Michael Nazir-Ali: Christentum und nationale Identität

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britisch-pakistanische Theologe Michael Nazir-Ali ist Leiter des Oxford Centre for Training, Research, Advocacy and Dialogue und war bis 2009 anglikanischer Bischof von Rochester sowie Mitglied des britischen House of Lords. In einem kürzlich erschienenen Beitrag beschrieb er im Zusammenhang mit den zunehmenden Identitätsdebatten in Europa das christliche Verständnis von nationaler und europäischer Identität.

Dass die Frage nach der nationalen Identität zunehmend gestellt werde, sei eine Folge der zunehmenden Herausforderung europäischer Gesellschaften durch Massenzuwanderung und die Auflösung nationaler Souveränität. Diese Frage für irrelevant oder illegitim zu erklären, beseitige nicht ihre Ursachen. Ethnische und kulturelle Vielfalt könne destruktive Folgen für ein Gemeinwesen haben, wenn es nicht über ein geistiges Zentrum verfüge, das diese Vielfalt ordne. Gleichzeitig gebe es unzureichende Antworten auf die Identitätsfrage, die nationale Identität ausschließlich als ein Produkt der Abstammung betrachteten oder sie an abstrakten Werten festmachen wollten.

  • Tatsächlich stelle das Christentum den Kern der nationalen Identität der Völker und Kulturen Europas sowie den Kern europäischer Identität dar. Es habe das Welt- und Menschenbild dieser Kulturen geprägt und den Großteil ihrer Werke inspiriert.
  • Im Fall Großbritanniens habe König Alfred der Große im neunten Jahrhundert die nationale Identität des Landes begründet, indem er aus verschiedenen Stämmen und Gruppen auf christlicher Grundlage eine Einheit geformt habe.
  • Auch wer nicht Christ sei, bewege sich in den Nationen Europas in einem geistigen und kulturellen Rahmen, den das Christentum geschaffen habe. Es gebe daher keine sinnvolle Antwort auf die Identitätsfrage ohne Bezug auf das Christentum.

Säkulare Ideologien könnten hingegen keine tragfähige Grundlage für nationale Identität bilden. Ihr Identitätsverständnis beschränke sich entweder auf den Faktor Abstammung oder auf abstrakte Werte, die diese Ideologien nicht begründen und nicht aufrechterhalten könnten. Ohne christlichen Bezug würden diese Werte in der Regel auf eine destruktive Weise mutieren. Aus der christlichen Menschenwürde und diesbezüglichen Gleichwertigkeit aller Menschen hätten säkulare Ideologien etwa einen destruktiven Egalitarismus gemacht, der alle Kulturen und Lebensstile unabhängig von ihrem Inhalt als gleichwertig betrachte, was zur gegenwärtigen Krise Europas beigetragen habe. Außerdem fehle einer Nation und einer Kultur ohne transzendente und absolute religiöse Identitätsgrundlage ein Maßstab, mit dem sie Fehlentwicklungen erkennen und korrigieren könne.

In der gegenwärtigen Lage komme es daher darauf, die christliche Identität Europas wieder zu entdecken und zu erneuern. Diese habe die im Gegensatz zu säkularen Alternativen außerdem den Vorteil, dass sie sich in schwierigen Zeiten bereits mehrfach bewährt hat. Nur auf ihrer Grundlage könnten die Nationen Europas die Krisen bewältigen, die ihnen bevorstünden.