Dušan Dostanić: Das Wesen des christlichen Konservatismus

Alfons Mucha - Die Einführung der slawischen Liturgie (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Dušan Dostanić ist am Institut für politische Studien in Belgrad tätig. In einem im Magazin „Cato“ erschienenen Aufsatz setzt er sich aus einer serbisch-orthodoxen Perspektive heraus mit dem Wesen des christlichen Konservatismus auseinander. Dieser strebe in erster Linie danach, in Übereinstimmung mit der göttlichen Ordnung Dinge zu schaffen, die zu erhalten es sich lohne.1

Das allgemeine Wesen des christlichen Konservatismus

Mit Karl Jaspers gesprochen sei Gott „der einzige feste Punkt“. Der authentische christliche Konservative rücke davon nicht ab, denn „wer Gott vergißt, der vernichtet seine Seele, seine Identität, sich selbst“. Das Christentum als solches sei in seinem bedingungslosen Bezug auf Jesus Christus „gottmenschlich konservativ“ ausgerichtet. Auch die Kirche sei konservativ, weil es ihr Auftrag sei, der heiligen Überlieferung treu zu bleiben und diese zu bewahren und zu erhalten.

  • Der christliche Konservatismus strebe die Verwirklichung des Christentums im gesellschaftlichen Raum durch „Hinordnung des Zeitlichen und Wandelbaren auf das Ewige und Unwandelbare“ an.
  • Dieser Konservatismus gehe dabei von der Annahme aus, dass eine „ewige, göttliche Ordnung“ existiere, die vom Menschen nicht verändert werden kann“.
  • Versuche zur Emanzipation von dieser Ordnung müssten aus christlich-konservativer Sicht grundsätzlich scheitern. Das Christentum habe dem gesamten abendländischen Kulturraum seine geistige Form aufgeprägt. Man könne diese Verbindung nicht auflösen, ohne diese Kulturen dabei zu zerstören.

Die linken und rechten weltanschaulichen Gegner des christlichen Konservatismus

Die Gegner des christlichen Konservatismus seien alle materialistischen Ideologien, die im Grunde säkulare Ersatz- und Gegenreligionen darstellen würden. Atheisten könnten nicht konservativ sein, weil es in ihrem Denken die Möglichkeit einer positiven Bindung an das Transzendente ausgeschlossen sei. Es gebe davon abgesehen jedoch im Konservatismus auch antichristliche Strömungen:

„Manche konservative Denker verwarfen das Christentum generell mit dem Vorwurf, staatsfeindlich, universalistisch und egalitaristisch zu sein […]. Seit Nietzsche gibt es bekanntlich extreme antichristliche Positionen wie etwa die, die christliche ‚Sklavenmoral‘ sei die Ursache des westlichen Niedergangs überhaupt.

Ich halte das für einen Irrweg. Konservative sollten das Christentum verteidigen – nicht einfach aus Sentimentalität, sondern weil die Verleugnung der christlichen Religion und Moral zwangsläufig zu Atheismus, Materialismus, Relativismus und schließlich zu Nihilismus führt. […]

Europäische Erneuerung und wahrer Konservatismus sind nur im Zeichen eines ernstgenommenen Christentums zu erwarten. Wer Dinge schaffen will, die zu erhalten sich lohnt, kann meiner Ansicht nur auf diesen einen geistigen Boden bauen.“

Der wichtigste religiöse Gegner des christlichen Konservatismus sei der Modernismus. Dieser stelle einen im Widerspruch zum konservativen Wesen des Christentums stehenden Versuch dar, Kompromisse mit dem Zeitgeist und säkularen Ideologien auf Kosten der Bindung an die Tradition und letztlich an Gott einzugehen.

Christlicher Konservatismus aus serbisch-orthodoxer Perspektive

Für die orthodoxen Völker sei die Kirche „das Wesen ihrer Identität“, die „eigene Stimme, das Ewige im Wandel der Zeit“ und der „Bewahrer des Gelübdes“. Allein die Kirche habe das Überleben dieser Völker und ihrer christlichen Kulturen während der Zeit der kommunistischen Herrschaft ermöglicht.

Die serbisch-orthodoxe Kirche sei die einzige Institution in Serbien gewesen, welche die Herrschaft des Kommunismus überstanden habe, ohne kompromittiert worden zu sein, weshalb sie glaubwürdig dazu in der Lage sei, Staat und Gesellschaft geistige Orientierung zu geben und sie wieder an ihre religiösen Wurzeln anzubinden.

