Das Gedenkjahr 2018: Ein Rückblick aus der Sicht des katholischen Geschichtsverständnisses

Thomas Cole - The Course of Empire - Desolation (gemeinfrei)

Der einhundertste Jahrestag der historischen Umbrüche des Jahres 1918 sowie andere Jahrestage waren im nun zu Ende gehenden Jahr europaweit Anlass für öffentliches Gedenken sowie für Versuche, Lehren aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Aus der Perspektive des katholischen Geschichtsverständnisses betrachtet war der allgemeine Blick auf das historische Geschehen dabei jedoch meist verengt, weshalb auch die daraus gezogenen Lehren unvollständig blieben.

Das Gedenkjahr 2018 in Deutschland

Mehrere historische Ereignisse, die sich 2018 jährten, spielten in den Teilen des Koalitionsvertrags der neuen Bundesregierung, die geschichtspolitische Fragen behandelten, keine besondere Rolle. In einem Kapitel des Koalitionsvertrages mit der Überschrift „Ohne Erinnerung keine Zukunft“ wurden die Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur sowie der deutschen Kolonialgeschichte und auch positive Momente der deutschen Demokratiegeschichte erwähnt. Der Kampf gegen den Antisemitismus wurde im Vertrag ebenfalls festgehalten.

Kein Erinnern war hingegen an das Jahr 1918 und an das Ende des preußischen Deutschen Reiches vorgesehen, ebenso wenig wie eine Aufarbeitung oder gar Verurteilung des Kommunismus anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx oder der neomarxistischen 68er-Bewegung, die 2018 50 Jahre alt geworden ist. Außerdem wurde der Anfang des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618 nicht erwähnt.

Von Goethe stammt dieses Wort, mit dem dieser verengte geschichtspolitische Ansatz kommentiert werden kann: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Einem Katholiken stellt sich bei der Betrachtung der geschichtlichen Entwicklungen mit dem hl. Don Bosco die Frage: „Was wiegt vor dem Ewigen?“. Katholiken glauben, dass Gott in der Menschheitsgeschichte wirksam ist, auch wenn sich die Menschen immer mehr von Ihm abzukehren scheinen. Die Geschichte unterliegt einem Heilsplan und hat somit einen Sinn, der dem Menschen jedoch oft verhüllt bleibt.

Der Erste Weltkrieg: Europas Urkatastrophe

Das Jahr 1918 markierte für Europa und die ganze Welt eine politische Zeitenwende, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kam es zum Zusammenbruch der Monarchien in Österreich und Deutschland und somit zu einem Kappen der Wurzeln, die bis in die römische Antike zurückreichen, denn die katholischen Habsburger verstanden sich als Erben des Heiligen Römischen Reiches. Das Lebensverständnis und -gefühl in diesem Reich und seiner Epoche beschrieb der katholische Denker Erik Kuehnelt-Leddihn folgendermaßen:

„Da war Gott-Vater im Himmel, der Heilige Vater in Rom, der Monarch als ‚Vater des Vaterlands‘ und der Vater als ‚König‘ in der Familie. Man sah hinauf und hinunter mit liebender Treue oder verantwortlicher Liebe.1

Es sei in diesem Zusammenhang an das spezifische Herrscherverständnis der Habsburger, die Pietas Austriaca, erinnert. Diese Tugend des österreichischen Herrscherhauses drückt den Willen des Herrschers aus, die Handlungen seiner politischen Tätigkeit auf Gott auszurichten und sein ganzes öffentliches Tun zu einer Verehrung Gottes zu machen. Sie gründet auf der Glaubensüberzeugung, dass alle Macht und politische Autorität von Gott kommt und von Ihm abhängig ist. Konkret bedeutet dies nicht nur die Sakralisierung des Staates, sondern für den Monarchen die Unterordnung unter den Willen Gottes. Dieses Herrscherverständnis der Habsburger war getragen von Sendungsbewusstsein und der Teilnahme des Herrschers am Heilsgeschehen, das heißt an den großen Auseinandersetzungen der streitenden Kirche auf Erden.2

Doch durch die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 in Sarajewo brach der Erste Weltkrieg aus und es setzte ein bisher kaum da gewesener Bruch mit der Tradition ein. Es wurden drei christliche Herrscher gestürzt. Dieses Attentat war der Auslöser, jedoch nicht der Grund des Weltkriegs. So wie auch der Zweite Weltkrieg sollte dieser mehrere Väter haben.3 Imperialistische Überheblichkeit war einer der Gründe sowie auch ein Kosmopolitismus, der gegen den Nationalismus Krieg führen musste. Papst Benedikt XV. unternahm alle Anstrengungen, um den Krieg zu verhindern bzw. zu einem Ende zu führen. Entscheidend wirkte sich der Kriegseintritt der USA aus. Er entschied den bekannten Ausgang des Krieges mit allen verheerenden Folgewirkungen.

