Papst Franziskus: Der Dienst des Soldaten als christlicher Dienst am Nächsten

Ferdinand Hodler - Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813 (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In einer kurzen Videobotschaft wandte sich Papst Franziskus gestern an italienische Soldaten, die sich während der Weihnachtstage im Auslandseinsatz befinden. Er dankte den Soldaten für ihre Tapferkeit und betonte, dass ihr Dienst ein Opfer darstelle, das Ausdruck ihrer Nächstenliebe gegenüber ihrem Vaterland sei. Diese Liebe möge die Herzen der Soldaten auf dem Weg des Dienstes wachsen lassen.

Hintergrund: Die katholische Bejahung des Dienstes des Soldaten am Gemeinwohl

Die katholische Kirche bejaht den Dienst des Soldaten, solange dieser ein Dienst am Gemeinwohl ist. Wenn diese Bedingung gegeben ist, sollen Christen schützenden Dienst am Gemeinwesen und seinen Menschen leisten, unabhängig davon, ob es sich um ein christliches Gemeinwesen und bei seinen Bürgern um Christen handelt oder nicht.

Die Lehre der katholischen Kirche betrachtet Sicherheit als einen wesentlichen Aspekt des Gemeinwohls. Frieden bedeutet für die Kirche „die Dauerhaftigkeit und Sicherheit einer gerechten Ordnung“.1 Der hl. Johannes Paul II. bezeichnete Soldaten daher als „Diener und Mitverantwortliche für das höchste Gut der Menschen“ und forderte sie auf, ihren Dienst auf Gott auszurichten. Staaten hätten einen Auftrag zum militärischen Schutz von Gemeinwohl und Gemeinwesen, an dem sich Christen beteiligen sollten:

„Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen […]. Aus analogen Gründen haben die Verantwortungsträger das Recht, diejenigen, die das Gemeinwesen, für das sie verantwortlich sind, angreifen, mit Waffengewalt abzuwehren.“2

Das fünfte Gebot verbietet die Tötung Unschuldiger, aber nicht die Anwendung potenziell tödlicher Gewalt zum Zweck des Schutzes und Verteidigung, die sogar durch die Nächstenliebe geboten sein kann:

„Die Notwehr kann für den, der für das Leben anderer oder für das Wohl seiner Familie oder des Gemeinwesens verantwortlich ist, nicht nur ein Recht, sondern eine schwerwiegende Verpflichtung sein.“3

Wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Regelung erschöpft seien, habe ein Gemeinwesen das Recht, sich militärisch zu verteidigen.4 Voraussetzung dafür sei es im Sinne der Lehre des gerechten Krieges auch, dass der dadurch abzuwendende Schaden schwerwiegend und von Dauer sei und alle anderen Mittel um ihn abzuwenden sich als undurchführbar oder wirkungslos erwiesen hätten. Die zur Verteidigung ergriffenen Maßnahmen müssten zudem ernsthafte Aussichten auf Erfolg haben und dürften nicht mit Schäden verbunden sein, die schlimmer wären als das zu beseitigende Übel.5

Unter diesen Bedingungen könne der Dienst des Soldaten ein guter Dienst sein:

„Diejenigen, die sich als Militärangehörige in den Dienst ihres Vaterlandes stellen, verteidigen die Sicherheit und Freiheit der Völker. Wenn sie ihre Aufgabe richtig erfüllen, tragen sie zum Gemeinwohl der Nation und zur Erhaltung des Friedens bei.“6

Leo XIII. schrieb 1890, dass das Naturrecht den Menschen prinzipiell zur Verteidigung seiner Heimat auch unter Einsatz seines Lebens verpflichte.7 Den Nächsten zu lieben wie sich selbst erfordert es, ihn individuell und kollektiv auch unter Einsatz seines eigenen Lebens gegen Angriffe zu schützen, so wie man sich auch selbst gegen solche Angriffe verteidigen muss. Wer Unrecht gegenüber dem Nächsten durch schützenden Kampf verhindern könnte und dies unterlässt, verweigert dadurch die gebotene Nächstenliebe.

Der katholischen Soziallehre ist dabei jegliche Verherrlichung des Krieges fremd. Der katholische Schriftsteller J. R. R. Tolkien brachte die katholische Sichtweise auf den Krieg so zum Ausdruck:

„Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der uns alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen.“8

Das Volk Israel musste viele Kriege führen, um zu überleben. Im alttestamentarischen Verständnis ist Gott im Krieg präsent und Militär und Kriegführung sind in der Sphäre des Heiligen angesiedelt. Gott gab seinem Volk eine detaillierte Kriegsordnung9 und viele Texte des Alten Testaments beschreiben Gott als heldenhaften Krieger oder als Feldherrn, der in den Kampf eingreift.10 Er berief Männer in den Dienst als Soldat, damit sein Volk in Sicherheit leben konnte11. Wo Männer schützenden Dienst am Gemeinwesen im Gehorsam gegenüber Gott leisten, können die Geschützten dankbar sagen: „Wir haben eine starke Stadt. Zum Heil setzt er Mauern und Wall.“12

