Nikolai Berdjajew: Das heroische Wesen des Christentums

Unbekannter Meister der Schule von Zafra - Der heilige Erzengel Michael (gemeinfrei)

Der Philosoph Nikolai Berdjajew (1874–1948) stand der konservativen katholischen Erneuerungsbewegung seiner Zeit nahe und übte starken geistigen Einfluss auf Teile des christlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus aus. In einer ursprünglich 1931 erschienenen und kürzlich neu unter dem Titel „Im Herzen die Freiheit“ herausgegebenen Schrift beschreibt er das heroische Wesen des Christentums. In Europa habe das Christentum jedoch die Prüfungen nicht bestanden, die mit seinen früheren historischen Erfolgen hier verbunden gewesen sei. Es habe sich in Folge dessen verweltlicht und verbürgerlicht, was die Ursache seiner gegenwärtigen Krise sei.

Das heroische Wesen des Christentums

Das Christentum sei seinem Wesen nach eine heroische Religion, die den Kampf des Menschen gegen das Wirken des Bösen in seiner Seele betone und die Welt als feindselige Umgebung wahrnehme, in der Christen bis zum Ende kämpfen müssten ohne in diesem Leben endgültig siegen zu können. Christus habe in Frage gestellt, ob er überhaupt noch Glauben in der Welt antreffen werde, wenn er zurückkehre:

„Das Christentum ist in dieser Welt von ungeheuren Widerständen der bösen Kräfte umgeben, und es wirkt in einem finsteren Element. Nicht nur das Menschlich-Böse, auch das Übermenschlich-Böse leistet ihm Widerstand. Die Mächte der Hölle erheben sich gegen Christus und seine Kirche. Diese Mächte aber wirken nicht nur außerhalb der Kirche und des Christentums, sondern zugleich auch innerhalb der christlichen Sphäre, und bemühen sich, das Christentum zu entstellen und die Kirche zu verführen. Aber herrschen auch Verwüstung und Öde am heiligen Ort – das Heiligtum bleibt dennoch heilig.“1

In dieser feindlichen Umgebung nehme der Christ mit der Hilfe Gottes den Kampf um seine Seele und die Seelen der Menschen auf. „Härte und Strenge“ praktiziere der Christ dabei nur gegenüber sich selbst und lehne weltlichen Stolz, der sich selbst über andere moralisch erhebt, ab. Der Christ unterwerfe sich höchsten Forderungen, indem er sich dazu entschließe, den „Verführungen dieser Welt heroischen Widerstand leisten“:

„Das Christentum führt unser Leben auf den Weg des größten Widerstandes. Das Leben eines echten Christen ist eine Kreuzigung seiner selbst.“2

Die christliche Religion stelle dabei denen, die Christus nachfolgen, keinerlei weltlichen Gewinn an Macht, Reichtum oder Ansehen in Aussicht, sondern nur Leid und Verfolgung. Das Christentum erkenne als einzige Religion jedoch den Sinn dieses Leides, das den Menschen Christus ähnlicher werden lasse:

„Das Christentum hebt den Menschen empor […]. Das Christentum offenbart dem Menschen das höchste Ziel seiner Existenz, stellt seinen göttlichen Ursprung wieder her und behauptet seine hohe Bestimmung in der Welt.“3

Bürgerlichkeit als antiheroischer Gegensatz zum Christentum

Bürgerlichkeit stelle in erster Linie eine bestimmte Einstellung gegenüber dem Leben dar. Sie sei ein Phänomen herabsteigender Kulturen, in denen materielles Streben an die Stelle des Willens zur Heiligkeit trete.

  • Der Bürger sei „der Verneiner der Ewigkeit und darum wird er sie nicht beerben“. Er sei materialistisch, erkenne nur das Diesseits als wirklich an strebe in erster Linie nach seinem eigenen Vorteil sowie nach Besitz, Macht und Ansehen. Der bürgerliche Typ sei selbstgerecht, aufgeblasen und beschränkt und werde vom Willen getrieben, äußerlich etwas darzustellen, was er innerlich mangels Kraft nicht sein könne.
  • Der Bürger bezeichne sich nur dann als Christ, wenn ihm dies einen Statusgewinn verschaffe, er sich dadurch moralisch über andere Menschen erheben und er unter Berufung darauf seine eigene Tugendhaftigkeit herausstellen könne.
  • Christus sei dem Bürgertum in Form der Pharisäer begegnet, gegenüber denen er mit außergewöhnlich harten Worten erklärte, dass Huren eher ins Himmelreich kämen als sie. Es habe diese Versuchung bzw. den Typus Mensch, den sie hervorbringt, jedoch schon immer gegeben. Im Alten Testament würde in den Darstellungen Babylons sowie in den Büchern der Propheten vor ihr gewarnt.

Bürgerlichkeit könne sowohl in einer konservativen als auch in einer revolutionären Variante auftreten. Beiden sei ihre Neigung zu einem „gnadenlosen Moralismus“ gemeinsam.

Verbürgerlichung als Ursache der Krise des Christentums

Das Christentum sei in der Geschichte häufig durch Verfolgung geprüft worden und habe diese Prüfung meist gut bestanden. Weniger gut bestanden habe es allerdings die Prüfung, die mit seinem historischen Erfolg in Europa verbunden gewesen sei. Es sei hierdurch korrumpiert und in Teilen zu einer verweltlichten bzw. verbürgerlichten „Religion der Macht und des Staates“ geworden.

Der Mensch verfüge über die Fähigkeit, auch die größten und höchsten Dinge zu entstellen, und das verbürgerlichte Christentum sei eine solche Entstellung. Den Wert des christlichen Glaubens müsse man anhand des Lebens der Apostel, Märtyrer und Heiligen bewerten, die er hervorgebracht habe, „nicht aber nach dem großen Haufen der halben Christen und halben Heiden, die alles getan haben, um das Antlitz des Christentums in dieser Welt zu entweihen“4. Das entsprechende Versagen von Christen ermögliche es Gegnern des Christentums, die vor dessen hohen Forderungen an den Menschen fliehen wollten, ihre Flucht durch den Verweis auf Verfehlungen verweltlichter Christen zu rechtfertigen.

Die Erneuerung des Christentums im Zuge der künftigen Verwerfungen

Berdjajews Werk entstand vor dem Hintergrund des Erstarkens totalitärer Ideologien. Er prognostizierte gravierende Verwerfungen voraus, die auch mit neuen Christenverfolgungen verbunden sein würden. Das Christentum werde dadurch jedoch erneuert werden, da es für bürgerliche Typen unter diesen Bedingungen unattraktiv werde:

„Die christliche Welt erfährt eine Krise, die sie bis in ihre tiefsten Grundlagen erschüttert und aufwühlt. Das veräußerlichte, rhetorische und heuchlerische Christentum vermag nicht mehr zu bestehen; seine Zeit ist vorüber. […] Es beginnt die Ära eines aufs Wesen zielenden Realismus, in der sich die fundamentalen Wirklichkeiten des Lebens zu enthüllen beginnen: eine Zeit, in der die menschliche Seele vor das Antlitz des Geheimnisses von Leben und Tod gestellt wird.“5

Langfristig werde es kein Christentum ohne Heroismus geben können, so dass die Religion gerade in der Krise zu ihrem eigentlichen Wesen zurückfinden werde.

Quellen

  1. Nikolai A. Berdiajew: Im Herzen die Freiheit, Bad Schmiedeberg 2018, S. 34.
  2. Ebd., S. 18
  3. Ebd., S. 29.
  4. Ebd., S. 35.
  5. Ebd., S. 49.