Das unbewältigte Erbe des Kommunismus und dessen anhaltendes Wirken in der Geschichte Europas

Mit deutscher Unterstützung wurde Lenin im Jahr 1917 nach Russland geschleust und es kam im Zuge des Weltkrieges zur kommunistischen Oktoberrevolution in Russland. Russland sollte, wie die Gottesmutter in Fatima prophezeite, seine Irrtümer über die ganze Welt verbreiten. Mitnichten sind diese Irrtümer des Kommunismus 200 Jahre nach der Geburt seines bedeutenden Urhebers, Karl Marx, ausgestorben. Der Kommunismus hat durch „Verpuppungen und oder Mutationen“4 in der 68er-Bewegung eine neue Wirkmächtigkeit entfaltet und neue egalitäre Ideologien wie den Feminismus oder die Genderideologie in entscheidendem Maße befruchtet.

Während der totalitäre, real existierende Sozialismus im Osten bis zu 100 Millionen Menschenopfer5 forderte, sollte im Westen, insbesondere in Deutschland, ein nicht minder totalitärer Neomarxismus das Bewusstsein der Menschen verändern und zu einem Kulturbruch führen, wobei im Namen der angestrebten Emanzipation des Menschen die massenhafte Tötung ungeborener Kinder im Mutterleib propagiert wurde. Doch was beinhaltet diese Ideologie des Kommunismus, die in diesem Jahr kaum einer Bewältigung würdig zu sein scheint? Sie wurzelt im modernen Denken, das keine überindividuellen Wahrheitsquellen, etwa eine Offenbarungsreligion oder die geschichtliche Erfahrung gelten lässt – außer der Vernunft des autonomen Subjekts oder der Naturwissenschaften.

In der Tradition des Deismus stehend wird dieser „Vernunftglauben“ (etwa in der kommunistischen Theorie des dialektischen Materialismus) mit einer Fortschrittsvorstellung verknüpft. Diese ist eine „Immantisierung des Eschaton“ (Eric Voegelin) und bewirkt ein Verdrängen höherer menschlicher Ziele wie der Tugendhaftigkeit, der Heiligkeit und des Himmels. In jenen Denkvorstellungen findet sich auch eine falsche atheistische und utopische Anthropologie, die den Menschen (mit Jean-Jacques Rousseau) als von Natur aus gut erachtet. Nicht durch die Sünde oder Erbsünde wird der Mensch von sich selbst entfremdet, sondern durch „die Gesellschaft“, einen „Kapitalismus“ oder eine falsche Erziehung – „der Sozialismus bleibt stets die Philosophie der Schuld der anderen.“6

Die Ideale der Französischen Revolution „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ mit ihrem Gottes- und somit Wirklichkeitsbruch finden sich in jener anti-metaphysischen und somit anti-christlichen Ideologie wieder. Für den konservativen Denker Karlheinz Weißmann mündet die Ideologie der 68er in einem heute geltenden Heptalog einer neuen Zivilreligion:

  • Das Einheitsgebot legt fest, dass Abweichen vom uniformen Denken bestraft wird.
  • Das Individualitätsgebot sieht den Menschen emanzipatorisch nur als Atom.
  • Das Gleichheitsgebot wird durch Gleichmacherei durchgesetzt und führt zu einer Mittelmäßigkeit.
  • Das Alteritätsgebot besagt, dass Randgruppen sittlich überlegen sind und führt zu einem Eigenhass.
  • Das Anthropologieverbot verbietet wissenschaftliche Erkenntnisse über den Menschen, der willkürlich neu formbar sein soll.
  • Das Gebot des „selektiven Humanismus“ fordert Intoleranz (gegenüber dem politischen Gegner).
  • Das Modernitätsgebot lässt daran glauben, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.7

Die Einhaltung dieser Gebote löst einen Zerstörungsprozess der Normen und Institutionen der Gesellschaft aus – und somit den Verlust des Bewusstseins für die christlichen Ideale einer Gesellschaft (wie etwa den Dekalog). 8

Der katholische Sinn der Geschichte

Bei offiziellen staatlichen Gedenkbemühungen geht es um Geschichtspolitik und somit auch immer um eine parteiische sowie selektive Interpretation von Geschichte – doch nach welchem Maßstab? In unseren Breiten geht es geschichtspolitisch meistens um „Vergangenheitsbewältigung“, auch wenn man dieses Wort expressis verbis nicht mehr so häufig hört – womit sich die Frage stellt, ob man denn nicht die Vergangenheit, sondern nur die Zukunft bewältigen kann.

Daher stellt sich uns immer auch die Frage nach dem Nutzen und auch Sinn von Geschichte für die Gegenwart und Zukunft. Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Wer die Geschichte nicht kennt, wird das Hier und Jetzt für absolut und wahr halten. Er wird ferner alle, die anderer Auffassung sind, als ewig gestrig bekämpfen, um seine Ideologie durchzusetzen.

