Michel Houellebecq: Der Niedergang und die kommende christliche Erneuerung Europas

Thomas Gray Hart - Netley Abbey, East Window (gemeinfrei)

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist vor allem durch Romane bekannt geworden, in denen er kulturelle Auflösungserscheinungen moderner Gesellschaften beschreibt. In seiner gestern gehaltenen Dankesrede anlässlich der Verleihung des Oswald-Spengler-Preises stellt er den Niedergang Europas auch als Folge seiner Abwendung vom Christentum dar. Historische Vorbilder würden jedoch Anlass zur Hoffnung geben, dass auf dem Höhepunkt der Krise die Möglichkeit einer religiösen Erneuerung Europas aus dem Geist des Christentums bestehen werde.

Houllebecq zufolge begehe Europa gegenwärtig zusammen mit dem Rest der westlichen Welt einen kulturellen Selbstmord:

„Ich würde sogar sagen, dass der Begriff „Niedergang“ […] noch zu sanft ist. Die westliche Welt in ihrer Gesamtheit bringt sich um, soviel ist sicher, und übrigens werden meine Bücher auf genau dieselbe Weise in der Gesamtheit der westlichen Welt verstanden.“

Houllebecq knüpft zur Erklärung dieses Geschehens an das Denken des Soziologen Auguste Comte an. Dieser habe die Religion als den entscheidenden Faktor zur Erklärung historischer und gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet:

„Um den Gesundheitszustand einer Gesellschaft zu bewerten, bezieht er sich allein auf den Gesundheitszustand der Religion, die diese Gesellschaft begründet und ausmacht.

Was eine Gesellschaft ohne besondere Religion betrifft – was man heute eine laizistische Gesellschaft nennt –, so erscheint diese ihm offensichtlich bestimmt, ein unglückliches und kurzes Leben zu führen. Wenn dieser Standpunkt Auguste Comtes, so simpel und sogar simplistisch er scheinen mag, mich verführt hat, so nicht aufgrund der Finesse seiner Argumentation […]. Es ist, weil ich Gelegenheit hatte, in meinem privaten Leben festzustellen, dass die Religion das Verhalten eines menschlichen Wesens verändern konnte – und dass es tatsächlich die einzige Sache war, die dazu fähig war, abgesehen von der Liebe.“

Sowohl religiös als auch demographisch betrachtet befände sich die gesamte westliche Welt gegenwärtig „in einem sehr fortgeschrittenen Zustand des Niedergangs.“ Die Geschichte, etwa Entwicklungen innerhalb des Islam in den vergangenen Jahrzehnten, würden jedoch zeigen, dass kulturelle und gesellschaftliche Krisen mit einem raschen und unerwarteten Erstarken religiöser Erneuerungsbewegungen verbunden sein könnten.

Noch vor wenigen Jahrzehnten sei auch der islamische Kulturraum von Säkularisierung und kultureller Auflösung geprägt gewesen. Der „Islam schien wie ein archaischer Atavismus, verdammt dazu, sehr schnell zu verschwinden“, was bekanntermaßen aber nicht geschehen sei:

„Wer kann allen Ernstes behaupten: ‚Was mit dem Islam geschehen ist, kann keinesfalls mit dem Christentum geschehen?‘ Bescheidenheit scheint mir in solchen Fragen unumgänglich.

Ein echter Katholik würde […] sagen: ‚Gott wird vorsehen. Die Mediokrität des gegenwärtigen Papstes hat keinerlei Bedeutung. Im letzten Moment wird Gott Heilige für uns hervorbringen.‘

Ein optimistischer Katholik würde hinzufügen, dass er vielleicht schon in der gegenwärtigen Stunde ganz diskret welche hervorbringt.“

Die Weltgeschichte entfalte sich nicht nach den Regeln der Vernunft, sondern sei anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Auch der Mensch reagiere auf historische Krisen nicht nur mit rational begründetem Pessimismus, sondern vor allem mit trotziger Hoffnung, so „wie man ein letztes Mal die Würfel fallen lässt, wie man eine letzte Karte ausspielt, während man eigentlich überzeugt ist, das Spiel verloren zu haben.“

Hintergrund

In seiner Dankesrede anlässlich der Auszeichnung mit dem Frank-Schirrmacher-Preis hatte Houellebecq 2016 vor einem möglichen Erlöschen Europas in Folge seiner kulturellen und demographischen Schwäche gewarnt. In seinem dystopischen Roman „Unterwerfung“ hatte er zuvor ein satirisch zugespitztes Szenario der Islamisierung Frankreichs beschrieben.

Im November 2017 hatte Houellebecq außerdem von katholischen Akteuren ausgehende Ansätze kultureller Erneuerung in Frankreich beschrieben. Die Hinwendung vieler Franzosen zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln sei „einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte“:

„Es gibt eine bemerkenswerte Wiederkehr des Katholizismus in Frankreich. Es ist ein Phänomen, das ich fühle, ohne es wirklich zu verstehen, und es ist weniger reaktionär, als vielfach behauptet wird. […] Die Demonstrationen gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare haben die Politik durch ihre Massenmobilisierung überrascht. Niemand hätte derlei für möglich gehalten. Die Katholiken in Frankreich sind sich ihrer Stärke so wieder bewusst geworden. Das war wie eine unterirdische Strömung, die plötzlich zutage trat. Für mich einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte.“

Die Zeitung „Le Figaro“ hatte in diesem Zusammenhang von einer „stillen Revolution“ unter Frankreichs Katholiken berichtet. Es seien ein Erstarken religiöser Bindungen sowie eine Hinwendung zu theologisch und politisch konservativem bzw. traditionellem Denken und die verstärkte Bereitschaft zu beobachten, für den eigenen Glauben und die eigene Kultur öffentlich einzutreten.

Der Politikwissenschaftler Samuel Gregg hatte darauf hingewiesen, dass die erneute Zuwendung zur christlichen Tradition in Frankreich auch eine Antwort auf die exzessive Anpassung an moderne Ideologien durch Teile der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten sei. Die jüngere Generation von Katholiken würde aufgrund der Erfahrung des Scheiterns dieser Ideologien zunehmend nicht mehr Anpassung an diese anstreben, sondern sei dazu bereit, Widerstand gegen ihr destruktives Wirken zu leisten.