Mark Lilla: Europas verborgene christliche Erneuerungsbewegung

Eugène Thirion - Die heilige Johanna (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Mark Lilla lehrt an der Columbia University in New York und wurde vor allem durch seine kritische Auseinandersetzung mit postmodernen Ideologien bekannt. In einem aktuellen Aufsatz beschreibt er die in Westeuropa entstehende, derzeit überwiegend noch im Verborgenen wirkende konservative christliche Erneuerungsbewegung.

Auch wo diese Bewegung offen in Erscheinung trete, werde sie kaum wahrgenommen, weil sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf rechtspopulistische Bewegungen konzentriere. Dabei sei eine gewisse geistige Trägheit zu beobachten. Die Linke, der sich auch Lilla zurechnet, habe die schlechte Angewohnheit, ihre weltanschaulichen Gegner und deren Gedanken nicht ernst zu nehmen und diese als bloßen Ausdruck rückständiger Einstellungen abzutun. Dies führe dazu, dass die Linke die entstehende christlich-konservative Erneuerungsbewegung weder erkennen noch verstehen könne. Während Rechtspopulismus in Europa sich vor allem über die Ablehnung von Migration definiere, verfüge diese über eine umfassende politische und kulturelle Vision für Europa und spreche wichtige Fragen an. Es könne ihr langfristig gelingen, Antworten auf die Herausforderungen der sich in Auflösung befindlichen Gesellschaften Europas zu finden und zu einer relevanten Kraft zu werden.

Organisation

Diese Bewegung, die in Frankreich als „nouveaux conservateurs“ bezeichnet werde, formiere sich derzeit, baue Strukturen auf, entwickele politische und kulturelle Ideen und Konzepte und bilde nationenübergreifende Netzwerke. Geographische Schwerpunkte seien Frankreich, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland und Italien. Es handele sich aktuell eher noch um ein „Ökosystem“ lose verbundener Akteure, die noch keine größeren Organisationen geschaffen hätten. Die beteiligten Personen seien vor allem jüngere konservative katholische Denker, aber auch einige vorwiegend evangelikale Protestanten.

Strategie

Lilla geht davon aus, dass sich diese Bewegung mittelfristig auf die Ausformulierung weltanschaulicher Alternativen sowie den Aufbau allgemeiner Strukturen und den Aufbau einer Gegenkultur konzentrieren werde. Man verfolge eine Strategie der inneren geistig-kulturellen bzw. religiösen Erneuerung Europas und wolle die Voraussetzungen dafür schaffen, den von den zunehmenden Verfalls- und Auflösungserscheinungen moderner und postmoderner Gesellschaften enttäuschten Menschen zunächst kulturelle und später auch politische Alternativen zur Verfügung stellen zu können. In Frankreich sei diese Bewegung jedoch bereits jetzt schon auf dem Gebiet der Politik aktiv.

Weltanschauung

Die Bewegung sei von einem traditionellen christlichen Konservatismus geprägt, der sich vor allem auf die katholische Soziallehre und das Naturrecht stütze. Entsprechende Inhalte würden in einer säkularen politischen Sprache vermittelt.

  • Das Ziel dieser Bewegung sei die Erneuerung Europas durch Erneuerung von sozialen Bindungen, insbesondere der Bindungen an Religion, Familie und Nation, die durch das Wirken des von Lilla als „neoliberaler Kosmopolitismus“ bezeichneten Komplexes linker und liberaler politischer Ideologien beschädigt worden seien. Diese Ideologien und ihr Streben nach Entgrenzung, Flexibilität in allen Bereichen und Aspekten des Lebens sowie nach Auflösung von Bindungen würden dementsprechend abgelehnt.
  • Europa werde als christlicher Kulturraum wahrgenommen, der eine aus einzelnen Nationen und Kulturen bestehende Einheit bilde. Die Vorstellung, dass Europa nur einen einheitlichen Wirtschafts- und Währungsraum darstelle, werde hingegen abgelehnt.
  • Auch die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit würden eine wichtige Rolle spielen. Der Gedanke der Nachhaltigkeit werde dabei auf alle Bereiche der Gesellschaft bezogen, vor allem auch auf die Kultur, die intakt an künftige Generationen übergeben werden solle.
  • Darüber hinaus werde das christliche Menschenbild betont, das von differenzierten und komplementären natürlichen Geschlechterrollen ausgehe und den Menschen als gemeinschaftsbezogenes Wesen wahrnehme und nicht in erster Linie als autonomes Individuum, das vorwiegend Träger von Ansprüchen gegenüber anderen Menschen sei. In diesem Zusammenhang bilde sich derzeit auch eine christliche Frauenbewegung heraus, welche die Mutterschaft positiv bewerte und dem Linksfeminismus vorwerfe, Frauen vor allem als Humankapital bzw. Verfügungsmasse für den Arbeitsmarkt zu betrachten.

