Kardinal Marx: Christlicher Patriotismus als Dienst an Europa

Philipp Veit - Germania (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat vor einigen Tagen in Danzig den polnischen Freiheitskampf gegen den Kommunismus gewürdigt. In diesem Zusammenhang betonte er die Bedeutung des Patriotismus für den europäischen Gedanken und rief Christen dazu auf, „im guten Sinn des Wortes Patrioten“ zu sein. Dies sei Teil des christlichen Dienstes in der Welt.

Kardinal Marx äußerte sich auch positiv zur 2017 veröffentlichten Erklärung der polnischen Bischöfe mit dem Titel „Patriotismus in christlicher Gestalt“. Der europäische Gedanke und Patriotismus würden einander nicht ausschließen, sondern einander bedingen:

„Wir alle dürfen und sollen im guten Sinn des Wortes Patrioten sein. Aber wir müssen auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen, um unserer Verantwortung für das gemeinsame Haus gerecht zu werden.“

Christliche Solidarität erfordere zudem die Anerkennung der Verschiedenheit zwischen Kulturen. Der „Respekt gegenüber der Verschiedenheit ist das Ja zum Nächsten“. Diese Solidarität verwirkliche sich in abgestufter Form bzw. im Rahmen von Verantwortungskreisen und beginne im unmittelbaren Umfeld des Menschen. Nationalismus sei abzulehnen, weil er die entfernteren Verantwortungskreise negiere. Die Kirche habe „einen Dienst zu leisten in der Welt“ und könne daher „nicht auf der Seite extremer Nationalismen“ stehen.

Der Freiheitskampf gegen den Kommunismus in den 1980er Jahren sei ein Beispiel dafür, dass es in der Geschichte immer wieder Momente gebe, in denen der Mensch Stellung beziehen und tun müsse, „was der politische Moment der Geschichte von uns fordert.“ Christen dürften sich in Krisenzeiten nicht zurückziehen, sondern müssten handeln. In von zunehmender Auflösung gekennzeichneten Gesellschaften könnten von christlicher Weltanschauung wertvolle Impulse für die Stärkung von Bindungen und innerem Zusammenhalt ausgehen.

Hintergrund

Die Lehre der katholischen Kirche bejaht Patriotismus als Ausdruck der Forderung des Vierten Gebotes, das von Christen verlange, „den Vorfahren Ehre, Liebe und Dank zu erweisen“.

Auf der Grundlage des Solidaritätsprinzips der katholischen Soziallehre hatte der hl. Johannes Paul II. einen christlichen Patriotismus entworfen, der dem Wohl einzelner Menschen, dem Gemeinwohl einzelner Nationen und dem globalen Gemeinwohl gleichermaßen dient. Dieser Patriotismus wirkt sowohl den Extremen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Extremen der nach Auflösung von Nationen und Entgrenzung strebenden neo-marxistischen und neo-liberalen Ideologien entgegen.

Das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre bejaht in diesem Zusammenhang den Nationalstaat als einen auf natürlichen Bindungen beruhenden Rahmen zur Verwirklichung des Gemeinwohls.

Die katholische Soziallehre hat gleichzeitig Nationalismus, der in Europa im Zuge der Französischen Revolution entstand und im 19. Jahrhundert die Züge einer modernen Ersatzreligion annahm, von Beginn an abgelehnt. Die als Antwort auf nationalistische Ideologie formulierte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ betont die Achtung der christlichen Weltanschauung gegenüber natürlichen Bindungen, die weder geleugnet noch aufgelöst, sondern geheiligt werden sollen:

„Gottes Sonne leuchtet über alles, was Menschenantlitz trägt. Sein Gesetz gilt unabhängig von Raum und Zeit, Land und Rasse, es kennt keine Vorrechte und Ausnahmen […]. Unter dem Kuppelbau der vom Erlöser gestifteten einen Kirche ist Platz und Heimat für alle Völker, Nationen und Sprachen, ist Raum für die Entfaltung aller vom Schöpfer in die Einzelnen und die Volksgemeinschaften hineingelegten besonderen Eigenschaften, Anlagen, Vorzüge, Aufgaben und Berufungen.“

Erzbischof Charles Chaput aus Philadelphia (USA) hatte 2017 Christen in westlichen Gesellschaften zu mehr Patriotismus und zum Dienst an den Gemeinwesen aufgerufen, in denen sie leben. Es läge in der Natur des Menschen, an einen Ort und eine Gemeinschaft gebunden zu sein. Die eigenen Wurzeln abzulehnen und keine Liebe gegenüber der eigenen Heimat zu haben sei Ausdruck einer fragwürdigen Einstellung, die nicht zum Dienst an einem Gemeinwesen in der Lage sei.