Peter Kwasniewski: Anti-maskuline Tendenzen im modernen Katholizismus

Carlo Crivelli - Der heilige Georg tötet den Drachen (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Philosoph Peter Kwasniewski kritisiert in einem aktuellen Aufsatz anti-maskuline Tendenzen im modernen Katholizismus. Diese kämen vor allen in Versuchen zum Ausdruck, das Christentum attraktiver machen zu wollen, indem man seine harten und fordernden Aspekte leugne oder zu verbergen versuche. Diese „Inversion und Perversion“ stelle eine existenzielle Bedrohung für die Kirche in westlichen Gesellschaften dar.

  • Christliches Leben fordere vom Menschen vor allem Opfer sowie einen unbedingten, radikalen und totalen Einsatz. Die unmännliche Haltung von Teilen der Kirche stehe im Widerspruch dazu und lasse das Christentum als unglaubwürdig und irrelevant erscheinen.
  • Dadurch würden vor die besten jungen Männer vom Christentum abgestoßen, die das, was ihnen als nicht fordernd genug erscheine, als wertlos wahrnehmen und zurückweisen würden. Die Angst von Teilen der Kirche vor dem Fordernden, aber auch vor dem Elitären, sei unverständlich und kontraproduktiv.
  • Gute Männer gewinne man nur, indem man ihnen große Aufgaben und Herausforderungen aufzeige. Je größer die Aufgabe, desto größer sei auch die Motivation geeigneter Männer, große Pflichten auf sich zu nehmen. Dies gelte nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch für die Kirche.

Unmännliche Tendenzen im modernen Katholizismus würden beispielhaft sichtbar werden, wenn man Videos miteinander vergleiche, mit denen russisch-orthodoxe und katholische Gemeinschaften Kandidaten für die Priesterausbildung ansprechen wollten.

Anstatt das Christentum immer gefälliger und weicher darzustellen und damit irrelevanter zu machen, solle die Kirche dessen fordernde Härte bejahen und betonen, dass es mit seiner Botschaft nur diejenigen anspreche, die zum totalen Einsatz entschlossen seien.

Hintergrund

Im Johannesevangelium wird betont, dass die viele von denen, welche die Worte Christi gehört hatten, diese als zu hart und zu fordernd wahrgenommen hätten: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“1

Jesus Christus habe darauf mit einer Bekräftigung dieser Worte geantwortet, woraufhin sich zahlreiche Menschen von ihm abgewandt hätten. Der Apostel Paulus hatte später erklärt, dass die Weichen nicht zu den Erben des Reiches Gottes gehören würden.2 Christen seien zum vorbehaltlosen Dienst an Gott und dem Nächsten berufen und dazu tauge nur, wer „standhaft und unerschütterlich“3 sowie „mannhaft“4 sei.

Die Arbeit des Psychologen Jordan B. Peterson stößt gegenwärtig im westlichen Kulturraum auf starke Resonanz, vor allem bei jüngeren Männern. Peterson konfrontiert seine Zuhörer u. a. mit den Ansprüchen, die sich aus der christlichen Botschaft für deren Leben ergeben. Viele Männer in westlichen Gesellschaften würden erkennen, dass man sie täusche, wenn man sie in ihren Schwächen bestätige und ihnen einen nur auf materielle Dinge beschränkten Lebenssinn zu vermitteln versuche. Sie sehnten sich nach großen Aufgaben und seien bereit dazu, sich den unangenehmen Wahrheiten über den Menschen und das Leben zu stellen.

Der katholische Theologe Ulrich Lehner hatte in diesem Zusammenhang Strömungen im Christentum kritisiert, die dessen maskuline sowie harte, ernste und fordernde Inhalte ausblenden und durch die Suche nach angenehmen Gefühlen ersetzen würden. Strömungen dieser Art würden die Kirche in allen westlichen Gesellschaften zunehmend prägen und stellten eine „tödliche Gefahr“ für das Christentum dar, weil sie seinen Kern aushöhlten.

Bischof Charles Joseph Chaput forderte deshalb vor einigen Monaten eine Erneuerung der Tradition männlicher Spiritualität in der katholischen Kirche:

„Männer brauchen Herausforderungen. Männer müssen ihren Wert prüfen und beweisen. Männer fühlen sich dann lebendig, wenn sie sich für eine Sache einsetzen können, die größer ist als ihr eigenes Wohlergeben. Dies ist der Grund dafür, warum junge Männer in den Dienst bei den Marines, den Rangern oder den SEALs eintreten. Sie tun dies nicht obwohl es fordernd ist, sondern eben weil es fordernd ist; weil es weh tut; weil sie die Besten sein wollen und sie sich einen Platz unter Brüdern verdienen wollen die ebenfalls die Besten sind.

Männer schlossen sich den frühen Kapuzinern und Jesuiten nicht an um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie zu verändern; um die Welt zu konvertieren indem sie alles vom Mann forderten was er zu geben hat – seine ganze Energie, seine Liebe, sein Talent und seine Intelligenz – im Dienst an einem Auftrag, der größer und wichtiger ist als das Ego und jedes triebhafte Streben.

Dies ist der Grund dafür, warum das Rittertum […] die Herzen und die Vorstellung von Männern immer noch fesselt. Als Männer liegt es in unserer durch das Wort Gottes bestätigten Natur, drei Aufträge zu erfüllen: Zu versorgen, zu schützen und zu führen – nicht um unserer selbst willen, nicht für unsere leeren Eitelkeiten und Lüste, sondern im Dienst an anderen.“

Der Autor Leon J. Podles hatte 1999 ein im englischsprachigen Raum stark wahrgenommenes Werk mit dem Titel „The Church Impotent: The Feminization of Christianity“ veröffentlicht, in dem er in diesem Zusammenhang Feminisierungstendenzen im europäisch-geprägten Christentum untersuchte.

  • Er stellte in diesem Zusammenhang fest, dass maskuline Spiritualität, die im Christentum traditionell eine große Rolle spielte, vor allem seit dem 19. Jahrhundert sowohl im Katholizismus als auch im Protestantismus in den Hintergrund getreten sei. Maskulinität würde in beiden Konfessionen im europäisch-geprägten Kulturraum mittlerweile häufig eher als ein zu bekämpfendes Problem wahrgenommen.
  • Aspekte maskuliner Spiritualität wie der Ruf zu Dienst und Opfer sowie asketische Elemente oder die Bereitschaft, sich in den Gegensatz zur umgebenden Welt zu stellen, seien im Zuge dieser Entwicklung stellenweise aus dem europäischen Christentum verschwunden. Jesus Christus, der über den größten Teil der Geschichte des Christentums auch in seinen Eigenschaften als Held, siegreicher Kämpfer gegen das Böse und König dargestellt worden sei, wäre in diesem Zusammenhang verbreitet zu einer von femininen, weichen Eigenschaften geprägten Gestalt umgedeutet worden.
  • Studien würden belegen, dass sich in Folge dessen Männer mit dem Grad ihrer Maskulinität vom Christentum abwenden würden.

Diese Entwicklung sei vor allem deshalb ein Problem, weil sie zu einer verzerrten Darstellung des Christentums führe und viele Männer vom Christentum abstoße. In zweiter Linie führe dies dazu, dass der Kirche, der Kultur und dem Gemeinwesen die Männer und der männliche Geist des Dienstes zunehmend fehlen würden, den sie dringend benötigten.

Quellen

  1. Joh 6,60
  2. 1 Kor 6,9-11
  3. 1 Kor 15,58
  4. 1 Kor 15,13