James H. Toner: Das militärische Ethos als Impuls zur Erneuerung der Kirche

Frank Craig - La Pucelle (gemeinfrei)

James H. Toner lehrte Militärethik an der Führungsakademie der amerikanischen Luftwaffe. In einem aktellen Beitrag beschreibt er das militärische Ethos als einen möglichen Impuls für die Erneuerung der katholischen Kirche. Die gegenwärtige Krise der Kirche ähnele der kulturellen Krise, die das amerikanische Heer im Zuge des Vietnamkriegs durchlaufen habe, und in deren Verlauf dort Disziplin und Moral zusammengebrochen seien.

Die Krise des amerikanischen Heeres nach dem Vietnamkrieg und ihre Überwindung

Das amerikanische Heer habe in den 1960er Jahren aufgrund des kriegsbedingten Personalbedarfs die Standards bei der Offizierauswahl gesenkt, was untaugliche Kandidaten angezogen habe. Außerdem habe man die in Folge dessen während des Vietnamkriegs zu Tage getretenen vielfältigen Disziplinverstöße sowie Korruption geduldet. Dies habe eine kulturelle Abwärtsentwicklung in Gang gesetzt, die innerhalb weniger Jahre zum weitgehenden Zusammenbruch von militärischer Tradition, Disziplin und Moral im Heer geführt habe. Ende der 1970er Jahre sei das amerikanische Heer in Folge dieser Entwicklung nicht mehr dazu in der Lage gewesen, seinen Auftrag zu erfüllen.

  • Dies erinnere Toner an die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche. Die zunehmend sichtbar werdenden Aktivitäten von Missbrauchs-Netzwerken würden darauf hindeuten, dass Teile der Führung der katholischen Kirche auf eine ähnliche Weise korrumpiert seien, wie es das amerikanische Offizierkorps in den 1970er Jahren gewesen sei.
  • Die Krise des amerikanischen Heeres sei jedoch durch eine Reform überwunden worden, die hohe Standards bei der Personalauswahl, insbesondere bei der Auswahl von Offizieren, betont habe. Außerdem habe man das militärische Ethos wieder stärker betont und von Offizieren gefordert, ein Vorbild an Disziplin, Professionalität und Integrität zu sein.
  • Darüber hinaus sei das Ziel aufgegeben worden, dass das Führungspersonal den Querschnitt der Gesellschaft abbilden oder die in ihr vorherrschenden Ansichten teilen solle. Statt dessen habe man die Besonderheit des militärischen Ethos und der soldatischen Berufung sowie deren Unterschied zur zivilen Kultur in den Vordergrund gestellt. Dadurch habe man Offiziernachwuchs gewonnen, der sich mit seiner Berufung identifiziert und mit Freude hohe Standards angestrebt habe.

Auf diese Weise sei innerhalb einiger Jahre ein erneuertes Offizierkorps entstanden, das durch sein Wirken und sein Vorbild schließlich auch das Heer als Ganzes erneuert habe. Auch das auf dem besonderen Dienst des Soldaten beruhende militärische Standesethos sei erfolgreich wieder hergestellt worden, was verstärkt Rekruten angezogen habe, die sich mit diesem Ethos identifizierten.

Entwurf einer Kirchenreform nach militärischem Vorbild

Die katholische Kirche könne von dieser Heeresreform lernen. So wie das amerikanische Heer durch integere Offiziere erneuert worden sei, könne die Kirche durch unter verbesserter Aufsicht ausgewählte und ausgebildete heilige, glaubenstreue und kluge Priester erneuert werden, die sich nicht an den Weltanschauungen und kulturellen Tendenzen der modernen Welt orientierten, sondern an der Lehre der Kirche.

Ebenso müsse die Liturgie wieder hergestellt werden, damit Katholiken wieder lernen könnten was es bedeute, katholisch zu sein. Schulen und Universitäten, die sich katholisch nennen, müssten zudem garantieren, tatsächlich auch katholische Inhalte zu vermitteln. Außerdem könne zur Erhöhung von Standards der Antimodernisteneid in einer aktualisierten Form wieder eingeführt werden. Wenn große Teile der Gesellschaft darauf ablehnend reagieren würden, wäre dies ein gutes Zeichen, denn der Versuch, säkularen Kräften zu gefallen, habe die Kirche in ihre heutige Krise geführt. Die Zukunft der Kirche seien jene, die sich als Soldaten Christi verstehen und für die Kirche kämpfen würden.

Martin Mosebach über erfolgreiche Reformen in der Geschichte der Kirche

Martin Mosebach wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in der Kirche immer auch dekadente Tendenzen gegeben habe. Diese seien immer wieder durch Reformen unter Kontrolle gebracht worden, die eine „Rückkehr zu einer strengeren Ordnung“ sowie „Rückkehr zu religiöser Radikalität“ und „Wiederherstellung verlorengegangener geistlicher Disziplin“ zum Inhalt gehabt hätten.1

Im militärischen Bereich gibt es ähnliche Erfahrungen. Erfolgreiche Reformen sind dort meist das Ergebnis von Niederlagen, die dazu zwingen, die dafür ursächlichen Schwächen in der Führung beginnend abzustellen. Es gibt kein einziges militärhistorisches Beispiel dafür, dass eine Armee nach der Senkung von militärischen Standards ihren Auftrag besser erfüllen konnte.

Quellen

  1. Martin Mosebach: Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom, Augsburg 2012, S. 39 f.