Kacem El Ghazzali: Antirassismus als postchristliche Ersatzreligion

Pierre-Antoine Demachy - Das Fest des Höchsten Wesens (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der aus Marokko stammende atheistische Publizist Kacem El Ghazzali setzt sich heute in der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit der Ideologie des Antirassismus auseinander. Dieser sei eine „Religion der radikalen Linken“, die auf der Grundlage eines säkularisierten Zerrbildes des christlichen Konzepts der Erbsünde den „weißen Mann“ zum Träger des Bösen in der Welt erkläre. Indem diese Ideologie die großen Werke europäischer Kultur unter Verdacht stelle und bekämpfe, raube sie den Völkern der Welt eine Möglichkeit der Entwicklung und fördere „Tyrannei und Unfreiheit“.

In postchristlichen westlichen Gesellschaften sei die Ideologie des Antirassismus zusammen mit anderen utopischen Ideologien an die Stelle christlicher Weltanschauung getreten. Diese Ideologien würden sich dabei einzelner Versatzstücke christlicher Kultur bedienen:

„Wer Gläubige sucht, findet sie nicht in Gotteshäusern. Aber es gibt sie. Und es sind nicht einmal so wenige. Man begegnet ihnen zum Beispiel in linksalternativen Cafés […]. Es sind säkulare Gläubige […]. Die Erbsünde wird hier auf den „Westen“ oder den „weissen Mann“ projiziert. Sie tragen die Verantwortung für das ganze menschliche Leid und alle Tragödien, die sich auf der Erde abspielen: für den Hunger in Afrika, die Kriege im Nahen Osten, die globale Erwärmung, den Tod von Asylbewerbern und Migranten im Mittelmeerraum.“

Der antirassistische Ideologe und „säkulare Gläubige“ führe einen „nicht heiligen Krieg“, um seine „Erbsünde qua Geburt und privilegierter Herkunft zu sühnen“ und „das Paradies auf Erden zu erreichen“. Grundlage dieses Denkens sei nicht mehr authentische christliche Weltanschauung, sondern deren Zerrbild und eine „schauderhafte Umwertung aller Werte“.

Der Weg in die Hölle sei mit guten Absichten gepflastert. Antirassistische Ideologie „ebnet den Weg zur Tyrannei und Unfreiheit“, weil er die großen Leistungen europäischer Kultur angreife, zu denen auch das Konzept universeller Menschenrechte gehöre. Er nehme dadurch den in den unterentwickelten Gesellschaften der Dritten Welt lebenden Menschen eine Möglichkeit der Entwicklung.

Zudem verbünde sich der Antirassismus mit den Feinden höherer Kultur:

„[I]n der Religion der radikalen Linken ist jeder ein Glaubensbruder, der gegen den Westen agitiert oder gegen ihn kämpft, auch eine radikalislamische Terrorgruppe wie die Hamas, die zu einer „Widerstandsbewegung“ umgelogen wird. Islamisten in Europa, die Muslime für den Jihad rekrutieren, werden damit entschuldigt, ihr Verhalten sei als „Reaktion“ gegen Armut und Ausgrenzung verständlich. Wer ein Feind des Westens ist, darf auf Verständnis zählen.“

Der Westen habe „nicht nur Monster hervorgebracht“, sondern auch geistige Waffen, die helfen würden, „die Monster zu verstehen und zu bekämpfen“. Progressive Ideologien wie der Antirassismus, die dem Westen den Krieg erklärten, würden hingegen  „nur neue Monster“ schaffen, „die schrecklicher sind als die, die sie zu bekämpfen vorgibt. Es sind die Monster, die erscheinen, wenn die Lichter des Westens ausgehen.“

Kritik an El Ghazzalis Verständnis der Aufklärung

Aus christlich-konservativer Perspektive lassen sich einige Einwände gegen El Ghazzalis Position vorbringen; insbesondere dort, wo er diese mit einem bestimmten Verständnis der Aufklärung begründet:

  • El Ghazzali lehnt das Konzept der Erbsünde grundsätzlich ab und nicht nur in seiner säkularisierten Form. Eine fundierte Kritik utopischer Ideologien ist ohne Rückgriff auf dieses Konzept und die mit ihm verbundene Einsicht in die Unvollkommenheit menschlicher Natur jedoch kaum möglich. El Ghazzali sieht sich als Teil der Tradition der Aufklärung, stützt sich jedoch in seiner Ablehnung der Erbsünde gerade auf die radikalen Strömungen der Aufklärung, aus denen die von ihm kritisierten utopischen Ideologien hervorgegangen sind.
  • El Ghazzali schreibt zudem, dass die „emanzipatorischen Ideen der europäischen Aufklärung […] weltweit die treibende Kraft hinter […] Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei“ gewesen seien. Tatsächlich begann der Kampf gegen die Sklaverei im europäischen Kulturraum bereits im Mittelalter, wobei er sich ausdrücklich auf das christliche Menschenbild berief. Die treibende Kraft hinter der endgültigen Abschaffung der Sklaverei im europäischen Kulturraum im 19. Jahrhundert waren christliche Bewegungen.
  • Das von El Ghazzali vertretene Konzept universeller und unverfügbarer Menschenrechte ist ohne transzendeten Bezug nicht begründbar. Insbesondere die angelsächsische Strömung der Aufklärung erkannte dies an und stützte sich in ihrer Begründung der Menschenrechte auf die christliche Naturrechtslehre. Da atheistische Menschenrechtskonzepte keine über dem Menschen stehende Autorität anerkennen, sind Menschenrechte in diesen Konzepten immer relativ bzw. politischen Entscheidungen unterworfen. El Ghazzali kann als Atheist den Gedanken unverfügbarer Menschenrechte daher allenfalls aus einer schwachen Position heraus verteidigen.

