christentum und die auf ihm beruhenden Kulturen Europas als seinen wichtigsten Gegner und Konkurrenten. Diese Wahrnehmung stelle eine Konstante in der Geschichte des Islam dar. Die damit verbundenen Konflikte seien weder abwendbar noch im Dialog lösbar. Es werde für ein Europa, das nicht dazu bereit sei, wirksame Maßnahmen zum Schutz seiner Identität zu ergreifen, schwierig werden, „in dem Kampf zu bestehen, der sich gerade entwickelt“.
  • Der Historiker Walter Laqueur, der als Begründer der Terrorismusforschung gilt, sprach in diesem Zusammenhang von „heraufziehenden Stürmen“. Angesichts der langfristigen Folgen von Massenzuwanderung, demographischer Entwicklung, kultureller Erschöpfung, Mangel an Willen zur Selbstbehauptung und Realitätsblindheit der Politik werde es für Europa künftig “ums Überleben” gehen. Von der Integrierbarkeit der Mehrheit der muslimischen Migranten in Europa auszugehen stelle vor dem Hintergrund der gegenteiligen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte eine „Lebenslüge“dar.
  • Der Politikwissenschaftler Martin Rhonheimer sprach davon, dass der Islam einen kulturellen „Fremdkörper“ in Europa darstelle und nicht integrierbar sei. Der Islam habe eine eigene, sich von der christlichen und säkularen Kultur Europas deutlich unterscheidende Kultur hervorgebracht. Ein wachsender kultureller Einfluss des Islam in Europa erfolge daher zwangsläufig auf Kosten der kulturellen Substanz Europas. Die Migration von Muslimen nach Europa bringe daher „unkalkulierbare und unvorhersehbare Risiken“ mit sich.
  • Der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, der als einer der führenden Islamismusexperten weltweit gilt, warnte 2017 vor einer „Balkanisierung Europas entlang religiöser und ethnischer Linien“ im Zuge von Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibender Integration und Assimilation von Muslimen. Der Islam bilde zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere und zunehmend radikalisiere. Jüngere Muslime seien häufig schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern und würden häufiger radikalen Islamvorstellungen anhängen.

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans erklärte 2017, dass der real existierende Islam angesichts der Tendenzen, die den Islam sowie muslimische Bevölkerungen in Europa derzeit prägten, offensichtlich nicht zu Europa gehöre. Diejenigen Strömungen im Islam, deren Präsenz in Europa nicht von problematischen Folgen begleitet sei, seien innerhalb des Islam weitgehend isoliert und würden nur von einer kleinen Minderheit der Muslime unterstützt.

  • Aktuelle Studien belegen außerdem eine zunehmende Abwendung vor allem junger Muslime u.a. in Frankreich und Deutschland von Kultur und Gesellschaft dieser Staaten sowie das Vorhandensein von gewaltlegitimierender Christenfeindlichkeit bei vielen der derzeit nach Europa kommenden irregulären muslimischen Migranten.
  • Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi sprach angesichts von zunehmender Christen- und Judenfeindlichkeit unter Muslimen in Europa davon, dass entsprechende Einstellungen wesenshafte Bestandteile des Islam seien.
  • Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi warnte 2018 vor Islamisierungtendenzen in Europa, die den Fortbestand des Kontinents als „Insel der Freiheit“ in einem sich ausbreitenden islamischen „Ozean der Gewaltherrschaft“ bedrohe. Islamisierung sei in Europa vor allem mit der Ausbreitung eines kulturell niedrigstehenden Unterschichtenislam verbunden, der auch für liberale Muslime eine Bedrohung darstelle. Dies werde unterstützt von „linken europäischen Multikulturalisten“, welche „die europäische Identität ablehnen und deren Verteidigung sogar als Rassismus verfemen.“

Der für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätigen Islamwissenschaftlerin Rita Breuer zufolge sei diese Entwicklung Teil einer allgemeinen „Welle der Reislamisierung der islamischen Welt“. Unter Muslimen nehme weltweit „weit über extremistische Kreise hinaus“ Christenfeindlichkeit zu. Der Soziologe Mouhanad Khorchide warnte 2018, dass die Spannungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Europa noch nie so stark gewesen seien wie in der Gegenwart.

Eine im Auftrag von amerikanischen Nachrichtendiensten erstellte Studie prognostizierte Europa in diesem Zusammenhang eine „dunkle und schwierige Zukunft“. Eine ähnliche Prognose äußerten 2015 auch die Leiter mehrerer deutscher Sicherheitsbehörden in einer ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Stellungnahme.

Quellen

  1. Tilman Nagel: „Die muslimische Einwanderung. Eine politische und intellektuelle Herausforderung“, Tumult, Winter 2018/2019, S. 47-51, hier: S. 51.