Wirkung

Es sei dieser Bewegung bereits 2012 in Frankreich gelungen, mehrere hunderttausend Menschen im Rahmen der „La Manif Pour Tous“ für den Schutz von Ehe und Familie zu mobilisieren. Die Bewegung habe sich hier vor allem auf konservative katholische Laiennetzwerke gestützt und überwiegend junge Menschen angesprochen.

Diese Bewegung habe außerdem 2017 konservative Katholiken als Wählerblock für die Unterstützung des Präsidentschaftskandidaten François Fillon mobilisieren können, der christlich-konservative Positionen vertrat und reale Chancen gehabt habe, Präsident zu werden. Diese Beispiele zeigten, dass es ein Fehler sei, die Kraft der noch vorhandenen christlichen Milieus in Europa zu unterschätzen. Im Zuge der Säkularisierung hätten sich liberale Christen zunehmend in die sie umgebende Gesellschaft assimiliert. In Ländern wie Frankreich seien die verbliebenen Christen häufig politisch konservativ und würden über starke religiöse Bindungen verfügen. Dies sei auch in Osteuropa der Fall. Für die Zukunft sei in Europa eine noch stärkere Verbindung von christlicher Identität und politischem Konservatismus zu erwarten.

Hintergrund

Die von Lilla beschriebenen Gedanken und Ansätze finden sich auch in der „Pariser Erklärung“, in der 2017 eine Gruppe christlich-konservativer Denker aus ganz Europa die gegenwärtige geistige und kulturelle Lage Europas analysierte und zu einer Erneuerung Europas im Geist des Christentums aufrief. Außerdem ähnelt die „Benedikt-Option“ des Autors Rod Dreher, in der dieser eine Strategie für christliches Leben in postchristlichen Gesellschaften beschreibt, manchen der von Lilla vorgestellten Konzepte.

Der Schriftsteller Michel Houellebecq hatte im November 2017 die von katholischen Akteuren ausgehenden Ansätze kultureller Erneuerung in Frankreich beschrieben. Die Hinwendung vieler Franzosen zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln sei „einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte“:

„Es gibt eine bemerkenswerte Wiederkehr des Katholizismus in Frankreich. Es ist ein Phänomen, das ich fühle, ohne es wirklich zu verstehen, und es ist weniger reaktionär, als vielfach behauptet wird. […] Die Demonstrationen gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare haben die Politik durch ihre Massenmobilisierung überrascht. Niemand hätte derlei für möglich gehalten. Die Katholiken in Frankreich sind sich ihrer Stärke so wieder bewusst geworden. Das war wie eine unterirdische Strömung, die plötzlich zutage trat. Für mich einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte.“

Der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli beobachtete Anfang 2018 ähnlich wie Lilla und Houellebecq in westlichen Gesellschaften das Entstehen einer von ihm als „neo-traditionalistisch“ beschriebenen vorwiegend katholischen Bewegung. Diese stelle eine Antwort auf krisenhafte Entwicklungen in diesen Gesellschaften dar.

  • Neo-Traditionalisten würden die Verfallserscheinungen in Kirche und Gesellschaft seit den 1960er Jahren mit Sorge betrachten und eine post-liberale Theologie und Weltanschauung vertreten und für eine offensive Auseinandersetzung mit geistig-kulturellen Verfallserscheinungen sowie islambezogenen Herausforderungen eintreten. Dieser Ansatz werde auch von konservativen Strömungen in der evangelischen Kirche geteilt, weshalb es hier eine Annäherung zwischen den Konfessionen gebe.
  • Diese Strömung identifiziere sich zudem auf eine betont selbstbewusste Weise mit der europäischen Tradition des Christentums und weise die von ihr als „globalistisch“ bezeichnete neoliberal-progressive Ideologie, die Europa derzeit noch präge, zurück.
  • Theologisch würde diese Strömung sich vor allem auf den hl. Johannes Paul II. und auf Benedikt XIV. beziehen. Außerdem gebe es in ihr eine betont spirituelle Richtung, welche die Wiederentdeckung traditioneller Liturgie, Glaubenspraxis und Ästhetik zum Schwerpunkt habe.

Neo-Traditionalisten wollten die Kirche und das Christentum bewahren, seien aber nicht konservativ, weil diese Bewahrung aus ihrer Sicht umfassende Korrekturen des gegenwärtigen Kurses der Kirche erfordern würden. Diese Strömung werde auch deshalb stärker, weil sie vor allem jüngere Menschen anziehe und sich ihr auch Konvertiten anschließen würden, während die Vertreter liberaler und progressiver Strömungen aufgrund von Überalterung zunehmend aus dem aktiven Leben ausschieden.