Davon abgesehen gibt es jedoch Überschneidungen zwischen El Ghazzalis Kritik am Kulturrelativismus progressiver Ideologien und christlich-konservativer Weltanschauung.

Bewertung des Antirassismus aus der Perspektive der katholischen Soziallehre und des christlichen Konservatismus

Der amerikanische Theologe George Weigel hatte analog zu El Ghazzali bereits vor einiger Zeit kritisiert, dass sich in Europa ein Antifaschismus mit ersatzreligiösen Zügen ausbreite, der von Selbsthaß und dem Wunsch nach kollektiver Selbstauslöschung geprägt sei.1

Christlich-konservative Kritik an der Ideologie des Antirassismus kann zudem darauf verweisen, dass es dieser Ideologie ihrem neo-marxistischen Ursprung entsprechend nicht um die Beseitigung des Problems der biologistisch begründeten Abwertung von Menschengruppen geht, sondern um die revolutionäre Zerstörung gewachsener Ordnungen durch die Förderung innerer Konflikte.

  • Herbert Marcuse, einer der Vordenker der neo-marxistischen Frankfurter Schule, formulierte in den 1960er Jahren die Grundlagen des Antirassismus. Er wies darauf hin, dass die Arbeiterschaft westlicher Industriestaaten nicht wie von Karl Marx erwartet für Revolutionen mobilisieren lasse, weil sie ihre Unterdrückung nicht als solche erkenne. Marxistische Intellektuelle müssten daher stärker als bisher andere Gruppen mobilisieren, vor allem die „Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen“, die ein „Substrat der Geächteten und Außenseiter“ der modernen Gesellschaft seien.
  • Das neo-marxistische Streben danach, gesellschaftliche Gruppen mit dem Ziel der Förderung von Konflikten gegeneinander aufzubringen, ist mit dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre grundsätzlich unvereinbar. Statt dessen betont die katholische Soziallehre die Stärkung von Bindungen in einem Gemeinwesen.

Der Kulturrelativismus, der mit antirassistischer Ideologie verbunden ist, ist ebenfalls unhaltbar, weil er nicht wirklichkeitsrecht ist. Objektive moralische Wahrheit, die für Menschen kulturübergreifend erkennbar ist, existiert. Mittlerweile ist bekannt, dass die angeblich das Gegenteil belegenden Erkenntnisse der Völkerkundlerin Margaret Mead, auf die sich kulturrelativistische Ideologien seit den 1960er Jahren stützten, von ihr größtenteils frei erfunden waren.

Kulturrelativismus stellt jedoch auch einen Schutzreflex innerhalb materialistischer Ideologien gegen den realen Rassismus dar, den das materialistische Denken der Moderne hervorbrachte. Rassenideologien waren bis ins 18. Jahrhundert in der abendländischen Kultur unbekannt. Erst mit dem Aufkommen der Aufklärung und ihrem materialistischen Weltbild entstanden Rassenideologien, die Gruppen von Menschen auf biologischer Grundlage definierten und ihnen gemäß der materiellen Leistungen ihrer Kulturen unterschiedlichen Wert zumaßen.

Christliche Weltanschauung, die von der prinzipiellen Gleichwertigkeit der Menschen als Ebenbild Gottes ausgeht, kann hingegen kulturelle Unterschiede nüchtern ansprechen und bewerten, weil die Bewertung einer Kultur hier nicht zur pauschalen Abwertung von Menschen führen kann.

Das Problem des Eindringens antirassistischer Ideologie in die Kirche

El Ghazzali weist auf die Gefahren hin, die von einem säkularisierten Christentum ausgehen können, das innerlich durch andere Ideologien überformt wurde. Insbesondere in Deutschland ist eine entsprechende Überformung durch Ideologien wie den Antirassismus tatsächlich vorhanden, der vielfach an die Stelle der katholischen Soziallehre getreten ist.

Ein früherer Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, hatte in diesem Zusammenhang vor Tendenzen zur „Umwandlung der Kirche in eine NGO“ gewarnt. Bei solchen Tendenzen handele es sich um einen Ausdruck einer „suizidalen Modernisierung“. Einigen deutschen Bischöfen warf er vor, die Lehre der Kirche an moderne Ideologien anpassen zu wollen um größere öffentliche Zustimmung zu erhalten.

Quellen

  1. George Weigel: The Cube and the Cathedral. Europe, America, and Politics Without God, New York 2005, S. 14-15