Wir sind als Menschen individuell und kollektiv, was wir historisch geworden sind. Doch sind wir dabei das Ergebnis einer rein immanenten Evolution? Papst Pius XI. verneinte in seiner Enzyklika Humani generis diese Frage. Mit dem als Historismus bezeichneten Irrtum meint der Papst jenen, der „nur auf das Geschehen im menschlichen Leben achtet und die Grundlage jeder Wahrheit und jedes allgemein gültigen Gesetzes vernichtet, sowohl für die Philosophie als auch für die christlichen Grundsätze.“10

Wir sollten nie vergessen, dass der Mensch nie gänzlich seiner Gesellschaft und seiner Zeit versklavt ist.11 Die Geschichte ist demnach auch nicht durch den Zeitgeist zu verstehen. Es gibt eine Wahrheit, die einen Anspruch auf Zeitlosigkeit erhebt und die in der Geschichte wie in der Gegenwart zu finden ist. Das menschliche Denken kann immer etwas Ewiges erfassen.

Für den Christen findet die Geschichte ihren Sinn in der Transzendenz, die erst Wirklichkeit erkennen lässt und Quelle einer politischen Ordnung ist, wie sie etwa die Habsburger verstanden. Oder in anderen Worten: Was in der Geschichte bleibt, ist Gott, der König der Welt, wie der Psalmist bekennt.12

Die geschichtliche Entwicklung selbst mag Schwankungen unterworfen sein, sie bleibt jedoch immer offen. Und in dieser Geschichte leben wir als Christen hoffend in der Erwartung der Wiederkunft des Heilands und sollen stets bedenken: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er wiederkommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?” (Lk 18,8) Bis zur Apokalypse, dem Ende der Zeit, gilt es sich im Glauben zu bewähren und Gottes Heilswillen nach Möglichkeit in die Gegenwart zu „übertragen“ – „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6, 33). Und dieses Reich ist eines „der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens“.13.

Der Autor dieses Beitrags, der Politikwissenschaftler Daniel Führing, ist Experte für katholische Soziallehre sowie Herausgeber des WerkesGegen die Krise der Zeit: Konservative Denker im Portrait“.

Quellen

  1. Zit. nach Stephan Baier: Traumatisierender Zusammenbruch. In Mitteleuropa endete 1918 eine Allianz von Thron und Altar. An ihre Stelle traten Orientierungslosigkeit, Kirchenverfolgung und menschenfeindliche Ideologien“, Die Tagespost, Jg. 71, Nr. 22, 30. Mai 2018, S. 2.
  2. Pater Marc Hausmann: „Pietas Austriaca“, In: Gegen den Strom, TFP, Wien, 2007, S. 7.
  3. Vor kurzem veröffentliche der englische Historiker Christopher Clark ein viel beachtetes Werk zur Genese des Krieges mit dem Titel Schlafwandler, wie Europa in den Krieg zog, München 2013
  4. Rafael Hüntelmann:100 Jahre Oktoberrevolution – Die Folgen sind höchst lebendig“, Mitteilungsblatt der FSSPX, November 2017. Es sei hier auch auf die Enzyklika „Divini redemptoris“ über den atheistischen Kommunismus von Papst Pius XI. aus dem Jahre verwiesen.
  5. Courtois, Stéphane; Werth, Nicolas u.a. (Hg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, Bertelsmann, Paris, 1997
  6. Davila, Nicolas: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift, Stuttgart 2009, S. 145
  7. Weißmann, Karlheinz: Kulturbruch ‚68. Die Linke Revolte und ihre Folgen, Berlin, 2017, S. 208-210.
  8. Eine Folgewirkung jener Ideologie ist eine bisher nie dagewesene Infantilisierung. Vgl. Günther, Christian: Infantilismus, Wien 2016
  9. Papst Pius XI.: Humanis generis über einige falsche Ansichten, die die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen, 12. August 1950, Nr. 7. Der Papst meint auch, dass der Historismus die Wahrheit zwar „einigermaßen deuten kann, doch gestaltet er sie notwendigerweise um“[/note].

    Nun kennzeichnet das moderne Denken eben eine falsche Fortschrittsgläubigkeit, wie sie Hegel in seiner Geschichtsphilosophie zum Ausdruck brachte, die Karl Marx übernahm: Die Menschheit soll notwendigerweise auf immer mehr Fortschritt zusteuern. Allerdings ist laut Robert Spaemann „der Singular ‚Fortschritt’ ein reiner Mythos, der geeignet ist, uns alle zu benebeln“.9Spaemann, Robert: Planungsgesetze zur Gentechnik wären unerhörter Totalitarismus, In: Junge Freiheit, 8. Februar 2006.

  10. Vgl. Strauss, Leo: Naturrecht und Geschichte, Vorwort, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1989, S.7
  11. Psalm 66,5: „Laetentur et laudent gentes quoniam iudicas populos in aequitate et gentium quae in terrasunt ductor es sempiternus“
  12. Präfation vom Königtum Christi