Walter Laqueur: Die heraufziehenden Stürme und die letzten Tage von Europa

Willem van de Velde - Mediterrane Brigantine im Sturm (gemeinfrei)

Der am vergangenen Wochenende im Alter von 97 Jahren verstorbene Historiker Walter Laqueur gilt als Begründer der Terrorismusforschung und lehrte unter anderem an der katholischen Georgetown University in den USA. Laqueur hatte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit existenziellen Herausforderungen für Europa auseinandergesetzt und vor gravierenden Verwerfungen gewarnt. Er sprach in diesem Zusammenhang von „heraufziehenden Stürmen“ und den möglicherweise angebrochenen „letzten Tagen von Europa.“

Der für seine pessimistische Grundeinstellung bekannte konservative Denker, der 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland emigriert war, hatte seine Haltung damit begründet, dass optimistische Juden die Lage damals nicht richtig erkannt und den Holocaust daher nicht überlebt hätten. Laqueur setzte sich nicht nur wissenschaftlich mit totalitären und extremistischen Ideologien sowie mit sicherheitspolitischen Herausforderungen auseinander, sondern war im Rahmen seiner Mitarbeit im „Kongress für kulturelle Freiheit“ in den 1950er und 1960er Jahren auch praktisch im Kampf gegen den Kommunismus tätig. 2006 warnte er in seinem Buch „Die letzten Tage von Europa“, dass es angesichts der langfristigen Folgen von Massenzuwanderung und demographischer Entwicklung einerseits sowie kultureller Erschöpfung, Mangel an Willen zur Selbstbehauptung und Realitätsblindheit der Politik andererseits für Europa künftig “ums Überleben” gehen werde:

„Die Lage in Europa könnte sich unter dem Eindruck massiver Einwanderungswellen ungefähr so entwickeln wie in Nordafrika oder im Nahen Osten. Dieses und vielleicht einige andere Szenarien zwischen den Extremen erscheinen gegenwärtig möglich. […]

Europa reproduziere sich nicht mehr selbst, warnten Experten in den späteren 1980er-Jahren. Doch solche Warnungen wurden von den Regierungen nicht ernst genommen; sie bezogen sich ja nur auf langfristige Trends, während die Regierungen in Europa, wie anderswo auch, nur für eine Amtszeit von wenigen Jahren gewählt werden. Auch die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von solchen Prognosen, obwohl keine Spezialkenntnisse in Statistik oder Demografie vonnöten waren, um zu erkennen, dass sich hier wichtige Veränderungen anbahnten. […]

Wie wird das neue Europa aussehen? Die allgemeine Richtung scheint klar zu sein, aber sie erfüllt mein Herz nicht gerade mit Freude.“

Von der Integrierbarkeit der Mehrheit der muslimischen Migranten in Europa auszugehen stelle vor dem Hintergrund der gegenteiligen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte eine „Lebenslüge“ und eine „Illusion“ dar. „Schöne Phantasien“ würden allgemein das Weltbild politischer Entscheidungsträger in Europa prägen.

  • Angesichts von anhaltender Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibender Integration werde Europa in den kommenden Jahrzehnten jedoch von sich ausbreitenden islamischen Enklaven geprägt sein, die ihrer Umgebung überwiegend feindselig gegenüberstehen würden. In diesen Enklaven habe das kulturelle Erbe Europas keine Zukunft.1
  • Wer einen Blick in die Zukunft Europas werfen wolle, solle sich französische Banlieues oder Berlin-Neukölln und die dort herrschenden Bedingungen anschauen. Solche Orte seien von einer ethnisch-religiösen Unterschicht geprägt, die zu einer „classe dangereuse“ für Europa werden könne. Muslime würden auf ihre durch Integrationsverweigerung verursachte Lage zunehmend mit Aggression gegenüber europäischen Gesellschaften reagieren, die sie für ihr Scheitern verantwortlich machten.
  • Solchen Herausforderungen werde zunehmend mit Beschwichtigung begegnet und es sei „heute kaum mehr möglich, offen über die Gefahren zu diskutieren“, die damit verbunden seien.

Europa biete auch darüber hinaus zunehmend ein „Bild des Niedergangs“. Künftige Historiker müssten die Frage beantworten, warum die Entwicklungen, die dazu geführt hätten, ignoriert worden seien. Der Niedergang Europas sei wahrscheinlich irreversibel. Man müsse sich in der gegenwärtigen Lage vor allem die Frage danach stellen, was von seinen Traditionen und Werten noch gerettet werden könne.2

2013 bekräftigte Laqueur seine Warnungen:

„Europa wird nicht unter einem Ascheregen versinken wie Pompeji und Herculaneum, aber Europa befindet sich im Abstieg. Es muss einen schon erschrecken, wenn man sich seine Hilflosigkeit angesichts der heraufziehenden Stürme vorstellt. […]

Der Niedergang ist relativ, er vollzieht sich schleichend. […] Vielleicht wäre ein rasanter Abstieg sogar besser, denn er würde das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Generalüberholung der europäischen Konstruktion schärfen. Krisen schaffen Zusammenhalt, wie der europäische Gründervater Jean Monnet wusste. […]

Aufstieg und Zerfall von Reichen sind Konstanten der Geschichte. Historiker suchen seit der Antike nach Erklärungen dafür. Ist es, wie Oswald Spengler nach dem Ersten Weltkrieg meinte, eine unvermeidliche Konsequenz des Alterungsprozesses – der Wunsch eines alten Menschen nach einem ruhigen und unbehelligten Leben? Hat der materielle Wohlstand eine furchtsame Gesellschaft hervorgebracht, die allen Konflikten ausweichen und sämtliche Warnsignale missachten möchte, durch die sie ihren Hedonismus gestört sieht?“

Laqueur ist neben dem Historiker und Orientalisten Bernard Lewis der zweite in diesem Jahr verstorbene jüdische Denker, der sich in besonderem Maße für den Erhalt des kulturellen Erbes Europas eingesetzt hatte.

Quellen

  1. Walter Laqueur: Die letzten Tage von Europa. Ein Kontinent verändert sein Gesicht, Berlin 2006, S. 221
  2. Walter Laqueur: Die letzten Tage von Europa. Ein Kontinent verändert sein Gesicht, Berlin 2006, S. 241 ff.