Rita Breuer: Islamistische Christenfeindlichkeit als Herausforderung für die Kirche

Eugène Delacroix - Die Fanatiker von Tanger (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Islamwissenschaftlerin Rita Breuer ist beim Bundesamt für Verfassungschutz tätig. In ihrem vor einiger Zeit in überarbeiteter Neuauflage erschienenen Buch „Im Namen Allahs? Christenverfolgung im Islam“ analysiert sie die im Zuge des globalen Erstarkens islamistischer Akteure im islamisch geprägten Kulturraum sowie in Europa verstärkt auftretende Christenfeindlichkeit. In diesem Zusammenhang kritisiert sie, dass die katholische Kirche dieser Herausforderung nur unzureichend begegne.

In den vergangenen Jahren habe sich die Lage der Christen sowohl in Südostasien als auch im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika und Subsahara-Afrika deutlich verschlechtert. Insbesondere Salafisten würden eine „existenzielle Bedrohung für Christen“ darstellen.

  • Im Zuge der laufenden „Welle der Reislamisierung der islamischen Welt“würden islamistische Akteure unter Muslimen weltweit zunehmend an Rückhalt gewinnen. Diese Akteure würden Christen verstärkt als Feinde des Islam darstellen und Christenfeindlichkeit dadurch legitimieren.
  • Unter Muslimen nehme außerdem weltweit „weit über extremistische Kreise hinaus“ Christenfeindlichkeit zu, was insgesamt zu „massiven gewalttätigen Übergriffen in einer Vielzahl islamisch geprägter Länder“ führe.
  • Gleichzeitig würden Islamisten zu immer extremeren Mitteln bei der Verfolgung von Christen greifen. Militante Salafisten seien im Nahen Osten sowie in Nigeria zum Beispiel von Diskriminierung und einzelnen Gewaltakten zum Genozid übergegangen.

In den vergangenen Jahren habe es im Bereich der islambezogenen Christenfeindlichkeit ausschließlich negative Entwicklungen gegeben:

„Es sieht nicht gut aus für die Christen in der islamischen Welt. […] Der Einfluss islamistischer Kräfte, denen es gelungen ist, über weite Teile das Denken der Bevölkerung zu prägen, hat weiter zugenommen und dazu geführt, dass die soziale, politische, religiöse und kulturelle Rolle der Christen im Nahen und Mittleren Osten wie auch ihre zahlenmäßige Präsenz deutlich geschwächt wurden.

Die Reislamisierung der letzten Jahre und Jahrzehnte, die sich in einer verstärkten Geltung von Scharia-Normen in Recht und Gesetz, aber auch in der alltäglichen Lebensführung, in der Diskurskultur und in der schroffen Ablehnung alles Unislamischen ausdrückt, hat den Christen ausschließlich Nachteile gebracht. Jedes Mehr an Islam in der Rechtsprechung, in der öffentlichen Meinungsbildung und in der Alltagskultur bedeutet für Christen […] ein Weniger an Rechten und gesellschaftlicher Akzeptanz.“1

Islamistische Tendenzen würden zunehmend auch Muslime in Europa erfassen. Auch die seit 2015 laufende Welle irregulärer Migration habe zu einer Zunahme der Präsenz christenfeindlich eingestellter Muslime in Europa geführt. Es sei in diesem Zusammenhang von einer hohen Dunkelziffer christenfeindlicher Gewalt gegen Konvertiten sowie gegen Christen nichteuropäischer Herkunft in Europa auszugehen.

Breuers Kritik an der katholischen Kirche

Die Autorin kritisiert in diesem Zusammenhang den Umgang der katholischen Kirche mit islambezogener Christenfeindlichkeit:

  • Das fehlende Eintreten für verfolgte Christen werde von Islamisten als Zeichen von Schwäche und als Bestätigung dafür gedeutet, dass europäische Christen „sowieso alle nicht mehr wirklich glauben“. Dies verstärke die vorhandene Verachtung gegenüber Christen und fördere Christenfeindlichkeit.
  • Breuer nimmt an, dass ein Motiv der Kirche in Deutschland für die weitgehende Verweigerung der Unterstützung für verfolgte Christen die durch die tatsächliche Entwicklung widerlegte Annahme sei, dass Islamisten sich durch Beschwichtigung zu einer Abschwächung christenfeindlichen Vorgehens bewegen ließen.
  • Sie habe zudem den Eindruck, dass es Teilen der Kirche mangels gesellschaftlicher Akzeptanz islamkritischer Äußerungen als „peinlich erscheint, sich für Christen einzusetzen“, während andere Teile „einfach zu feige“ seien, „die Missstände zu benennen“.2

Die Autorin kritisiert als konkretes Beispiel Äußerungen des Präsidenten der Hochschule der Jesuiten für Philosophie in München, Michael Bordt, der es als „unverantwortlich“ bezeichnet hatte, bestimmte Terroristen  „Islamisten“ zu nennen, „weil damit der Islam, eine im Kern friedliche Religion, unter Generalverdacht gestellt wird“. Angesichts der Tatsache, dass militante Islamisten „vehement und ausschließlich auf ihre religiöse Motivation verweisen“, bewertet die Autorin diese Position als Ausdruck von Realitätsverweigerung.3

Hintergrund: Kritik am Umgang der Kirchen in Deutschland mit islambezogenen Herausforderungen

Ähnliche Kritik an den Kirchen in Deutschland und Europa hatten christliche Stimmen aus dem Nahen Osten und Subsahara-Afrika vorgebracht:

  • Zu diesen Stimmen gehört z. B. der nigerianische Bischof Matthew Kuka. Auch der ehemalige Leiter der katholischen Wohlfahrtsorganisation Caritas in Ägypten, der Jesuit Henri Boulad, hatte entsprechende Kritik geäußert.
  • Die katholischen Patriarchen des Nahen Ostens hatten kürzlich einen allgemein in Europa kaum beachteten Hilferuf an die Kirche veröffentlicht. In diesem Zusammenhang sprachen sie von einem drohenden Verschwinden des Christentums aus der Region in Folge eines planmäßigen Genozids, dem die Welt tatenlos zusehe.

Auch einige ehemalige Muslime sowie liberale Muslime in Deutschland hatten den Umgang der Kirchen mit islambezogenen Herausforderungen kritisiert:

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi hatte kritisiert, dass sich Christen in Deutschland in der Auseinandersetzung mit islambezogenen Herausforderungen eher einem „Ritual einseitiger Schuldzuweisungen“ unterziehen. Das Ergebnis sei ein „verlogener Dialog“ mit dem Islam. Christen würden diesbezüglich scheinbar weniger ihrem Glauben folgen als der „gesinnungsethisch verordneten Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden“.

Quellen

  1. Rita Breuer: Im Namen Allahs? Christenverfolgung im Islam, Freiburg 2015, S. 181ff.
  2. Rita Breuer: Im Namen Allahs? Christenverfolgung im Islam, Freiburg 2015, S. 177.
  3. Rita Breuer: Im Namen Allahs? Christenverfolgung im Islam, Freiburg 2015, S. 160.