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb in diesem Zusammenhang über das zeitlos gültige Recht der Völker auf militärische Selbstverteidigung:

„Seit Christus den Zaun niedergerissen hat, der den Baum Gottes in seinen jungen Jahren vor Verbiss schützen sollte, ist es keinem Volk mehr erlaubt, seine Sache a priori für die Sache Gottes zu halten. Aber jedes Volk hat das dieses Recht, wenn es in seiner Freiheit und Existenz bedroht wird. Jeanne d’Arc wusste: Solange die Engländer in Frankreich regieren, ist die Sache des Königs von Frankreich die Sache Gottes, weil es die Sache der Gerechtigkeit ist. Und ein Volk, das sich von Fremdherrschaft oder von der Bedrohung durch sie befreit hat, darf auch heute das Te Deum oder den neunten Psalm singen: ‚Meine Feinde sind rückwärts gewichen, nieder sind sie gestürzt, vor Deinem Antlitz zunichte geworden.'“13

Das Neue Testament bejaht den Dienst des am Gemeinwohl stehenden Soldaten ebenso wie das Alte Testament. Johannes der Täufer sagte einer Gruppe von Soldaten, die ihn fragten was sie tun sollen: „Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold!“14 Er rief sie nicht dazu auf, ihren Dienst einzustellen, sondern ihn zu heiligen.

Der Apostel Paulus sagte über die im Dienst Gottes stehende weltliche Ordnung, dass diese das Schwert nicht ohne Grund trage:

„Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.“15

Christen dienten in der Frühzeit der Religion selbst nicht in den Streitkräften des Römischen Reiches. Der Grund dafür war, dass diese einen Eid auf den sich als Gott verstehenden Kaiser forderten, was für Christen eine Gehorsamsverweigerung gegenüber Gott bedeutet hätte. Dies änderte sich mit dem Wandel des Selbstverständnisses des Kaisertums und des Römischen Reiches im Zuge seiner Christianisierung. Christen übernahmen ab diesem Zeitpunkt die Aufgabe der Verteidigung dieses Reiches.

Der hl. Ambrosius, einer der Kirchenlehrer, schrieb um 386:

„Die Stärke, welche im Kriege das Vaterland vor den Barbaren schützt oder zu Hause schwache Freunde vor Räubern, ist vollgültige Gerechtigkeit.“16

Augustinus entwickelte unter dem Eindruck des einsetzenden Zusammenbruchs des Römischen Reiches nach dem Beginn der Völkerwanderung und der Eroberung Roms durch die Westgoten seine Lehre des gerechten Krieges, die er 426 veröffentlichte. Ein gerechter Krieg solle größere Übel verhindern und mit dem Ziel der Wiederherstellung des Friedens geführt werden, falls dazu keine anderen aussichtsreichen Mittel mehr vorhanden seien.

Der Thomas von Aquin entwickelte diesen Ansatz weiter. Er beschrieb außerdem um 1270 die religiösen Grundlagen militärischer christlicher Orden und unterstrich damit, dass die Verteidigung von Gemeinwohl und Gemeinwesen eine christliche Berufung sein kann. Laut dem hl. Thomas stehe „nichts steht dem entgegen, daß ein Orden zum Zwecke habe den Kriegsdienst“, solange dieser „dem Beistande des Nächsten“ und „dem ganzen Gemeinwesen“ diene. Ein solcher Orden dürfe „nichts Weltliches erreichen wollen“, sondern müsse „die öffentliche Gottesverehrung, das Wohl des Vaterlandes, die Armen und Bedrückten verteidigen“.17

Auf diesen Gedanken beruht das christliche Rittertum, dessen schützender Dienst als notwendiger Teil der von Gott gewollten Ordnung galt18 und dessen Vorstellungen das militärische Ethos westlicher Gesellschaften bis heute prägen.

Quellen

  1. KKK 1909
  2. KKK 2266
  3. KKK 2265
  4. KKK 2308
  5. KKK 2309
  6. KKK 2310
  7. Sapientiae christianae 5
  8. J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Die zwei Türme. Klett-Cotta, Stuttgart 1997.
  9. 5 Mose 20
  10. z.B. Ex 15,3; Ps 24,8; Jes 13,4; Jes 42,13
  11. Ezechiel 38,7-9
  12. Jes 26,1
  13. Robert Spaemann: Meditationen eines Christen. Über die Psalmen 1-51, Stuttgart 2014
  14. Lk 3,14
  15. Röm 13,1
  16. Zit. nach Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, Q. 188, Art. 3.
  17. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, Q. 188, Art. 3.
  18. Richard W. Kaeuper: Holy Warriors. The Religious Ideology of Chivalry, Philadelphia 2009, S. 137 f.