Matthias Heine: Stil und Haltung des abendländischen Konservativen

Caspar David Friedrich - Der Wanderer über dem Nebelmeer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Germanist Matthias Heine setzt sich in einem heute in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienenen Beitrag mit der Haltung und dem Stil des christlich-abendändischen Konservativen auseinander. Während konservative Haltung Selbstkontrolle betone und elitär sei, würden sich moderne linke und rechte Strömungen an der Masse und ihren Leidenschaften orientieren. Eine Neubestimmung des Konservatismus-Begriffs sei notwendig, weil dieser von „Zeitgeist-Boys wie Jens Spahn oder Peter Altmaier“ entstellt worden sei. Heine betont, dass er sich selbst als „reaktionär“ bezeichne, um sich von unauthentischen Konservativen abzugrenzen.

Stil und Haltung des abendländischen Konservativen

„Familie, Gott und Vaterland“ seien die Leitsterne konservativen Denkens. Konservativer Stil und Haltung seien von Gottvertrauen, aber auch von „Affektkontrolle, Demut, Verzicht, ‚Mehr sein als scheinen‘, Abwägung, Pflicht“ geprägt. Der Begriff der „Manneszucht“ beschreibe die Gesamtheit konservativer Eigenschaften am besten. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Ernst Jünger seien als Vorbilder dieser Haltung hervorzuheben.

Die konservative Haltung gehe auf die altrömischen Tugenden zurück, die für die Eliten Europas bis in die Zeit vor der Französischen Revolution maßgeblich gewesen seien:

„Pietas hieß beispielsweise der Respekt für die gegebene Ordnung in sozialer, politischer und religiöser Hinsicht. Severitas war die Strenge gegen sich selbst. Gravitas meinte Verantwortungsgefühl und Ernst. Prudentia hieß Voraussicht, Weisheit und persönliche Diskretion.“

Der Konservative misstraue zudem der Natur, vor allem seiner eigenen, und strebe nach ihrer Kontrolle. Er habe außerdem Sinn für Distanz und sei elitistisch eingestellt.

Die moderne Orientierung an den Leidenschaften der Masse als Gegenbild zu konservativer Haltung

Man erkenne an der Ästhetik des Gegenübers dessen Wesen häufig besser als an dessen politischen Bekundungen. Das Gegenteil zu konservativer Haltung äußere sich in „Gebrüll, Reklame, Übergeschnapptheit und Selbstüberschätzung“.

Linke und Rechte würden im Gegensatz zum Konservativen das Elitäre und Hochstehende verachten und seien kulturell gleichermaßen von „Entgrenzung und Hemmungslosigkeit“ gekennzeichnet. Hinter ihrer Berufung auf das Volk bzw. die Masse würden sich niedere Instinkte und die Verherrlichung der entfesselten Leidenschaften der Masse verbergen. Linker und rechter Stil würden außerdem die Zurschaustellung von Emotion, das „theatralische Außer-sich-Geraten“ und das Ausleben der „niedrigsten Pöbelinstinkte“ betonen:

„Man lässt heute sofort und ungebremst raus, was einem durch die Rübe und den Unterleib rauscht. Das Gezücht, das auf einer Pegida-Veranstaltung „Absaufen! Absaufen!“ ruft, handelt im Geist des antiautoritären Kinderladens.“

Wer weder die Bibel noch die Gedichte Goethes kenne und seine Kinder nach amerikanischen Schauspielern benenne, solle sich nicht auf das Abendland berufen. Auch das Betonen der eigenen Meinung sei ein Phänomen moderner Unkultur:

„Reaktionäre haben keine Meinungen. Meinungen sind eine Ausgeburt der verfluchten Französischen Revolution. Wenn sich einem doch eine aufdrängt, behält man sie für sich. Wenn es innen kocht, reguliert man die Temperatur runter. Der Einzelne ist egal; also auch, was er denkt. Reaktionär sein ist, als Letzter auf dem Deck der untergehenden „Titanic“ auszuharren und dabei kälter zu bleiben als das steigende Wasser. Ein Reaktionär schreit den Kapitän nicht schon an, bevor überhaupt ein Eisberg in Sicht ist.“

Hintergrund: Die christlich-abendländischen Wurzeln des konservativen Stils

Haltung ist die zum Charakter gewordene Gesamtheit der inneren Eigenschaften eines Menschen. Gute Haltung ist das Ergebnis der Arbeit am eigenen Wesen, das in eine entsprechende Form gebracht wird. Stil ist der äußerliche Ausdruck einer Haltung.

Das christliche Haltungsideal betont vor allem Selbstbeherrschung bzw. die Kontrolle der schlechten Aspekte der Natur des Menschen und Rücksichtnahme gegenüber anderen. Es wurde von Teilen der antiken griechischen Philosophie der Stoa sowie durch das römische Haltungsideal beeinflusst, die in der Antike in die christliche Kultur integriert wurden.

  • Der Philosoph Edmund Burke bezeichnete den „Geist der Religion“ sowie den „Geist des Gentleman“ als die Grundlagen der europäischen Kultur und ihres Verständnisses von Haltung und Stil. Den in den Evangelien mehrfach wiedergegebenen Ausspruch Jesu Christi, er sei nicht gekommen „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“, bezeichnete Asfa-Wossen Asserate als den „Prolog der europäischen Manieren“.
  • Das Ideal des Edelmannes entstand im christlichen Rittertum des Mittelalters. Geoffroi de Charny (ca. 1300-1356) stellte dabei den Begriff der Tauglichkeit in den Mittelpunkt. Das Ideal des christlichen Mannes bzw. des Ritters sei der Edelmann (altfrz. Preudomme), der Tüchtigkeit mit Frömmigkeit vereine. Der christliche Edelmann diene Gott, führe den asketischen Kampf gegen seine ungeordneten Leidenschaften, empfange die Sakramente und sei tapfer, diszipliniert, treu und kompetent.
  • In der christlichen Auseinandersetzung mit diesem Ideal wurde im Mittelalter vor allem auf das biblische Vorbild des Judas Makkabäus verwiesen, der sowohl ein fähiger Soldat als auch ein weiser, frommer und demütiger Mann war.

Papst Pius X. knüpfte an diese Gedanken an, als er 1906 das Ideal „edler Mannhaftigkeit“ betonte. „Mannhafte Tugend“ sei neben Frömmigkeit und anderen Eigenschaften erforderlich, damit der christliche Mann für seinen Dienst am Nächsten tauglich sei.

Das Ideal des Gentleman oder auch des Offiziers in europäischen Streitkräften sind säkularisierte Formen eines christlichen Konzepts. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila betonte, dass das preußische Offizierkorps die einzige „ethische Konstruktion großen Stils“ des 19. Jahrhunderts dargestellt habe.