In der serbisch-orthodoxen Tradition gelte die Verbindung von Christentum und politischem Konservatismus als ebenso selbstverständlich wie die Verbindung von Nationalstaat und Nationalkirche. Religiöse und gesellschaftliche Erneuerung der Gesellschaft würden als einander bedingende Ziele betrachtet:

„Wenn jedes Volk eine Stimme Gottes und jede Kultur ‚ein Lied an Gott‘ ist, so der serbische Philosoph Božidar Knežević (1862-1905), dann wird die Erhaltung dieser Eigentümlichkeit zur metaphysischen Aufgabe eines jeden Volkes. Um ihre eigene Stimme zu erhalten und auf diese Weise Gott treu zu bleiben muß die Nation zu dem zurückkehren, wovon sie so lange als Gemeinschaft beschützt wurde und was ihr die Kraft gab, sich zu erhalten. Diese Tradition soll auch in Zukunft ein sicherer Wegweiser sein. Doch Tradition allein genügt nicht. Es geht um die Überlieferung, die von den ewigen, überzeitlichen, nichtweltlichen, heiligen Geschehnissen und Gestalten spricht.“

Das Konzept des „Svetosavlje“ und die organische Verbindung von Christentum und Kultur

Der christliche Konservatismus in Serbien gehe vom Konzept des „Svetosavlje“ aus, das als Antwort auf die Herausforderung durch moderne materialistische Ideologien formuliert wurde. Dieses Konzept beruhe auf der Orientierung am serbisch-orthodoxen Heiligen Sava von Serbien, der die Serben christianisiert und dadurch zu einem Teil des Leibs Christi gemacht habe.

  • Das Svetosavlje sei das orthodoxe Christentum, das sich mit serbischer Lebensart und Erfahrung verbunden habe. Es sei die Konkretisierung des Christentums durch seine Verwirklichung in der vorgefundenen Kultur, die es veredelt habe, bzw. „die fruchtbare Christianisierung der eigentümlichen nationalen Kultur“.
  • Dem serbisch-orthodoxen Theologen Justin Popović zufolge sei dieses Konzept das „Lebensprinzip“ und „die Achse, um die sich unsere Geschichte dreht“ sowie „die Kraft unserer Seele, unserer Geschichte, unseres Volkes, unseres Menschen; es ist die Seele unserer Seele, das Herz unseres Herzens, das Leben unseres Lebens“.
  • Das Svetosavlje umfasse alle lebensstiftenden Kräfte in Volksseele, Kultur und Geschichte und habe alle großen Werke der serbischen Kultur hervorgebracht.

Das Ziel dieser spezifischen Form des christlichen Konservatismus sei das „himmlische Serbien“. Das real existierende Serbien sei allerdings „vom konservativen Wunschbild weit entfernt“.

Bewertung und Hintergrund

Das Konzept des „Svetosavlje“ erinnert in der Beschreibung Dostanićs zum Teil an das Konzept des „geheimen Deutschlands“. Dieses beschreibt die aus christlichem Geist heraus geschaffenen Werke und Ideale deutscher Kultur bzw. das über die Jahrhunderte gewachsene „ewige Deutschland“, das oft im Widerspruch zum zeitlichen Deutschland stand und weiterhin steht. Der Historiker Ernst Kantorowicz beschrieb das „geheime Deutschland“ so:

„Es ist die geheime Gemeinschaft der Dichter und Weisen, der Helden und Heiligen, der Opferer und Opfer, welche Deutschland hervorgebracht hat und die Deutschland sich dargebracht haben […]. Es ist […] ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als ‚Humana civilitas‘ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke […] es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und des ewigen Deutschland.“

Christlich-konservative Ansätze auf katholischer Grundlage ähneln darüber hinaus weitgehend den von Dostanić beschriebenen serbisch-orthodoxen Ansätzen. Eine Ausnahme stellt allerdings die nationalkirchliche Ausrichtung der serbischen Orthodoxie dar.

  • Die katholische Soziallehre, die dem christlichen Konservatismus zugrundeliegt, betont in diesem Zusammenhang, dass das Christentum nationale Besonderheiten nicht einebnen, sondern sie veredeln wolle. Sein Ziel sei es laut Piux XII., „das religiöse Leben auf jede Weise mit dem Brauchtum der Heimat zu verbinden“.2
  • Gleichzeitig wird das Nationale im christlichen Konservatismus katholischer Prägung stets in einem abendländischen Kontext gedacht. In Europa seien die Nationen Romano Guardini zufolge nicht nicht auf sich bezogen entstanden, sondern im Rahmen einer im Christentum wurzelnden abendländischen Einheit. Diese sei durch moderne nationalistische Ideologie zerstört worden. Die Nationen Europas sollten die Nation so denken, „dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe“.3

Martin Mosebach betonte in diesem Zusammenhang, dass nationalkirchliche Tendenzen mit dem Risiko verbunden seien, dass die Kirche unter den Einfluss von Staat und Politik gerate und durch diese instrumentalisiert bzw. von dren Ideologien geistig überformt werde. Ultramontanismus sei „die große antitotalitäre Verweigerung“.4

Quellen

  1. Dušan Dostanić: „Niemals ohne Christus“, Cato, Nr. 6/2018, S. 54-58
  2. Arthur Fridolin Utz/Josef-Fulko Groner (Hg.): Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens. Soziale Summe Pius XII., 3 Bde., Freiburg (Schweiz)  1954-1961, Nr. 4101
  3. Romano Guardini: „Europa – Wirklichkeit und Aufgabe”, in: ders.: Sorge um den Menschen, Band 1, Mainz/Paderborn 1988.
  4. Martin Mosebach: Der Ultramontane, Augsburg 2012, S. 7-9.